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Gesinnungspresse -Ende oder Wende?

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Gesinnung steckt in jedem Medium. Aber wer sie offen deklariert, hat heute beim Publikum geringere Chancen. Trotzdem ist die klassische Gesinnungspresse keineswegs am Ende.

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Gesinnung steckt in jedem Medium. Aber wer sie offen deklariert, hat heute beim Publikum geringere Chancen. Trotzdem ist die klassische Gesinnungspresse keineswegs am Ende.

1987 wurde die Grazer 1-zj\j i„Süd-Ost Tagespost“ eingestellt, im Herbst 1989 die „Neue AZ“ (ehedem „Arbeiterzeitung“) an einen Privaten verkauft, gleichzeitig ging die „Neue Volkszeitung“ (Klagenfurt) in Konkurs, der auch für ihre Geschwisterblätter „Salzburger Volkszeitung“ und „Neue Tiroler Zeitung“ böse enden könnte. Die Parteizeitungsdämmerung in Österreich geht in die Nacht über.

In der Bundesrepublik Deutschland gibt es, von der kommunistischen „UZ“ abgesehen, schon lange keine Parteiblätter mehr. In der Welt von gestern waren sie selbstverständlich. So selbstverständlich, wie ein Jahrhundert lang überhaupt „Gesinnungspresse“ war.

Gibt es das heute noch? Was ist es, was war es?

Der Blick in die Geschichte hilft. Jedenfalls auf dem Kontinent und wo immer deutsch geschrieben und gedruckt wurde. Als in den siebziger

und achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts die ersten Nicht-Gesin-nungszeiturigen aufkamen - im Bismarck-Reich nannte man sie Generalanzeiger -, schlössen sich die Traditionsverleger zu einer Abwehrfront gegen Massenpresse und „farblose“ Presse zusammen; daraus entstand 1894 der „Verein deutscher Zeitungsverleger“. Den Generalanzeigern wurde - bis 1901 - die Mitgliedschaft verwehrt.

Dabei war die Schlacht längst verloren. Zeitungen, lie in erster Linie Informationen bringen und als Anzeigenträger dienen wollten, ohne eine deklarierte politische-Richtung zu vertreten, waren allenthalben auf dem Vormarsch. In Amerika seit 1833, in Frankreich seit 183 6, in Wien hätte es mit der 1848 gegründeten „Presse“ so werden können, wenn die Revolution des gleichen Jahres anders verlaufen wäre.

Das Ziel all dieser Zeitungsgründungen neuen Typs - im Deutschen Reich ab 1870, in Österreich erst ab 1900 - war nun keineswegs die „Farblosigkeit“, sondern die Gewinnung möglichst vieler Leser. Das konnte nur gelingen, wenn man auf die Publikation allzu entschiedener Meinungen verzichtete, einen eindeutigen politischen Standpunkt gar nicht erst entwickelte.

Vor diesem Hintergrund läßt sich sagen, was Gesinnungspresse eigentlich ist oder doch einmal war: Zeitungen, die um der Propagierung einer klaren Überzeugung willen in Kauf nehmen, daß stets nur ein bestimmter Sektor des Publikums an ihnen Gefallen finden wird, also eben nicht die „Zeitung für alle“, wie einer der ersten deutschen Generalanzeiger hieß.

Auf keinen Fall sollte man den Idealtypus der Gesinnungspresse in einen Topf werfen mit den Parteizeitungen orthodoxer Ostblock-Systeme(„NeuesDeutschland“)oder mit den Kümmerformen des letzten Jahrzehnts der österreichischen Parteipresse, die der staatlichen Presseförderung ihre lange Krankheit zum Tode. verdank(t)en.

Gesinnungspresse - das war einmal eine große Sache. Zuerst die mutigen Stimmen der Liberalen und Demokraten: diplomatischer oder offener Kampf gegen die Zensur im Vormärz, Sieg im März 1848, noch heute bewegend zu lesen das „Extrablatt der Freude“ der „Vossischen Zeitung“ vom 20. März 1848. „Die Presse ist frei!“ begann der Leitartikel. „Von nun an ist diesen Blättern eine größere Aufgabe gestellt (...) Unser Banner ist der Fortschritt!“

Zur gleichen Zeit waren die neuen Ideen von Kommunismus und Sozialismus schon gedacht, eine Presse hatten sie noch nicht. (Karl Marx' „Neue Rheinische Zeitung“ war eine Gesinnungszeitung, aber beileibe keine kommunistische.) Erst in den siebziger, achtziger und neunziger Jahren formierten sich die Parteien neuen Typs: Sozialdemokraten und Christlich-Soziale. Ihre Presse mußten sie sich mühsam erkämpfen,

erarbeiten, erleiden, wobei ihnen in Deutschland paradoxerweise die gezielte Unterdrückung (Kulturkampf und Sozialistengesetz) zu Hilfe kamen.

Aber als die klassischen Parteiblätter erst einmal da waren, präsentierten sie die besten Köpfe und Federn, gewannen den „New reader“ aus der Arbeiterschaft und christlichem Kleinbürgertum in so großen Zahlen, daß man heute glauben möchte, das Analphabetentum sei endgültig erst mit dem Aufkommen dieses neuen Zeitungstyps überwunden worden. „Arbeiterzeitung“ und „Reichspost“, „Kölnische Volkszeitung“ und „Vorwärts“ und - nicht zu vergessen - die vielen kleinen Lokalblätter roter oder schwarzer Gesinnung kämpften für neue Ideen.

Es lohnte sich, ihnen anzuhängen. Rings um die Parteikerne und die Zeitungen entstanden Gesin-

nungsgenossenschaften. Diesem Denken, das entscheidend vom „Gemeinsam sind wir stark!“ geprägt wurde, verdanken wir Freiheit und den geschmähten „Wohlstand für alle“.

Der Stil der Gesinnungspresse war verschieden: kämpferisch bis revolutionär bei den Sozialdemokraten, eher verteidigend, kirchliche Rechte betonend, aber in der Propagierung der Subsidiaritätsidee konstruktiv, ja zukunftsorientiert bei den Christlich-Sozialen.

Beides hat seit der Jahrhundertwende die Gesellschaft zu verändern begonnen. Und was den Stil angeht: Erst Kommunisten und Nationalsozialisten haben ihn durch Übertreibung zur „Kampfpresse“ verkommen lassen.

Wirtschaftlich ist es der Parteipresse der neuen Volksparteien niemals sehr gut gegangen. Ihre Redaktionen waren schwach besetzt, und wenn Leser höhere Ansprüche entwickelten, wanderten sie zur liberalen Gesinnungspresse ab, die für Besitz und Bildung schrieb.

Das Ende der traditionell parteigebundenen Gesinnungspresse ging einher mit der Perversion dieses Pressetyps durch die nationalsozialistische Parteipresse und die Goebbelssche Presselenkung. Wenngleich die alliierten Besatzungsmächte Parteizeitungen nach 1945 wieder zuließen, zum Teil (Sowjets und Briten) sogar favori-

sierten, war ihre Zeit vorbei, ihre Blüte im ersten Nachkriegs Jahrzehnt eine Scheinblüte. Die Leute brauchten Papier. Bei den älteren mögen alte Treue und tapfere, erinnerungsgeladene Solidaritätsgefühle die Rückkehr zum Parteizeitungsabonnement bewirkt haben, so wie auch lau werdende Katholiken ihre Kirchenzeitung aus alter

Verbundenheit weiter bestellen, ohne ihrer wirklich zu bedürfen.

Der Umschwung in den Leserbedürfnissen war schon in den zwanziger Jahren deutlich zu erkennen. „Massenpresse“ war damals

noch ein Schimpfwort. Aber mit der gesinnungsorientierten Kritik an ihr verband sich der Neid der quantitativ Erfolglosen.

An sich selbst taten sie wenig. Von Parteikommissionen oder geistlichen Verlagsdirektoren ins Gehege der gesunden Lehre eingesperrt, durften sie vieles gar nicht schreiben, womit sie breite Leserschichten gewonnen hätten. Die „Kleine Zeitung“ versuchte den Weg einer Zeitung für alle zu gehen, mit Erfolg. Aber Erfolg macht verdächtig: Als die Auflage eines „katholischen Generalanzeigers“, der Dortmunder „Tremonia“, in den zwanziger Jahren über die 50.000-Grenze kletterte, fehlte es nicht an Kritik aus dem (eigenen) Gesinnungslager.

In diesem Zusammenhang muß an Emil Dovifat (1890 - 1969) erinnert werden. Der bis in die Knochen katholische Berliner Journalist und spätere Publizistik-Professor hat

sich wie kein anderer mit der Gesinnungsproblematik auseinandergesetzt: „Gesinnung bejaht oder verneint, entbindet Liebe oder Haß...“ Publizistik ohne Gesinnung entzog sich seiner Definition, denn Publizistik war ihm „geistige Einwirkung auf die Öffentlichkeit, um diese ... mit Gesinnungskräften über Wissen und Wollen im Tun und Handeln zu bestimmen“. Da er diese Überzeugung lebte, verehren ihn viele, die seiner Wissenschaft skeptisch gegenüberstanden.

Dovifat liefert uns auch eine Schlüsselformulierung für die Analyse der gegenwärtigen Mediensituation. An Gesinnung fehle es niemals „in all den vielfältigen Möglichkeiten des publizistischen Lebens. Sie findet sich in der Verteidigung höchster Menschenwerte wie im letzten publizistisch drapierten Dreck.“ Dieser Befund hat ihm weh getan, deshalb setzte er sich in den zwanziger Jahren - entgegen der elitären Presseideologie etwa eines Josef Eberle („Schönere Zukunft“) - für eine katholische Massenpresse ein - und zeitlebens für das Unerreichbare: die „Sensation des Guten“. Als ihm im Sterbejahr der „publizistisch drapierte Dreck“ aus der Feder rutschte, war er tief resigniert. „Bild“ wurde täglich viermillionenmal verkauft, die Entwicklung der „größten Zeitung der Welt“ brauchte er sich nicht mehr auszumalen.

Reduzieren wir den emotionalen Ausbruch des Gesinnungsvorkämpfers auf seinen kritisch-analytischen Kern, so heißt das: Gesinnung steckt (oder versteckt sich) in j edem Medium. Wer sie offen deklariert, hat beim heutigen Publikum geringere Chancen. Es ist zu lange vergattert, indoktriniert, angeleitet, geführt worden. Wer aber gut drapieren kann, transportiert seine Botschaft zu Millionen.

Trotzdem ist die klassische Gesinnungspresse nicht am Ende. Dieser Widerspruch wirft Fragen auf. Warum etwa sind die deutschsprachigen Kirchenzeitungen auf Talfahrt und zählen dennoch ihre Abonnenten noch nach Hunderttau-senden?

Warum kann die einzige deklariert katholische Tageszeitung in deutscher Sprache, die Würzburger „Deutsche Tagespost“ überleben? Warum schrumpft der „Rheinische Merkur“ nach (und trotz) der Fusion mit „Christ und Welt“ wieder auf seine Kern-Leserschaft zurück? Und schließlich: Warum gibt es die FURCHE noch?

Die Antwort muß differenziert ausfallen. Soweit es um Kirchenzeitungen geht, spielt das Moment der tiefgreifenden Bindung eine Rolle.

In den Siebziger Jahren machte das auf Hannes Burger zurückgehende Bonmot die Runde, die Abbestellung der Kirchenzeitung sei der „kleine Kirchenaustritt“. Heute darf man eher vermuten, daß die Aufrechterhaltung des Abonnements eine der letzten formalen Bindungen ans kirchliche Leben darstellt. (Übrigens scheint mir auch die Treue von Alt-Parteimitgliedern zu ihrer Zeitung, und sei sie noch so klein, eine quasi-religiöse Qualität zu haben.)

Eine zweite Antwort bezieht sich auf die kommentierenden überregionalen Wochenzeitungen. Sie haben sich als Foren der freien Auseinandersetzung bewährt, und zwar auch - oder sogar besonders -die christlichen unter ihnen. In FURCHE, „präsent“ oder „Rheinischem Merkur“ wird man weiterhin ohne Missio canonica schreiben oder man wird überhaupt nicht schreiben: Hoffnungsträger für den Geist des Zweiten Vaticanums.

Der dritte Erklärungsversuch führt zu dem von Elisabeth Noelle-Neumann beschriebenen Phänomen des „harten Kerns“. Er ist das Gegenstück zur Avantgarde, aber ohne deren Öffentlichkeitsdrangl „sich sektenhaft abkapselnd, der Vergangenheit oder einer äußerst fernen Zukunft zugewandt“. Die Mitglieder eines harten Kerns scheren sich wenig darum, was die Mehrheit von ihnen denkt. Wo sie sich um ein Organ scharen, entsteht eine von Überzeugung getragene Leser-Blatt-Bindung, die ans 19. Jahrhundert erinnert.

Die davon getragenen Blätter hängen meist mit politischen, philosophischen oder auch religiösen Richtungen zusammen, in denen Autorität, Ordnung und Orthodoxie hohe Werte darstellen. Die Spannweite der Überzeugungen reicht von demokratisch-staatstragenden über hierarchische bis zu totalitären Auffassungen oder, in Titeln gesprochen, vom „Bayern-Kurier“ über jenes Blatt, das sich „Der 13.“ nennt, bis zur rechtsradikalen „Nationalzeitung“ und zu den Zentralorganen der kommunistischen Parteien,

Die harten Kerne können jedoch, darauf weist Noelle-Neumann hin, sich als Avantgarde zu verstehen beginnen. Dann entwickeln sie missionarisches Bewußtsein. Die kämpferische Gesinnungspresse alten Typs könnte wiedererstehen. Für die pluralistische Demokratie wäre das kein gutes Vorzeichen.

Der Autor ist Universitätsprofessor für Publizistik und Kommunikationswissenschaften in Salzburg.

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