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Geist und Image

Österreich hat ein miserables Image beim "Weltjudentum", um den unglücklichen Ausdruck zu gebrauchen, aber in einem anderen Sinn, als es da und dort üblich ist. Es ist nämlich tatsächlich so, daß Juden aus Österreich und ihre Nachkommen in aller Welt leben. Viele von ihnen tun es nicht zuletzt deshalb, weil die nach dem deutschen Einmarsch Geflohenen niemand gebeten oder auch nur er-muntert hat, zurückzukommen. Während NS-belastete Fachleute, darunter viele Universitätsprofes-soren, aufgrund ihrer "Unentbehr-lichkeit" wieder in die bis 1945 innegehabten Positionen einrückten, ließ man rückkehrwillige Gleichwertige oder Bessere, die geflohen waren, wissen, in Österreich würde es weder Posten noch Wohnungen für sie geben, das Land sei ja so arm. Kamen sie doch, ließ man sie oft deutlich fühlen, wie "willkommen" sie waren.

Seltsamerweise gelangt der Zusammenhang zwischen dem Ver-halten vieler Österreicher und des offiziellen Österreich gegenüber den Überlebenden und Österreichs Image in den "bewußten Kreisen" (auch dies so ein beliebter Aus-druck) selten ins österreichische Bewußtsein.

Darum ist das soeben erschienene Buch "Betrifft: Österreich" von Albert Sternfeld (Locker Verlag) so wichtig. Da schreibt sich nämlich einer seine Trauer von der Seele. Nicht zuletzt: Trauer um dieses Land, das er trotz allem liebt. Und in dem er, der hier Geborene, von hier Vertriebene und hierher Zurückgekehrte, dann jahrelang um die Wiedererlangung seiner Staatsbürgerschaft kämpfen durfte. Die FURCHE wird das Buch in der "Literarischen Rundschau" besprechen.

Hier aber ein Mosaikstein aus der Nachkriegszeit, der nicht bei Stern-feld steht (der erst später zurück-kam), aber das Bild des moralischen und geistigen Klimas, das 1947 in Österreich herrschte, auf signifikante Weise vervollständigt: Die "Wiener Zeitung" veröffentlichte in den Nachkriegsjahren regelmäßig nicht spalten-, sondern seitenlang Suchanzeigen nach vermißten Wehrmachtangehörigen, Bombenopfern und Juden. Säuberlich getrennt. An manchen Tagen seitenlang vermißte Soldaten. An anderen Tagen die Bombenopfer oder die Juden. Spaltenlang: Zuletzt gesehen in Theresienstadt... oder im Durchgangslager in der Großen Sperlgasse... oder auf dem Morzinplatz bei der Gestapo. Oder in einem Ghetto "im Osten". Die meisten Gesuchten waren tot.

Die Suchanzeigen waren gratis. Das war nur recht und billig. Weniger recht und billig: Nur nach vermißten Soldaten und Bombenopfern waren sie gebührenfrei. Die nach abtransportierten und verschollenen Juden wurden mit 40 Schilling (was heute weit mehr als dem Zehnfachen entspricht) in Rechnung gestellt. Ein Umstand, der die so oft wiederholten Beteuerungen österreichischer Politiker relativiert, Österreich könne erstens als ein von den Deutschen vergewaltigtes Land nichts für die Verbrechen der Nazis, zweitens sei es sehr arm und könne sich nicht viel "Wiedergutmachung" leisten.

Der Unterschied, der zwischen Soldaten, die in Hitlers Armeen hatten kämpfen müssen, das aber oft auch gewollt hatten, und Hitlers Opfern gemacht wurde, straft die Beteuerungen Lügen.

Da war etwa die deutsche Bestimmung, wonach die Nachlässe gefallener Soldaten von der Erbschaftssteuer befreit waren. Daß diese Regelung vom Nachkriegsösterreich übernommen wurde, war sicher nur recht und billig. Daß es für die Hinterbliebenen der Naziopfer aber keine Vollbefreiung, sondern nur eine Freigrenze gab, war keineswegs recht und für die Betroffenen schon gar nicht billig.

Den Hinterbliebenen einer in Auschwitz umgekommenen Wiener Jüdin wurde auch die Freigrenze gestrichen. Begründung: Diese Begünstigung gelte nur für Österreicher. Damit, daß die Frau Österreich verlassen habe, habe sie auf die österreichische Staatsbürgerschaft verzichtet. Unter welchen Umständen dieses Verlassen erfolgte, unter Todesgefahr flüchtend oder in einem Viehwaggon nach Auschwitz, wurde für rechtlich irrelevant befunden.

Es scheint mir von großer Wichtigkeit, daß wir uns dieses Verhalten des offiziellen Österreich, sowohl des Gesetzgebers als auch der vollziehenden Stellen (welche die Gesetze oft verschärfend auslegten), wieder bewußt machen. Wir würden dann unser schlechtes Image besser verstehen. Würden nicht den anderen die Schuld daran geben, sondern sie bei uns selber finden.

Als Österreich noch um Sonderbehandlung durch die Alliierten und um einen Staatsvertrag rang, betonte die Regierung immer wieder den Beitrag, den Österreicher im Krieg im Kampf gegen Hitler geleistet hatten. Dafür, wie Österreicher, die tatsächlich gegen Hitler gekämpft hatten, behandelt wurden, als wir den Staatsvertrag dann hatten, zitiert Sternfeld ein Beispiel aus den Erinnerungen eines inzwischen Verstorbenen.

Joseph T. Simon hatte nach dem "Anschluß" auf abenteuerlichen Wegen über Skandinavien und den Fernen Osten nach Amerika fliehen können und sich dort zu den US-Streitkräften gemeldet. Er kam als US-Offizier ins befreite Österreich zurück und vertrat als Rechtsberater der amerikanischen Besatzungsmacht tatkräftig die österreichischen Interessen, weshalb ihn seine Partei, die SPÖ, später in einer führenden Position beim Wieder-aufbau der Verstaatlichten Industrie verwenden wollte. Aus der führenden Position wurde eine mittlere in der ÖMV, und die behielt er auch nicht lang, denn eines Tages sagte während einer Vorstandssitzung ein Vorstandsmitglied von der anderen Partei:

"Herr Dr. Simon, mir wurde mitgeteilt, daß Sie in der Uniform eines Feindstaates nach Österreich gekommen sind. Jemand, der früher Österreicher war und sich dann nicht geschämt hat, die Uniform des Feindes anzuziehen, ist nicht geeignet, in einem österreichischen Betrieb etwas anzuschaffen." Er möge freiwillig zurücktreten, da niemand mit ihm zusammenarbeiten wolle. Auch die SPÖ ließ ihn fallen.

Nachkriegs-Niedertracht kann sowenig ungeschehen gemacht werden wie die NS-Verbrechen. Zum Thema, was heute noch getan werden könnte, zitiert Sternfeld Erhard Buseks vor wenigen Jahren vorgetragene Vision, "daß forsche Parteiobmännerund Generalsekretäre endlich aufhören, auf sogenannte .gewisse Kreise' anzuspielen und vor bestimmte Namen in scheinhöflich-herabsetzender Weise das Wort .Herr' zu setzen. Ich empfinde das nicht nur als Belastung des Ansehens Österreichs im Ausland..., ich empfinde das als unerträgliche Belastung der tägli-chen Atemluft in unserer Stadt und unserem Land."

Geredet wird heute wirklich etwas anders. Aber wird auch anders gedacht? Oder ist man nur dem Image zuliebe vorsichtiger?

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