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Gesucht: Kompaß für den entfesselten Prometheus

Der moderne Mensch, dem Wissenschaft und Technik nie gekannte Kräfte und die Wirtschaft einen rastlosen Antrieb nach Mehr und Besserem geben, ist auf der Suche nach einer Ethik, die der neuen Situation entspricht. Die bisherige Ethik war überwiegend anthropozentrisch. Das menschliche Verhalten wurde dabei gegenwartsbezogen gesehen, es war räumlich und zeitlich nah. Die Probleme waren gewissermaßen konstant. Es war eine Ethik für den Mikrobereich.

Früher waren sowohl Wissen wie Macht zu gering, um die entferntere Zukunft in die Voraus-

sicht einzubeziehen, zu begrenzt, um die ganze Erde ins Bewußtsein der eigenen Kausalität zu bringen. Das hat sich geändert. Die räumliche Ausdehnung, die Zeitlänge und Größenordnung, die Unumkehrbarkeit von Kausalreihen, der kollektive und der kumulative Charakter der Eingriffe in die Natur — das alles ist neu. Keine frühere Zeit hat die ganze Welt und die Zukunft so berücksichtigen müssen wie wir. Daher fehlt uns für unsere Situation eine Tradition. Die Ethik der Tradition behält zwar Bedeutung. Aber sie muß ergänzt werden durch eine Ethik für den Makrobereich, für die Zukunft, für die Zusammenhänge und das Zusammenwirken.

Die alte individualistische Ethik gilt zwar noch. Aber wir haben es heute mit einem wachsenden Bereich kollektiven Verhaltens zu tun, insbesondere im Verhältnis zur Natur. Deren kritische Verletzlichkeit durch die technische Intervention hat zum Teil sogar zu einer Ablehnung der Technik geführt, besonders bei der Jugend. Die Natur als eine menschliche Verantwortlichkeit ist etwas Neues in der Geschichte, in dem mehr Verpflichtung liegt als nur utilitaristisches Interesse. Welche Konsequenzen sind daraus zu ziehen?

Wir müssen uns um mehr und besseres Wissen bemühen. Wissen wird Pflicht, Wissen verpflichtet! Und dieses andere Wissen hat Einfluß auf den Begriff der Schuld. Mit mehr und besserem Wissen wird unser Schuldbereich, wird unsere Verantwortung, größer. Wir werden immer mehr Mittäter durch Unterlassen, wenn wir schweigen und untätig sind.

Es gibt nicht nur ein Naturrecht des Menschen, die Natur selbst verlangt ihr Recht. Das „Naturrecht der Natur“ stellt an uns Ansprüche. Diese Ansprüche müssen wir erkennen. Naturerkenntnis führt dann nicht zur Ausbeutung der Natur, sie führt zu neuen menschlichen Verhaltensmustern, welche die pflegliche, konservierende Behandlung der Natur zur Maxime machen. Es geht um die Einfügung des Menschen in die Natur nach der Maxime Albert Schweitzers: Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will. Ehrfurcht vor der Kreatur, ganzheitliches Denken, Denken in Zusammenhängen.

Bildung durch Ökologie! Unser Bildungsbegriff muß mehr und mehr auch auf das Wissen um die Gesetzmäßigkeiten der Natur und das Denken in Zusammenhängen ausgerichtet sein. Das gehört zur Allgemeinbildung. Soziale Systeme und ökologische Systeme müssen in Einklang gebracht werden. Das gehört zur politischen Bildung.

Bildung durch Ökologie gründet auf der Erkenntnis, daß die Natur nach ehernen Gesetzen geordnet ist. Alles Leben ist nur unter bestimmten Umweltbedingungen möglich. Jede Organismenart hat besondere Ansprüche, und kein Organismus ist isoliert existenzfähig. Organismen sind nur in Lebensgemeinschaften bestimmter Artzusammensetzung .möglich. Sie sind nur in dynamischen, sich selbst regulierenden, auf Kreislaufprozessen herrschenden Gleichgewichten lebendig. Diese Gemeinschaften, Biozönosen, bilden mit ihrer Umwelt ökologische Einheiten, Ökosysteme, die höchste Stabilität anstreben, aber offen sind. Damit ermöglichen sie die Entwicklung der Natur, aber auch Störungen in ihr.

Alle jeweils ablaufenden Naturprozesse beeinflussen einander wechselseitig und hängen auch im Zeitablauf zusammen. Jeder Eingriff in die Natur löst daher Kettenreaktionen aus. Der Mensch vermag als einziges Lebewesen planmäßig in das Naturgeschehen einzugreifen. Er kann dadurch ökologische Kreislaufprozesse und Gleichgewichte stören, ja zerstören. Er allein vermag die Gesetze der Natur in den Dienst gegen die Natur und sich selbst zu stellen.

Der Unterschied zu früheren Zeiten besteht darin, daß die

Menschen heute erstmalig an Grenzen stehen, insbesondere an den Grenzen der Belastbarkeit der Natur. Der Kampf zwischen Mensch und Natur, ein Motor der Geschichte, hat hinsichtlich Umfang und Intensität den vorläufigen Höhepunkt erreicht. Umwelterziehung — in Familie, Kindergarten und Volksschule beginnend — kann das Prinzip Verantwortung schon im kleinen Kreis der Kindheit verwirklichen. Der Lehrerbildung und -fortbildung, der Erwachsenenbildung und den Massenmedien kommt dabei besondere Bedeutung zu.

Bildung durch Ökologie soll den Gegensatz von Mensch und Natur überwinden helfen und die ökologische Verfassung zur Bewußtseinsverfassung machen. Die Erkenntnis der Grenze der Naturausbeutung und -belastung soll zur Selbsterkenntnis und Selbstbescheidung führen, zum Prinzip Verantwortung. Die soziale Verpflichtung von Eigentum, Freiheit und Leistung wird zunehmend zu einer natürlichen Verpflichtung gegenüber der Natur werden. Bildung durch Ökologie kann Ethik nicht ersetzen. Aber sie kann zu einer neuen Ethik führen.

Wir haben Verantwortung für eine entfernte Zukunft und für zukünftige Generationen. Da wir wenig über die Zukunft wissen, wird Unwissen über die letzten Folgen selber ein Grund für verantwortliche Zurückhaltung. Die Fülle der Probleme und das

„ignoramus, ignorabimus“ machen uns bescheiden, sollten uns immer schon bescheiden machen.

Der Philosoph Hans Jonas, dessen Gedankengängen hier in vielem gefolgt wurde, fragt nach einem Kompaß für den entfesselten Prometheus. Und er gibt die Antwort: Als Kompaß diene die vorausgedachte Gefahr selbst! Dies nennt er die „Heuristik der Furcht“. Die vorausgesehene Gefahr verhilft uns zu dem davor bewahrenden Begriff der Vorbeugung. „Wir wissen erst, was auf dem Spiele steht, wenn wir wissen, daß es auf dem Spiel steht“.

Da es dabei nicht nur um das Menschenlos, sondern auch um das Menschenbild geht, nicht nur um physisches Überleben, sondern auch um Unversehrtheit des Wesens, verlangt Jonas von der Ethik, die beide zu hüten hat, daß sie über eine Ethik der Klugheit hinaus eine solche der Ehrfurcht sein muß.

Zur Verantwortung gehören Furcht und Hoffnung. Hoffnung setzt voraus, etwas ausrichten zu können, Furcht bezieht sich auf das Handeln. Jonas meint aber nicht nur die vom Handeln abratende, sondern die zu ihm auffor- dernde Furcht. Sie gehört zur Verantwortung, Verantwortung ist eine Funktion von Macht und Wissen, wobei diese beiden in einem keineswegs einfachen Verhältnis zueinander stehen.

Eine Heuristik der Furcht wird nötig, die nicht nur hier das neuartige Objekt entdeckt und darstellt, sondern sogar das davon angerufene, besondere sittliche Interesse erst mit sich selbst bekanntmacht. Furcht wird zur Pflicht erklärt, die sie natürlich nur mit der Hoffnung der Abwendung der Gefahr sein kann: Begründete Furcht, nicht Zaghaftigkeit; vielleicht gar Angst, doch nicht Ängstlichkeit; und in keinem Falle Furcht oder Angst um sich selbst.

Univ.-Prof. Manfried Welan (Universität für Bodenkultur) kandidiert auf der ÖVP-Liste für den Wiener Gemeinderat.

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