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Gefährliches Zündeln

Zwei Personen, deren Aktivitäten während der Zeit des nationalsozialistischen „Dritten Reiches" landesbekannt sind, wurden in den letzten Wochen auf Antrag der Freiheitlichen Partei mit Zustimmung von SPÖ und ÖVP mit hohen Landesauszeichnungen geschmückt.

Die FPO unterstützt ein „überparteiliches Volksbegehren" zur Änderung eines minderheitenfreundlichen Schulgesetzes. Kärnten im Winter 1984: Im südlichsten Bundesland Österreichs gärt es wieder.

Hatte schon eine Vorsprache von Vertretern der slowenischen und kroatischen Minderheitenorganisationen in Ljubljana und Zagreb just zum Zeitpunkt des Staatsbesuches von Bundeskanzler Fred Sinowatz in Jugoslawien zum geharnischten Protest aller politischen Parteien in Kärnten geführt, glauben die Vertreter der slowenischen Volksgruppe nunmehr an einen Anschlag auf bisher unbestrittene Minderheitenrechte.

Wer angenommen hat, daß die Wogen nationaler Emotionen seit dem sogenannten „Ortstafel-sturm" von 1972 und der „Minderheitenzählung" von 1976 abgeebbt wären, wird im Zusammenhang mit der Einleitung des Schulgesetz-Volksbegehrens durch den Kärntner Heimatdienst (KHD) eines besseren belehrt.

Worauf zielt nun die Gesetzesinitiative des KHD ab?

Der Heimatdienst sieht sich als Vertreter der Interessen „Deutschkärntens" — wie es in einem KHD-Flugblatt zum geplanten Volksbegehren heißt: „Die Benachteiligung der Deutschkärntner Kinder und Lehrer in Südkärnten hat ein nicht mehr erträgliches Ausmaß angenommen!" (KHD-Flugblatt).

Stein des Anstoßes ist das Minderheitenschulgesetz von 1959. Das Gesetz bestimmt, daß in derzeit 81 Schulen im gemischtsprachigen Gebiet der Grundschulunterricht in einer bestimmten Stundenzahl auch in Slowenisch abgehalten werden muß. Allerdings gilt dies nur für jene Schüler, die von ihren Eltern zum Slowenischunterricht angemeldet werden.

Und die Zahl der Anmeldungen ist seit Inkrafttreten des Gesetzes ständig gesunken: weil viele slowenischsprechende Eltern ihre Kinder nicht dem minderheitenfeindlichen Klima im Land aussetzen wollen, sagen die Slowenenvertreter; weil sich immer mehr Menschen in den gemischtsprachigen Gebieten vom „slowenischen Nationalismus" der Minderheitenorganisationen distanzieren, sagen die Vertreter der deutschsprachigen Mehrheit.

Nach einer Zusammenstellung des Heimatdienstes waren im Schuljahr 1982/83 an 14 der in Betracht kommenden Schulen überhaupt keine Kinder zum Unterricht in Slowenisch gemeldet. An 50 Prozent der Schulen wollten weniger als zehn Schüler den Unterricht auch in Slowenisch.

So haben denn die Initiatoren des Volksbegehrens rasch Beispiele zur Hand, wonach oft zwanzig Kinder „still beschäftigt" werden, während der Lehrer einem einzigen Schüler den Unterricht in Slowenisch erteilt.

Aber nicht nur dieses Mißverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage stört die Vertreter des KHD. Sie befürchten auch, daß die rund 200 Lehrer an den Schulen mit zweisprachigem Unterricht nicht nur engagierte Slowenen wären, sondern auch versuchen könnten, die „Deutschkärntner Kinder" in ihrem Sinn zu beeinflussen: „Eine Slowenisierung der Lehrerschaft bedeutet zwangsläufig eine Slowenisierung der Kultur und eine Slowenisierung des Grenzlandes insgesamt", heißt es dazu — ganz deutschbewußt — im zitierten Flugblatt des Heimatdienstes.

Daß die Exponenten der slowenischen Volksgruppe gegen getrennte Schulen im gemischtsprachigen Gebiet Sturm laufen, ist in ihrer Situation nur allzu verständlich. Die slowenische Minderheit wäre durch „Ghettoschulen" noch mehr in ihrem Uberlebenskampf geschwächt. Die Anmeldungen zum Slowenischunterricht würden weiter sinken — und Kinder deutschsprachiger Eltern hätten überhaupt keine Möglichkeit mehr, zumindest in der Volksschule auch Slowenisch zu erlernen.

Der derzeitige Schulkonflikt in Kärnten ist nicht länger ein Landesproblem allein. Auf dem Spiel steht wiederum die internationale Reputation Österreichs als Land der Verständigung und Toleranz — auch gegenüber seinen ethnischen Minderheiten.

An die politischen Parteien in Kärnten muß aber appelliert werden, ihre moralische Verantwortung im anlaufenden Wahlkampf für die Landtagswahlen nicht zu vergessen. Minderheiten eignen sich nun allemal als Sündenbök-ke in schwierigen Zeiten. Fehlende Arbeitsplätze für deutschsprachige Lehrer — auch ein Argument der Initiatoren des Volksbegehrens — können nicht zu Lasten der slowenischen Volksgruppe in Kärnten geschaffen werden.

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