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Gemeinsamkeit in Kärnten

Im südlichsten Bundesland Österreichs gedeiht der Wein nicht. Nur einige Orts- und Flurr namen erinnern noch an vergebliche Versuche, den Weinstock hier zu beheimaten. Manches andere aber, das der Nord- und Mitteleuropäer zumeist im ferneren Süden sucht, findet sich auch in Kärnten. So haben denn viele Völker gern hier gewohnt: Kelten, Romanen, Slawen und Germanen. Sie haben Spuren im Boden hinterlassen und mehr noch Spuren in der Seele der Menschen, die heute im Land leben. Die Verschmelzung solcher Spuren mag eine der Ursachen für die ungewöhnlich große Zahl hier vorhandener künstlerischer, literarischer Begabungen sein.

Wer etwa einen Kärntner Studierenden befragt, ob er musiziere, gar komponiere, ob er sich in der bildenden Kunst oder literarisch versuche, wird selten eine allseits verneinende Antwort erhalten. Auch heute wollen Menschen aus vielen Völkern hier wohnen. Wenigstens einen Urlaub lang fügen sie sich den bodenständigen Deutschen oder Slowenen hinzu. Manche bleiben überhaupt Unter ihnen so bedeutende Künstler wie Giselbert Ho-ke und Werner Berg.

„Kärnten ist nur eines”, singt ein Volkslied im heimischen Dialekt. Das gilt natürlich für jedes Land. Was aber ein anderes Volkslied behauptet, kann nicht so leicht auf andere Länder und Landschaften übertragen werden: Gott selbst habe gelächelt, als er dieses Land erschaffen habe. Solche aus dem Volk gewachsene Schöpfungstheologie kann sich gegenüber mancher hochmütigen Schultheologie wohl behaupten. Natur als Schöpfung -das begreifen in diesem Land viele, weit hinaus über die Kernschichten der katholischen und der evangelischen Kirche.

Die Glaubenswahrheit von der Erlösung wird, so scheint es, sehr viel schwerer angenommen. Früher einmal war es wohl anders. An die tausend Kirchen (kein anderes Bundesland ist reicher an Sakralbauten) geben Zeugnis davon. Jede von ihnen ist unverwechselbar wie ein gutes Gesicht. Dazu kommen an die 4000 Bildstöcke an den Wegen und Straßen.

Seit vielleicht 1700 Jahren leben Christen hier. Die Kärntner Kirchengeschichte weist tiefe Einschnitte, ja Abbruche auf: Völ-

Der diözesane Koordinationsausschuß hat 9 Publikationen mit dem Titel „Das gemeinsame Kärnten — Skupna Koroska” als bedeutsamen Beitrag zu solcher Aufklärung herausgegeben. Hier finden sich Beiträge führender Vertreter beider Volksgruppen, der Kirchen und politischen Parteien sowie namhafter Wissenschaftler zur Volksgruppenfrage. Es ist zu hoffen, daß das hier Erarbeitete nicht von der heute heranwachsenden Generation vergessen, bloß Material für Historiker von morgen sein wird.

Der Friede zwischen den Volksgruppen gelingt von Mensch zu Mensch meist nicht schwer. So erzählte mir kürzlich ein deutschsprachiger Bauer, sein slowenischer Nachbar, den er auf Slowenisch gebeten hätte, ihm einen Pflug zu leihen, hätte ihm seine Zustimmung auf Deutsch gegeben.

Im gesellschaftspolitischen Bereich gibt es noch manche offene Fragen. Die Kirche hat in der Synode ihren Beitrag zur Lösung nicht als schwere Pflicht, sondern als dankbar anzunehmende Aufgabe begriffen. Im Synodentext über „Das Zusammenleben der Deutschen und Slowenen in der Kirche Kärntens” heißt es: „Die Tatsache, daß in der Diözese Gurk-Klagenfurt seit Jahrhunderten Deutsche und Slowenen leben, nehmen wir als Zeichen der Vielfalt der Schöpfung und als historisch gewachsene Gegebenheit an und empfinden es dankbar als Aufgabe der Christen Kärntens, diese beiden Völker zu besserem gegenseitigen Verständnis und damit zu einem aktiven Zusammenleben im Geist christlicher Nächstenliebe zu führen.”

Im Ganzen ist die Kirche heute wahrscheinlich lebendiger als zu manchen anderen Zeiten ihrer Geschichte. Manche Neuaufbrüche pfingstlichen Geistes bei Jugendlichen wie bei Männern und Frauen mitten in Leben und Beruf hätte vor Jahren kaum jemand erhofft. Die Vorfahren haben 1000 Kirchen erbaut. Die Katholiken heute fügen nur wenige hinzu, erhalten aber mit großer Liebe die alten. Es wird in diesem Land aber auch mit viel Einsatz, geduldig und unspektakulär an der Kirche aus lebendigen Steinen gebaut kerwanderung, Reformation, Aufklärung. Das 19. und weithin noch das 20. Jahrhundert waren schwierige Zeiten vor allem für die katholische Kirche. Ein Gradmesser dessen war der im damaligen Vergleich zu anderen Kron-und Bundesländern beispiellose Mangel an einheimischem Priesternachwuchs. Von antikirchlichen Mitbürgern verbal, ja brachial befehdete Bischöfe wie Josef Kahn und Adam Hefter sammelten geduldig ihre im Widerstand erstarkenden und sich profilierenden Gläubigen. Nach 1945 konnte Bischof Josef Köstner durch Jahrzehnte ein stilles, zähes Aufbauwerk betreiben. Er trug und litt in sich die Spannungen aus, die Kärnten und die Kirche in Kärnten prägten und prägen.

Eine solche Spannung ergibt sich aus dem Zusammenleben der deutschen und der slowenischen Volksgruppe. Der jahrhundertelange Friede zwischen ihnen war in diesem Jahrhundert harten Belastungen und die slowenische Volksgruppe einem starken Assimilierungsprozeß ausgesetzt, dem sie sich selbstverständlicherweise widersetzt. Die katholische Kirche hat nicht wenig für den Frieden zwischen den Volksgruppen getan, vor allem bei und nach der Diözesansynode 1972.

Umstritten bleibt, ob ein Durchbruch gelungen ist. Durch Aufklärung über Wurzeln und Genese eines Konflikts allein ist Frieden noch nicht herzustellen. Dennoch ist eine solche Aufklärung ein schwer verzichtbarer Schritt auf dem Weg zum Frieden.

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