7213450-1992_40_09.jpg
Digital In Arbeit

GEFÄHRDETES LEBENSMITTEL

1945 1960 1980 2000 2020

Häufig werden Stimmen laut, die vor weltweit drohender Wasserknappheit warnen: Trinkwasser bald als eines der kostbarsten Güter, sinkende Grundwasserspiegel nicht nur in der Sahelzone. Als Österreicher müssen wir uns allerdings nicht vor Wasserknappheit fürchten.

1945 1960 1980 2000 2020

Häufig werden Stimmen laut, die vor weltweit drohender Wasserknappheit warnen: Trinkwasser bald als eines der kostbarsten Güter, sinkende Grundwasserspiegel nicht nur in der Sahelzone. Als Österreicher müssen wir uns allerdings nicht vor Wasserknappheit fürchten.

Wasser ist bei uns ausreichend vorhanden, auch wenn örtlich (etwa im Marchfeld) der Grundwasserspiegel sinkt. Denn hierzulande werden pro Sekunde nur rund zwölf Kubikmeter Wasser verbraucht. Das liegt aber weit unter dem Angebot von rund 500 Kubikmetern. Allein mit dem in der Mitterndorfer Senke enthaltenen Wasser könnte man mehr als 100 Millionen Menschen versorgen.

Wenn es in Österreich zu Problemen mit dem Trinkwasser kommt, dann aus Gründen seinermangelnden Qualität. Der Wasserverschmutzung in Flüssen und Seen wird schon seit längerem zu Leibe gerückt (FURCHE 38/1991), die Bedrohung des Grundwassers aber blieb lange Zeit unbemerkt. Und dabei ist es vielfach gefährdet: Durch Sickerwasser aus (alten) Deponien, Pestizide, Nitrate (vor allem als Folge der Kunstdüngung) und chlorierte Kohlenwasserstoffe (CKW, die als fettlösende Mittel in Industrie, Gewerbe und Haushalt massenweise Verwendung finden). Letztlich landet alle Verschmutzung irgendwann im Wasser. Im allgemeinen liegt die Belastung in Österreich allerdings (meist deutlich) unter den Grenzwerten (siehe Seite 10).

Grund- und Quell-, nicht aber Oberflächenwasser liefert in Österreich das Trinkwasser. Meist wird es mittels Brunnen den Grundwasserkörpern entnommen. Diese sind sicherere Lieferanten als Quellen und weisen kaum jahreszeitliche Schwankungen im Wasserangebot auf: Trotz außergewöhnlicher Hitze gab es heuer kaum Versorgungsprobleme.

Wie sieht nun die zeitliche Entwicklung der Wasserqualität aus? Bis vor kurzem bedurfte das Wasser nur vereinzelt der Aufbereitung: Entsäuerung, Enteisenung und Entmangani-sierung. Erst in jüngerer Zeit stellt sich vor allem das Problem der Nitratbelastung.

Sie bereitet Kopfzerbrechen, weil es für die Aufbereitung von nitratbelastetem Wasser kein wirtschaftliches Verfahren gibt. Am ehesten wird versucht, das Nitrat schon im Boden zu eliminieren, also bevor es in den Brunnen gelangt. Durch Zugabe geeigneter Nährstoffe züchtet man Keime im Boden, die den Sauerstoff aus dem Nitrat brauchen, wodurch der Stickstoff frei wird und gasförmig entweicht. Es kann sein, daß man sich dabei das Problem einhandelt, zu viele Keime im Trinkwasser zu haben. Dann muß man es entkeimen.

Wasser zu entkeimen, ist ein Verfahren, das man seit 100 Jahren einsetzt. Bei starker Belastung verwendet man Sandfilter. Ist die Keimzahl nicht sehr groß, wird mit Beigabe von Chlordioxid, vonOzon gearbeitet oder mit ultraviolettem Licht bestrahlt.

Quell wasser, vor allem wenn es aus Karstgebieten kommt, ist meist sauberer, weil es den vielen Gefährdungen des Grundwassers in Tallagen nicht ausgesetzt ist. Sein Nachteil: Es tritt sehr rasch (oft 12 Stunden nach dem Einsickern) wieder aus und ist daher wenig gefiltert. Ein Typhusausscheider etwa, der im Raxgebiet seine Notdurft verrichtet, könnte in Wien das Wasser gefährden. Daher behandeln die Wasserwerke das Wasser auch sicherheitshalber, obwohl es an sich sauber ist.

Mehr Schutz für Quellgebiete

Daran erkennt man, wie wichtig ein guter Schutz der Wasserfassungsgebiete ist. Diesbezüglich liegen die Dinge in Österreich eher im argen: Meist sind die Schutzgebiete schlecht gewartet und zu klein (oft nur 20 mal 20 Meter um den Brunnen). Eigentlich müßten es einige Hektar sein. Sie müßten mit Auflagen hinsichtlich der Bewirtschaftung (wenig Dünger, keine Beweidung, keine Baugenehmigung) belegt werden.

In Hessen gibt es eine Verordnung, die die Landwirte in Grundwasser-Schutzgebieten dazu verpflichtet nur 80 Prozent des möglichen Ertrags zu erwirtschaften, also weniger zu düngen. Für diesen Verzicht bekommt der Landwirt eine Ausgleichszahlung.

Wasserentnahme bedarf also bestimmter Vorkehrungen. Hat aber jedes Haus seinen Brunnen, so kann man praktisch nicht ausreichend für Schutz sorgen und die Qualität des Wassers ist (bedingt durch die Nähe von Senkgruben, landwirtschaftlich intensiv genutzten Flächen) gering. So ergab eine Untersuchung von 4.000 Hausbrunnen in Niederösterreich nur bei 5,5 Prozent eine einwandfreie Wasserqualität. Örtliche oder regionale, zentrale Wasserversorgung, die über die Mittel verfügt, gutes Wasser aufzusuchen und es zu schützen, ist der richtige Ansatz. Die Verbindung solcher Wassernetze zur gegenseitigen Absicherung in Notfällen (Wr. Neustadt und der Wasserverband nördliches Burgenland kooperieren beispielsweise) ist ebenfalls sinnvoll.

Das Wasser aber von weither zu holen (etwa aus Stauseen in den Alpen, siehe S. 10), ist keine gute Lösung. Das ist störungsanfällig, verführt zum sorglosen Umgang mit dem örtlich verfügbaren Wasser und ist in der Einrichtung sehr energieaufwendig.

Wie wichtig der sorgsame Umgang mit dem örtlich verfügbaren Wasser ist, zeigt das Beispiel der Mitterndorfer Senke. 1982 wurden dort erstmals gesundheitsschädliche Konzentrationen von CKWs festgestellt. Nunmehr steht fest: Ein Drittel der riesigen Wassermenge ist kontaminiert (die übrigen zwei Drittel sind allerdings als Trinkwasser geeignet). Das entspricht der Wassermenge des Attersees: Eine 40 Kilometer lange Verseuchungsfahne ist die Folge massiver Verschmutzung durch Betriebe vor allem in Wr. Neustadt und Ternitz. Rund 30 Jahre wird es dauern, bis das verseuchte Grundwasser vorbeigezogen ist!

Zeitverzögerung auch, wenn es um Stickstoffbelastung geht: Untersuchungen deuten darauf hin, daß gezielte Maßnahme erst nach 20 Jahren Auswirkung auf das Grundwasser haben. Das hängt vor allem mit der Speicherung des Stickstoffs im Boden zusammen.

Örtlich eng umgrenzte CKW-Verseuchung läßt sich schon bekämpfen: Man pumpt das verseuchte Wasser an die Oberfläche, läßt es über Aktivkohlefilter rinnen und dann versik-kern. Dieses Verfahren wird derzeit im Wiener Becken bei der Fischer-Deponie, allerdings mit sehr großem Aufwand eingesetzt.

Das Erkennen der Grundwasserverseuchung hängt eng mit dem Fortschritt der Meßmethoden zusammen. Chlorierte Kohlenwasserstoffe gab es - wohl auch im Grundwasser - schon vor 30 oder 40 Jahren, aber nachweisbar sind sie erst, seitdem es Gas-Chromatographen gibt. Weitere Meßmethoden erlauben den Nachweis von Pestiziden und anderen Stoffen. Heute enthält ein Wasserbefund dreimal soviele Parameter wie vor 30 Jahren.

Wo liegen aber die Grenzen der Schädlichkeit? Früher legte dies die Toxikologie fest: Ein Hundertstel dieses Wertes ergab als Faustregel den Grenzwert. Heute geht man anders vor: Es gibt Vorsorgegrenzwerte. Weil man manche Stoffe überhaupt nicht mehr im Wasser haben will, legt man ihre Nachweisbarkeitsgrenze als Grenzwert fest.

Ein Nutzwassernetz?

Häufig wird die Einrichtung von zwei Netzen, eines für Trink-, eines für Nutzwasser gefordert. Derzeit gibt es das eigentlich nirgends und es wäre auch nicht sinnvoll, dafür enorme Investitionen zu tätigen. Denn in Bad und Küche ist Trinkwasserqualität auf jeden Fall erforderlich. Nutzwasser könnte nur für Klospülung und Gartenberegnung verwendet werden. Dafür die Infrastruktur aller Häuser zu ändern, wäre enorm aufwendig.

Und außerdem: Es herrscht ja Konsens darüber, daß alles Grundwasser Trinkwasserqualität erreichen soll. Da Österreich nicht an Wassermangel leidet, erübrigt sich daher das gezielte Sparen von Trinkwasser. Und viele Industriebetriebe, die Wasser brauchen, sind heute schon Eigenver-sorger (siehe Tabelle).

In manchen Gebieten - insbesondere im Marchfeld - gibt es einen zweiten Grundwasserhorizont. Da tritt das Grundwasser sozusagen in Stockwerken angeordnet auf - getrennt durch eine wasserundurchlässige Schicht. Dieses Wasser soll als Reserve für kommende Generationen bewahrt werden. Der heute verwendete Grundwasserhorizont wird - wenn auch im Vergleich zu Oberflächenwasser sehr träge - erneuert. Der zweite Grundwasserhorizont hingegen läßt sich eher als See beschreiben. Das Wasservorkommen ist zwar sehr groß, in Millionen Jahren entstanden, erneuert sich aber kaum.

Bei großer Entnahme besteht die Gefahr des Leerpumpens. Da dieses Wasser sehr gut gegen Umwelteinflüsse geschützt ist, kann es als Krisenreserve (man denke an Tschernobyl) dienen. Daher sollte es unangetastet bleiben.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau