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Geistiges Monument für morgen

Eigentlich hat es etwas Beschämendes an sich, daß es des äußerlichen Anstoßes eines Jubiläums bedarf, um einer Persönlichkeit, eines Ereignisses oder anderer bemerkenswerter Zusammenhänge der Geschichte entsprechend zu gedenken. Aber dennoch ist das Besinnen, das jeder Generation aufgetragene Orientieren, durch welchen Anlaß im-' mer, von nicht zu unterschätzender Bedeutung, schließt es doch so recht die Suche nach sich selbst ein. Es zählt zu den Binsenweisheiten der Geistesgeschichte, und die Geschichte der Kunst weiß dies mehr als deutlich zu bestätigen, daß jede Generation in der Vergangenheit dasjenige sucht, was ihr selbst nottut.

So kam es ja zu den Pendelschlägen, zu dem Wechsel der Bewertungen und letztlich der Stile. Pendelschläge bedingen polare Gegensätze und in der Geschichte Österreichs hat man diese in dem späten Konflikt Maria Theresias mit ihrem Sohn Joseph, einem zweifellos dramatischen Ereignis, sehr pointiert auszudeuten gewußt. Im gleichen Maß wie Joseph zum Inbegriff des fortschrittlichen aber gehinderten Aufklärers wurde, polarisierte man seine Mutter zum konservativen Kontrastbild. Hier bedurfte die historische Interpretation einiger Korrekturen. Der äußere Anlaß der 200. Wiederkehr des Todestages bot den Anstoß.

Nun kann man Ausstellungen gewiß zu den schönsten Gelegenheiten zählen, historische Fakten vielen Menschen vor Augen zu führen. Eine lange gehegte Uberzeugung von der Verpflichtung, dem Sinn allen wissenschaftlichen Forschens, seiner eigenen Zeit, und mehr noch in der jungen Generation der herankommenden Zukunft zu dienen, ließ die sich durch einen Beschluß der Bundesregierung bietende Gelegenheit, in Schloß Schönbrunn zu diesem Anlaß eine umfassende Ausstellung zu gestalten, zu einer faszinierenden Chance und Aufgabe werden. .

Ich habe daher die Aufforderung, ein Maria-Theresien-Jahr wissenschaftlich vorzubereiten, in voller Einsicht dessen, was mich an Problemen, Abneigungen, Schwierigkeiten erwarten würde, mit Uberzeugung angenommen. Es war mein primäres Ziel, historischer Klärung, vertiefter Einsicht und einem immer stärkeren Selbstbewußtsein Österreichs mit allen Kräften zu dienen.

Immer wieder richtet man an mich die Frage, wie eine Ausstellung solcher Art, Dimension und Vielfältigkeit entsteht. Vielleicht kann man es kurz so darlegen. Jedem konkreten Werden einer Ausstellung liegt eine Vision zugrunde, eine Vorstellung vom Ganzen, das sich aus dem Gewinnen eines geistigen Gehaltes dessen, was man zum Ausdruck bringen will, aus der Uberschau erreichbarer Exponate und den vorgegebenen räumlichen Unabänderlichkeiten ergibt. Umgehende Studien der wesentlichen Literatur, der historischen Forschung - ist doch bei Maria Theresia das anekdotische und sentimentale Element so dominierend -mußten und müssen immer den Anfang bilden; der Einstieg in die primären zeitgeschichtlichen Quellen den nächsten Schritt.

Wir haben ein Karteisystem entwik-kelt, das sich übrigens bis zuletzt sehr bewähren sollte, personell, sachbegrifflich und gegenständlich. 1888 bereits ebenso wie 1930 hatte manjn Schönbrunn Maria-Theresia-Ausstellungen veranstaltet. Die Kataloge boten ein weiteres wesentliches Fundament, sie erschienen als ein überquellend reiches Material; jedes damalige Exponat wurde so zum Karteiblatt und von da aus konnte die Sucharbeit beginnen. Die Zeiten im vergangenen halben Jahrhundert aber haben sich beträchtlich gewandelt, Besitzverhältnisse, Erhaltung, die weit geringere Neigung der Leihgeber und auch der öffentlichen Institute zur Zusammenarbeit, Verträge, Enteignungen, Zerstörungen; kurzum nur ein ziemlich geringer Teil der damaligen Objekte tauchte auf. Aber die Anfänge gingen weiter.

Da es unsere erklärte Absicht war, nicht bloß - wie in den seinerzeitigen Ausstellungen - eine Ansammlung reizvoller Erinnerungsstücke an die Kaiserin zustandezubringen, sondern (was bereits der uns vorgegebene Titel „-• und ihre Zeit” aussagt) ein Zeitbild mit der Betonung auf dem Zeiten wandel zu schaffen, hieß die Frage nun: welche Bereiche machen diese Zeit denn aus? Wir gingen an die Erarbeitung von „Themenkreisen” und ordneten die erreichbaren Exponate ebenso wie rein utopische Desiderata in solche Gruppierungen. So entstanden die 16 Themen (auf denen heute die Ausstellung aufgebaut ist), die vom historisch-politischen Geschehen zu Familie, Reformen der Staatsverwaltung, des Rechtes, der Wirtschaft, zu allgemeiner Kultur, Mode, Literatur, Theater, Oper, Ballett führte und schließlich über Bildung, Naturwissenschaften und Tech nik eben an die Wende zum neuen Jahrhundert, das man später als den Aufbruch in das industrielle Zeitalter verstehen sollte, zu gelangen.

Wir waren der Meinung, daß solche Vielfalt nur solide geschildert werden konnte, wenn jeder Einzelbereich vom zuständigen Fachmann bearbeitet wurde. Wir suchten und fanden in allen Themenkreisen die entsprechenden Fachleute. Hier erhielten wir eigentlich die stärkste Mithilfe. An der Spitze nenne ich den Historiker Professor Adam Wandruszka, der mit größter Bereitschaft uns zur Seite stand und nicht minder seinen Mitarbeiter Dozent Karl Vocelka. So wuchs immer greifbarer ein System von Exponaten und Zielsetzungen, zu denen die konkreten Objekte zu suchen und in ein gesamtes Gefüge zu gliedern waren.

Die Räume von Schönbrunn sind von großer Schönheit, aber sie sind keine Ausstellungsräume. So mußte die Planung auch nicht minder die Möglichkeiten der räumlichen Anordnung grundlegend in Betracht ziehen. Die Probleme der Gestaltung und des ästhetischen Anspruchs folgten. Hier beharrten wir auf dem gefaßten Grundsatz: Kein Ersatz, keine Reproduktion, keine Fotographie (wovon wir nur aus rein konservatorischer Besorgnis in einem einzigen Fall abgegangen sind), sondern nur die ungeschmälerte Wirkung des Originals. Auch das originale Dokument hat jene unmittelbare Faszination, wie sie in gewiß anderer Art das Kunstwerk besitzt. Und noch etwas: Bei aller Vielfalt muß ein Zuviel, ein Wirkenwollen durch Massenansammlung vermieden werden. Ein einzelnes Objekt kann weit mehr begreiflich machen, als ein ganzer überfüllter Saal.

Den Katalog zu einem vor dem Objekt selbst benutzbaren Instrument zu machen, blieb ein weiteres wesentliches 2iel. So kam es zur Zweiteilung in das Kompendium wissenschaftlicher Zusammenschau, dem im Residenzverlag erschienenen Band „Maria Theresia und ihre Zeit” als ersten Schritt und den Katalog der kommentierten Exponate als einen zweiten.

Diese wenigen Zeilen einer Einführung in unsere Grundfragen vermögen wohl kaum das zu umreißen, was in den zweieinhalb Jahren, die wir zur Verfügung hatten, zu geschehen hatte und geschah. Meine Mitarbeiter und ich haben nach einem eigentlich wie ein großer Organisationsplan zu verstehenden Ablauf sehr viel zu erarbeiten gehabt. Wir hoffen mit aller Uberzeugung, daß davon ein Zeitbild sich auf den Betrachter übertragen wird, das Glanz, kulturelle Blüte und höfische Schönheit zu zeigen vermag, das aber nicht minder die Zeitprobleme begreifen läßt. Vor einhundert Jahren (zum einhundertsten Todesjahr) hat man die Errichtung eines Monuments, das Denkmal am Ring, beschlossen. Unser Wunsch wäre, daß unsere Ausstellung wie ein geistiges Monument das Bewußtsein für Vergangenheit und Verantwortung in ein neues Jahrhundert weiterträgt.

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