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Gespräche über den Graben hinweg

1945 1960 1980 2000 2020

Das Programm der Papstreise durch die Schweiz stellte einen Kompromiß zwischen dem Gesprächsbedürfnis engagierter Katholiken und dem Pastoralen Repräsentationsbedürfnis des Papstes dar.

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Das Programm der Papstreise durch die Schweiz stellte einen Kompromiß zwischen dem Gesprächsbedürfnis engagierter Katholiken und dem Pastoralen Repräsentationsbedürfnis des Papstes dar.

Der sechstägige Besuch zeigte jedenfalls einmal, daß die im Vorfeld lautstark artikulierten und teils genüßlich kolportierten Äußerungen des Unbehagens über die Opportunität und Ausgestaltung des Besuches weitgehend eine akustische Täuschung waren, und die Freude vieler Katholiken, daß ihr geistliches Oberhaupt zu Besuch kam, erst so richtig offenkundig wurde, als Johannes Paul II. wirklich Schweizer Boden betrat.

Auch wenn der Aufwand für Massenveranstaltungen bisweilen gewaltige Ausmaße annahm — etwa bei der Eucharistiefeier in Luzern, deren choreographische Durchgestaltung geradezu grandios war, mit Auftritten von Büßern, die Erde streuten, mit Brieftauben, mit dem Pflanzen eines Baumes usw. — die „Medienshow" hielt sich in Grenzen.

Der Papst verstand es, vom ersten Augenblick an unprätentiös, unpathetisch und gerade in den Begegnungen mit Andersgläubigen menschlich sehr sympathisch und bescheiden aufzutreten. Und damit vielbeschworene Ängste fast rückhaltlos abzubauen.

Dennoch zeigte sich Johannes Paul IL, oft in Abweichung vom Protokoll, auch als der sprichwörtliche JPapst zum Anfassen". Massenhysterie kam dabei allerdings nicht auf—der Schweizer ist dafür wohl doch zu nüchtern. Erstaunlicherweise erreichten die Besucherzahlen an vielen Orten die von den Organisatoren aufgestellten Schätzungen nicht.

Die ersten Besuchstage waren vielleicht die wichtigsten. Da wurde das ökumenische Gewicht dieser Papstreise in ein Land, das in seiner konfessionellen Plurali-tät eine gewisse Repräsentativität beanspruchen darf, sehr deutlich.

Die Gesprächspartner des ökumenischen Rates der Kirchen und der verschiedenen Konfessionen bis hin zum Judentum, vor allem aber der evangelisch-reformier-ten Kirche, glaubten nach den Begegnungen zu spüren, daß der Graben kleiner geworden sei, und waren von der Offenheit des Papstes beeindruckt. Viele hatten nicht erwartet, daß Johannes Paul II. so eindeutig für die Weiterführung der ökumenischen Arbeit eintreten und mit seinen Äußerungen „bis an die Grenze des Möglichen" vorstoßen würde.

Wunder allerdings geschahen nicht—die Absage des Papstes gegenüber dem Begehren der Reformierten nach einem gemeinsamen Abendmahl war eindeutig. „Aber die Mauern sind niedriger geworden", formulierte der Präsident des Evangelischen Kirchenbundes. Dennoch bestätigte der Papst den Führungsanspruch Roms in seinem Ökumene-Verständnis und verlangte „die vollständige Ubereinstimmung im Glauben".

Uberraschend war dagegen die Antwort des Papstes auf die Anfrage von Frauen: „Wir haben uns ernsthaft bemüht zu fragen, ob die Frau in der Kirche und in der Gesellschaft bereits jenen ihr vom Schöpfer und Erlöser zugedachten Platz einnimmt und ihre Würde und ihre Rechte in gebührender Weise anerkannt werden", erklärte der Papst und gab der Hoffnung Ausdruck, diese Frage zusammen mit den anderen Kirchen klären zu können.

Auf viele andere brisante Anfragen, vor allem von Theologen und Jugendlichen, denen er sich zum Gespräch stellte, kamen keine oder unverbindliche Antworten. „Noch niemals allerdings hat sich ein Papst in diesem Medienzeitalter so bewußt und gelassen in aller Öffentlichkeit kritischen Fragen ausgesetzt, noch nie sind sie auch so freimütig vor den Ohren der Welt an ihn gerichtet worden, wie bei diesem Besuch", meint der Vatikan-Journalist Hansjakob Stehle.

Vor allem die Jugend hatte allerdings teilweise Mühe mit den vorsichtigen Formulierungen des Papstes, der sich zwar geduldig ihre teilweise ungeschminkten Fragen betreffend die Sexualität, den Zölibat, die allgemeine Öffnung der Kirche anhörte, aber kaum darauf einging, obwohl er lange vorher im Besitz der Manuskripte war. Viele allerdings wollten und erwarteten gar keine Antworten, „denn wenn sie kommen, sind sie notgedrungen .römisch'", formulierte eine Theologiestudentin. Wichtig sei hingegen gewesen, sie einmal ohne Umschweife formulieren und den Papst zum Zuhören bewegen zu können.

Ein fortschrittlicher Priester meinte in diesem Zusammenhang: „Das Schweigen ist eine harte Sprache. Wir möchten lieber im Gespräch bleiben und die Hand reichen, als die Faust im Sack machen." In Einsiedeln, wo Vertreter des Klerus ihre Probleme vortrugen, ließ die Antwort des Papstes allerdings nichts an Deutlichkeit zu wünschen übrig, als er in allen Punkten die römische Lehre verteidigte. Besonders scharf warnte der Papst vor einer „Klerikalisierung des Laienstandes" wie auch vor der „Laisierung des Klerus".

Eindrucksvoll war der Friedensgottesdienst an der Wirkungsstätte des Schweizer Landesheiligen Nikiaus von Flüe, dessen Rat „Fried ist allweg in Gott, denn Gott ist der Fried" der Papst auch als Quelle der Verantwortung der Schweiz für den Frieden in der Welt interpretierte: „Wachet vor allem darüber, daß Ihr mit Eurer Wirtschaft und Eurem Bankwesen der Welt Friedensdienst leistet und nicht—viel-leicht indirekt — zu Krieg und Unrecht in der Welt beitragt."

Im Zusammenhang mit der Begegnung mit Ausländern mahnte der Papst die Schweizer, ihre Tradition in der Aufnahme von Flüchtlingen weiterzuführen, und schnitt damit ein momentan brisantes innenpolitisches Problem der Asylpolitik an.

Nutzen und Wirkung des Papstbesuches lassen sich — wenige Stunden nach seiner Abreise — nicht so einfach bilanzieren. In einer Zusammenkunft mit Jugendlichen gab der Papst ein markantes Versprechen ab, das £inen Auftrag für die Kirche in der Schweiz und besonders für die jüngere Generation beinhaltet: „Ich will ja eine neue Kirche bauen — aber nicht ohne Euch." Ob das der zentrale Satz der Schweizer Papstwoche war?

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