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Geschäfte mit der Not: „Es sind ja nur Polen"

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Haben einerseits die Österreicher immerhin schon 60 Millionen Schilling zugunsten der Polenhilfe gespendet, so ist die andere Seite der heimischen Nächstenliebe eher ein trüber Schatten, der nicht als Erfolgsmeldung in den Medien aufscheint: nämlich die Vorurteile gegenüber polnischen Flüchtlingen sowie das traurige Geschäft, das—in Ausnahmefällen—mit ihnen betrieben wird.

„Eine Polin, das hat man im Fernsehen gezeigt, hat fest geraucht. Zahlt das auch die Caritas?" fragt eine Briefschreiberin.

Und „dieses Saupack, das uns Volksdeutschen 1945 soviel angetan hat", tobt ein anderer, „soll sich schleichen. Die fahren mit dem eigenen Wagen nach Österreich, mit Pelzen und Juwelen, und betteln hier. Und wir lassen uns das noch gefallen".

Oder ein KPÖ-Mitglied: .Jeder liest die bürgerlichen Schmier-blätter. In der .Volksstimme' (KPÖ-Organ, Anm.d.Red.) steht die Wahrheit: Das ist eine faule Bande, die Frau und Kind im Stich läßt, um hier gegen die Regierung zu agitieren."

Das sind Auszüge von wenigen Briefen, die stellvertretend für Hunderte sprechen, die bereits seit dem Vorjahr im Postkasten der Caritas, oftmals anonym, einlangen. Schriftliche Äußerungen, die zeigen, daß Osterreich nicht nur von hilfsbereiten Staatsbürgern bevölkert ist.

Aber es geht noch weiter: Beschränken sich Neidgenossen. Altnazis und ultrarot-linientreue Kommunisten auf das, ihr Mitteilungsbedürfnis stillende Briefeschreiben, so schreiten andere Inländer zur schlechten Tat: Ausnahmefälle natürlich.

Da gibt es etwa den Arzt in Korneuburg, der einer jungen Polin unbedingt helfen will: Für einen Stundenlohn von zehn Schilling (man weiß: Rezession) darf sie als Bedienerin arbeiten. Fahrtzeit zum Arbeitsplatz: zwei Stunden. Den Fahrschein muß sie sich selbst bezahlen.

Oder kennen Sie die Geschichte jenes Wohlhabenden, der etliche

Polen in seiner Villa aufnimmt? Natürlich nur, wenn ihm verschiedene Installationsarbeiten noch schnell gemacht werden.

Da gibt es auch noch den Vermieter, der zwölf Leute in einem Zimmer unterbringt. Die Polen müssen ja schließlich irgendwo schlafen — und sei es auf dem Boden. Dafür wechseln 930 Schilling den Besitzer.

Oder es werden acht Menschen in ein Zimmer gepfercht, zu 1500 Schilling pro Person, natürlich illegal. Besteht gar einer auf Anmeldung bei den Behörden, muß er weitere 300 Schilling allein für die Anmeldungswilligkeit des hilfsbereiten Vermieters auf den Tisch blättern.

Da geht es einem jungen polnischen Ehepaar schon wesentlich besser: Sie haben eine ordentliche Wohnung. Wenngleich die Stromrechnung vom vergangenen Juni jetzt von ihnen beglichen werden muß, da schon seit einiger Zeit die Räume finster sind. In der ungeheizten Wohnung müssen die beiden, die Frau ist im siebten Monat schwanger, irgendwie zurechtkommen. Sie sind ja nur Polen.

Betrachtet man die Höhe der Wuchermieten, fragt sich zwangsläufig, wovon diese Menschen in Not noch leben können. Eine polnische Bedienerin wird zu zehn Schilling für die Stunde gehandelt, ein Hilfsarbeiter zu immerhin 20. Sozialversicherung ist bei diesen Arbeitsverhältnissen ein „Luxus": Die Arbeit ist ja schwarz.

Davon profitiert in erster Linie der sogenannte Arbeitgeber: keine Lohnnebenkosten, kein Sozialschutz.

Ein junger Pole war einen Monat befristet für eine Baufirma tätig, versprochener Lohn: 5000 Schilling. Pech gehabt. Am Monatsletzten fuhr der Chef auf Urlaub, die Auszahlung wurde vergessen.

Etwas dagegen tun? Anzeige? Die anderen polnischen Kollegen, die auf jeden Groschen angewiesen sind, preisgeben? Warum Schwarzarbeit? Touristen, und das sind die meisten (zumindest offiziell), dürfen nicht arbeiten.

„Wir sind ja hier nur Polen", resigniert einer. Beschwerden jedoch, bestätigt die 69jährige Ilona Seilern, welche die Caritas-Betreuung für Polenflüchtlinge bis vor kurzem noch innehatte, hätte es nie gegeben. Zu bescheiden seien sie alle.

Neben der vielen Hilfe, die von Österreichern kommt, soll die andere Seite nicht vergessen werden: Das Geschäft mit billigen Arbeitskräften eben, die Ausbeutung von Menschen, die sich nicht wehren können.

Die Wurzeln für diese Mentalität liegen tief. Schreibt doch einer: „Wir sind 1939 friedlich in ihr Land eingezogen und die haben auf uns geschossen." Für solche Mitbürger ist jetzt die Zeit der unmenschlichen „Rache" da.

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