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Geschenk an Linz

In beispielhafter Zusammenar- beit zwischen dem Land Ober- österreich und der jubilierenden Stadt Linz, die in diesem Jahr ih- ren 500. Geburtstag als Landes- hauptstadt feiert, wurde eine Dop- pelausstellung geschaffen, deren thematische Spannweite der Besu- cher als atemberaubende Kraftfel- der erfährt: „Mensch und Kosmos - Die Heraufkunft des modernen wissenschaftlichen Weltbildes" im Schloßmuseum und „Ursprung und Moderne" in der Neuen Gale- rie der Stadt Linz.

Fremder, näherst du dich dem Museum im Linzer Schloß, emp- fängt dich eine Klangwelt, die dich einstimmt für deine Reise durchs All: Du durchschreitest den „Gar- ten der Zeiträume", für dessen Sound-„Architektur" der amerika- nische Komponist und Performer Bruce Ödland und der Linzer Sam Auinger zeichnen: eine Hommage an Johannes Kepler. Sein Wirken in Linz - er schuf hier seine „Har- monices mundi" - hatte Wilfried Seipel, den Hausherrn und Aus- stellungsleiter, zum Themenkom- plex der Landesausstellung inspi- riert.

Zugleich mit der Eintrittskarte erhältst du deine auf einem Infra- rotsendersystem basierenden Kopf- hörer, die dir erlauben, die Ausstel- lung im Tempo deiner Wahl zu durchmessen.

Willig überläßt du dich der Chro- nologie des historischen Rück- blicks, der bei den Ursprüngen ansetzt: bei den kosmologischen Zeugnissen der frühen Hochkultu- ren Ägyptens und Mesopotamiens. Auf einer Keilschrifttafel, eine der Kostbarkeiten der Schau, wird als Zweitälteste festgehaltene Beob- achtung ein Komet zitiert, den wir als den Halley'schen kennen. Stonehenge als Beispiel für die Megalithastronomie und ein Kreis- ring aus Jade, das wohl älteste er- haltene astronomische Instrument Chinas, folgen.

Der Gang durch die Wissen- schaftsgeschichte wird veranschau- licht durch eine Vielfalt von Expo- naten, darunter zwei Teleskope Galileis und Keplers Sextant, und er endet bei Albert Einstein.

Eine kleine, überwiegend aus Beständen des Oberösterreichi- schen Landesmuseums zusammen- gestellte Abteilung sollte nicht übersehen werden: „Kalenderprak- tik, Heilzauber und Magie", in der die Astrologie und der Volksglaube zu ihrem Recht kommen. Erwäh- nenswert sind auch museumspäda- gogische Einrichtungen, wie das „Himmelszelt" für Kinder oder die Nische mit (astro)physikalischen Inhalten „zum Begreifen".

Wie klein und einsam der Mensch im Sonnensystem ist, das sich noch nicht im Endzustand befindet, wird im Mini-Planetarium spürbar, das einen besonderen Gag bietet: Spe- zialwaagen zeigen dir dein Körper- gewicht auf verschiedenen Him- melskörpern an. Gebannt beobach- test du das in- und auseinander- fließende Panorama unserer Milch- straße auf einem acht Meter langen leuchtenden Band, ehe du dich mit der in Objekten und in einem Film aufbereiteten modernen Raum- fahrtastronomie beschäftigst

Das IMAX-Filmtheater im Schloßhof, eine imposante Stahl- konstruktion von fast 30 Metern Höhe und in Rekordzeit errichtet, wird zweifelsfrei ein Publikums- magnet werden, ist es doch das erste seiner Art im deutschen Sprach- raum. Von der steil ansteigenden Tribüne aus kannst du teilhaben am All-Tag der NASA-Astronau- ten, denn der Film „The Dream Is Alive" (er wurde eigens für Linz synchronisiert) vermittelt dem Zuschauer das Gefühl, live dabei zu sein. Atemberaubend ist nicht nur das Wagnis des Fluges mit ei- nem Space Shuttle, es sind vor al- lem die Bilder von der Schönheit unseres Planeten. Der Film „Der Traum lebt" wird stündlich vorge- führt, Kartenreservierungen sind zu empfehlen.

Ist im Schloßmuseum die Natur- wissenschaft das zentrale Thema, so ist es in der Neuen Galerie die Gegenüberstellung von Ethnologie und Kunst, die Besinnung auf die dunklen Anfänge unserer Kultu- ren. Ethnologische Objekte aus Afrika, Lateinamerika, Australien und Neuguinea haben ihre motivi- sche oder kultische Entsprechung mehr oder weniger augenfällig in Kunstwerken der Moderne. Dieses Konzept wird bereits vor dem Ein- gang erkennbar. Neben einer 235 Zentimeter hohen erdfarbenen Tanzmaske aus Burkina Faso (ehe- mals Obervolta) steht der Fetisch Videogerät, der pausenlos einen Querschnitt durch die Ausstellung zeigt.

Mit den rund 350 Exponaten aus führenden Museen, Galerien und Privatsammlungen Europas hat Hausherr Peter Baum die größte bisher in der Neuen Galerie gezeig- te Schau zustande gebracht. Die Ausstellung ist in sieben Abschnit- te gegliedert, in denen bedeutende Kunstwerke vertreten sind: Idol - Fetisch, Maske, Mythos und Ritual, Figur und Eros, Ornament und Rhythmus, Expression und Farbe, Meditation.

Künstlerische Ausdrucksformen als Konfrontation der Kulturen erzeugen eine starke innere Span- nung, die den sensiblen Betrachter dennoch die Gemeinsamkeit eines im Dunkel der Menschheitsge- schichte liegenden Erbes ahnen lassen. Neben einem Grabwächter der Ashanti, einem flachen Terra- kotta-Kopf, finden sich die „Erd- Hexen" von Paul Klee, neben ei- nem Tanz- und Rhythmenstab aus Nigeria die Bronze „Spring" von Louise Bourgeois, neben einer Mahongwe-Maske aus Bakota der berühmte „Vogelkopf" von Max Ernst.

Verblüfft vergleicht man die Geometrik der Gesichtszüge einer mexikanischen Maske mit dem abstrakten Heiligenkopf „Letztes Licht" von Alexander von Ja wlens- ky oder eine Gesichtsmaske von der Elfenbeinküste mit Totenmasken von Arnulf Rainer. Mythisch-Ge- heimnisvolles spricht aus den (Farb)Holzschnitten von Paul Gauguin ebenso wie aus einem Wandjina-Bildnis der Aborigines, einer Malerei auf der Rinde des Eukalyptusbaumes, aus neuiri- schen Kultfiguren wie aus einer Plastik „Ohne Titel" von Shirazeh Houshiary.

Erstaunt stellt man einen forma- len Bezug zwischen einer Nimba- Maske der Sierre Leone und der „Frau mit schwarzem Rock" von J. Hauser her, geht begierig auf wei- tere Entdeckungsreisen und trifft nochmals auf Louise Bourgeois, diesmal auf eine Bleistift- und Krei- dezeichnung, deren Spiralenorna- mente wie Reflexe auf einen Kampf- schild aus Neuguinea anmuten. Form- und Farbelemente außereu- ropäischer Kultfiguren lassen sich in Darstellungen christlicher Kunst und Volkskunst wiederfinden.

Das siebente Kapitel endlich lädt zur Meditation ein: Farbflächen, strenge oder verfremdete geome- trische Figuren und Plastiken strahlen Ruhe aus, die bei Günther Ueckers „Weißes Gebet", Robert Motherwells „Der spanische Tod" und Arnulf Rainers „Zumalung" eine transzendentale Dimension erreichen.

Vor dem Verlassen der Galerie wirfst du nochmals einen Blick auf Inkunabeln der Pop Art wie Mari- lyn Monroe und Mao von Andy Warhol, auf die in Bewegung und Erotik so ausdrucksstarken Werke von Alberto Giacometti („Femme de Venise" - ihre Entsprechung ist eine Harfe aus Zaire, deren elegan- ter Steg figural gestaltet ist) - und Pablo Picasso.

Interessant gestaltete Kataloge werden die Erinnerung an das Gesehene wachhalten. Beide Aus- stellungen sind täglich von neun bis achtzehn Uhr geöffnet, donners- tags bis 22 Uhr. „Mensch und Kos- mos" wird bis 4. November gezeigt, „Ursprung und Moderne" bis 29. Juli.

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