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Gefragt sind: Viel Glaube und ein wenig Humor

1945 1960 1980 2000 2020

Viele Menschen sorgen sich wegen der offen ausgetragenen Konflikte in der Kirche-nicht nur in Österreich. Einer der großen Konzilsväter versucht, Auswege aufzuzeigen.

1945 1960 1980 2000 2020

Viele Menschen sorgen sich wegen der offen ausgetragenen Konflikte in der Kirche-nicht nur in Österreich. Einer der großen Konzilsväter versucht, Auswege aufzuzeigen.

FURCHE: Wir stehen heute - nicht nur in Österreich - vor relativ heftigen Auseinandersetzungen innerhalb der Kirche. Haben diese auch etwas Gutes an sich?

KARDINAL LEO SUENENS: Hier haben wir einfach die Frage nach der Entwicklung der Kirche angeschnitten. Zuerst einmal geht es darum, daß wir Christen lernen, alle in dieselbe Richtung zu blicken. Einander zu lieben heißt nicht, daß wir gegenseitig aufeinander schauen, sondern daß wir gemeinsam in dieselbe Richtung Ausschau halten.

FURCHE: Was hat das mit der gegenwärtigen Auseinandersetzung zu tun?

SUENENS: Es geht darum, die Christen dazu zu animieren, sich folgender Frage zu stellen: Was ist die Kirche ihrem tiefsten Wesen nach?

FURCHE: Ist das zu wenig bekannt?

SUENENS: Ich bin immer wieder von der Tatsache betroffen, daß die meisten Christen übersehen haben, daß im Grundsatzdokument über die Kirche des Zweiten Vatikanums, „Lumen Gentium“, vom Geheimnis der Kirche die Rede ist: Die Kirche ist ein Geheimnis. Wenn wir also von der Kirche sprechen, so müssen wir erst einmal klarstellen, von welcher Kirche wir überhaupt reden.

FURCHE: Gibt es diesbezüglich Mißverständnisse?

SUENENS: Wir haben unterschiedliche Ebenen der Betrachtung. Es gibt die Kirche in ihrer historischen und soziologischen Ausprägung. Da sehen wir die Menschen, schwache Menschen. Wir alle tragen Schätze in zerbrechlichen Gefäßen. Dieselbe Kirche ist aber auch eine sakramentale Wirklichkeit. Von dieser Warte aus gesehen stellt sie die Fortsetzung des Geheimnisses der Menschwerdung unseres Herrn dar: Es ist Christus, der tauft, der die Eucharistie feiert, der die Sünden vergibt...

Und es gibt noch ein tieferes Verständnis. Weil Christus uns den Heiligen Geist zugesagt hat, haben wir es auch mit der vom Heiligen Geist bewegten, pfingstlichen Kirche zu tun.

FURCHE: Beschränken sich nun die gegenwärtigen Auseinandersetzungen Ihrer Meinung nach allzu sehr auf eine vordergründige, institutionelle Betrachtung?

SUENENS: Zweifellos. Wir starren uns dauernd gegenseitig an, sehen nur das Menschliche. So aber kommen wir nicht aus den Querelen heraus. Menschlich gesehen besteht die Kirche nun einmal aus Menschen, die mehr oder weniger gute Eigenschaften haben. Von Zeit zu Zeit gibt es großartige Päpste - freuen wir uns darüber. Aber es gab auch Zeiten, wo dies keineswegs der Fall war. Wir müssen einfach die menschliche Schwäche zur Kenntnis nehmen.

Was mich da tröstet: Wenn Sie den Stammbaum Jesu anschauen, so finden Sie in der Liste recht armselige Leute. Ahnlich geht es mir, wenn ich die Geschichte der Apostel anschaue. Das ist nicht gerade ruhmreich. Insbesondere Petrus. Ihm hat der Herr immerhin: „Weg von mir Satan“, gesagt. Wir dürfen daher nicht kopfscheu werden, wenn wir erkennen, welche Menschen wir im Grund genommen sind.

FURCHE: Aber ist es nicht allzu verständlich, wenn viele Menschen von diesen offensichtlichen Schwächen entmutigt sind?

SUENENS: Es geht darum, hinter dieser Menschlichkeit das Wirken des Heiligen Geistes zu erkennen. Für mich ist es daher wichtig, daß die Christen die tiefen Wurzeln ihres Glaubens entdecken.

FURCHE: Lassen sich diese so einfach kennzeichnen?

SUENENS: Die Kirche hat seit Beginn versucht klarzustellen, was das Christentum bedeutet. Das Zweite Vatikanum hat in diesem Zusammenhang folgende Frage beantwortet: Kirche Gottes - wer bist Du? Und sollte es irgendwann in der Zukunft wieder zu einem Konzil kommen, so wäre meiner Meinung nach die Frage zu klären: Christ - wer bist Du?

Wir müssen klarstellen, was unser Fundament als Christen ist. Ich habe mit der Gruppe „Fiat“, die sich der Neuevangelisierung verschrieben hat, folgende Antwort zu geben versucht: Der Christ ist ein vom Glauben seiner Taufe bewegter, von der Eucharistie genährter, durch die Gnade von Pfingsten erneuerter Zeuge Christi. Das ist unsere Identitätskarte.

FURCHE:, Was bedeutet das ßr den Christen?

SUENENS: Jeder von uns ist aufgerufen, sich ernsthaft zu fragen, ob er die Konsequenzen aus diesen Besonderheiten des Christseins gezogen hat: Leben wir die Zusage, die uns in der Taufe gegeben wurde und die lautet: Nicht mehr ich lebe, sondern Christus in mir? Leben wir den Auftrag, der von der Eucharistie kommt: Tut dies zu meinem Gedächtnis?

Und schließlich wäre zu fragen: Lassen wir uns vom Heiligen Geist bewegen? Es geht also um die Art, wie wir die Sakramente der Taufe, der Firmung und der Eucharistie und die von ihnen ausgehenden Gnaden leben. Und darauf sollten wir Christen uns konzentrieren: Betrachten wir doch, was Gott in uns bewirkt. Darum geht es - und erst nachrangig um irgendwelche Positionen.

FURCHE: Hält man Sie nun mit solchen Ansichten eher für „konservativ“ oder für „progressiv“?

SUENENS: Im allgemeinen gelte ich als eher links stehend. Aber wissen Sie, es werden sich immer Leute finden, neben denen sie als Linker erscheinen. Ich möchte Ihnen auf Ihre Frage dieselbe Antwort geben, die ich am Konzil jemandem gab, der mich ähnliches gefragt hat: Ich bin extreme Mitte. Damit meine ich, daß ich beides bin.

FURCHE: Rühren nicht viele Probleme der Kirche daher, daß sie in einer Welt lebt, die nicht mehr primär von ihr geprägt wird, wo sich die Frage nach der Anpassung stellt?

SUENENS: Das ist ein Grundproblem. „Gaudium et spes“, ein weiteres großes Dokument des Konzils, hat versucht, darauf eine Antwort zu geben. Es erging der Aufruf, die Probleme des Menschen unserer Zeit ernst zu nehmen, auf die Menschen zuzugehen. Die Nächstenliebe galt es zu betonen. In der Vergangenheit war die soziale Aktion gegenüber der Frömmigkeit ins Hintertreffen geraten. Früher war das Bild des Christen allzu sehr verkürzt. Der Christ war jemand, der sonntags in die Kircheging, Freitag kein Fleisch aß und zu Ostern zur Beichte ging. Da war es wichtig, den Auftrag der Christen zur Weltgestaltung hervorzuheben. Aber doch nicht auf Kosten des ersten Gebotes, Gott aus ganzem Herzen zu heben, wie dies heute zu beobachten ist! Es geht also um ein Gleichgewicht, um das Wiederentdecken der Fundamente.

FURCHE:Was braucht die Kirche also heute in besonderem Maß?

SUENENS: Man hat mich das einmal in Amerika bei einer Pressekonferenz gefragt. Und meine Antwort war damals wie heute: Wir brauchen Glauben und ein wenig Humor. Letzterer hilft uns die eigenen Begrenzungen und die der anderen zu ertragen.

Wir müssen einen neuen Blick auf unsere Welt werfen und erkennen, daß sie derzeit vom christlichen Standpunkt aus betrachtet in einem recht jämmerlichen Zustand ist. Kürzlich habe ich eine Statistik gesehen. In Frankreich gibt es 200.000 Katecheten (was übrigens großartig ist!). Man hat sie gebeten, den Kindern, die sie unterrichten, die Frage zu stellen: Wer von euch hat schon zu Hause von Jesus Christus erzählen gehört? 70 Prozent hatten vorher noch nie von Jesus gehört - und dabei handelt es sich um Kinder aus Familien, die den Glauben nicht total ablehnen, schik-ken sie ihre Kinder doch zum Katechismus-Unterricht I

Die Weitergabe des Glaubens funktioniert also nicht mehr in der traditionellen Weise. Die Kinder atmen heute von klein auf einen anderen Geist. Man denke nur an die vielen Stunden, die sie vor dem Fernseher verbringen: Das ist ein Bombardement mit einer Immora-lität verschiedenster Art Dahergeht es darum, daß sie sich als Erwachsene für einen Weg als Christen entscheiden. Damit will ich allerdings keineswegs sagen, daß man Kinder nicht taufen sollte. Aber wir müssen der Katechese für Erwachsene heute besondere Aufmerksamkeit zuwenden, einer Art Neoka-techumenat für Getaufte und Ge-firmte. Christen sollten dabei die Erfahrung der Gegenwart und des Wirkens Gottes machen und sich aufgrund dessen bewußt für Ihn entscheiden. Immerhin sind die Apostel drei Jahre hindurch mit Jesus unterwegs gewesen und sie haben dabei herzlich wenig begriffen. Der Herr mußte ihnen sagen, er werde ihnen den Heiligen Geist senden, der sie all das lehren würde, was sie bisher nicht verstanden hatten, und der ihnen erst die Kraft geben würde, seine Zeugen zu sein.

Und diese Erfahrung des Heiligen Geistes gilt es, heute den Christen zu vermitteln und zwar - ohne daß ich mich auf ein Alter festlegen lassen möchte - in einer Lebensphase, in der man sich etwa auch reif fühlt, sich für eine Ehe zu entscheiden.

FURCHE: Wie könnte das vorsieh gehen?

SUENENS: Da ist vor allem das Zeugnis der Laien, die aus dem Heiligen Geist leben, gefordert Das wurde mir kürzlich wieder einmal klar, als ich eine Gruppe junger, 20-bis 2 5jähriger Amerikaner zum Essen eingeladen hatte und sie über ihren Glaubensweg befragte. So gut wie alle hatten der Kirche spätestens mit 15 bis 17 Jahren den Rük-ken gekehrt Und jeder erzählte der Reihe nach, wie er zu Jesus gefunden hatte. Einer hat gesagt: „Nicht ich habe Jesus gefunden, sondern Er ist mir begegnet“. Wie das vor sich gegangen sei, wollte ich wissen. Das sei durch die Begegnung mit lebendigen Christengeschehen, war die Antwort

Und darum geht es auch bei der Neuevangelisierung, zu der der Papst aufruft

Mit Kardinal Suenens, dem letzten noch lebenden 4er vier Moderatoren des Zweiten Vatikanischen Konzils, sprach Christof Gaspari.

ERRATUM Im Beitrag “Mehr als Erholung“ (S.6 FURCHE 33/1989) sollte erichü-gerv/eise heißen: “England war nicht nur unser Vorbild, sondern...auch .- der Vermittler zu unseren Bundesministerien, von denen wir kleine Subventionen erhalten—*

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