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Gemeuchelte Gegenwart

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Heute ist der 12. Juni 1986. Vor mir liegt ein Programmheft des ORF (für Leser späterer Zeiten: des Österreichischen Rundfunks). Da es die Literatursendungen im Juni enthält, muß es spätestens Ende Mai erschienen sein. In diesem Programmheft steht unter dem 30. Juni (Montag):

„20.00-21.00 Uhr WELT DER LITERATUR: .Der Ingeborg-Bachmann-Preis 1986'. 24 Autoren stellten sich heuer zum zehnten Mal einer elfköpfigen internationalen Jury. Jeder Autor las aus einem eigenen, bislang unveröffentlichten Text eine halbe Stunde vor der Jury, den Medien, Lektoren und dem Publikum. Nach jeder Lesung erfolgte eine Spontan-Kritik der Jury. Die Lesungen dauerten von Donnerstag, dem 26. Juni, bis Samstag, dem 28. Juni. Am 29. Juni, vormittags, erfolgte die Preisermittlung in offener Abstimmung und vor dem Publikum.“

Nicht nur, daß die elfköpfige Jury eine .Unternationale“ und die vorgelesenen Texte „bislang unveröffentlichte“ sind; nicht nur, daß das Vorlesen vor „Jury,

Medien, Lektoren und Publikum“-das heißt vor den Augen und Ohren aller Welt mit Ausnahme des lieben Gottes — eine geschlagene halbe Stunde dauert und dann auch noch die Peinlichkeit eines zwar nicht notgedrungenen, aber notgedrungen „spontanen“ Urteils folgt; nicht nur, daß die Preise „in offener Abstimmung vor dem Publikum“ ausgeschnapst werden (soll eine solche Methode der Wahrheitsfindung, die mit einem Auge fortwährend nach der Blamage schielt, dazu angetan sein, irgend etwas Geschriebenem gerecht zu werden, das länger als eine halbe Stunde Geltung hat?).

Nicht genug mit diesen deutlichen Anzeichen eines spastischen Krampfes, den der Literaturbetrieb in Klagenfurt alljährlich seit 1976 bekommt: Der ORF (österreichischer Rundfunk) kündigt ihn einen Monat vorher bereits als historisch, im Imperfekt, an.

Da hält es jemand nicht aus, daß alles auf dieser Welt seine Zeit braucht - sogar der „Ingeborg-Bachmann-Preis“. Jemand? Kein Unbekannter: Es ist der Teufel.

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