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GEWALT DURCH DIE SPRACHE

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Der Zusammenhang zwischen Gewaltanwendung durch Worte und physischer Gewalt ist erwiesen. In der Öffentlichkeit sind Frauen viel weniger am Wort als Männer, abwertende Benennungen von Frauen existieren in vielen Sprachen.

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Der Zusammenhang zwischen Gewaltanwendung durch Worte und physischer Gewalt ist erwiesen. In der Öffentlichkeit sind Frauen viel weniger am Wort als Männer, abwertende Benennungen von Frauen existieren in vielen Sprachen.

Wem hat schon je ein Wort ein blaues Auge geschlagen oder einen Zahn aus dem Mund?

Kann Sprache, die doch nicht viel mehr ist als bewegte Luft, das Vibrieren der Stimmbänder und das Anspannen bestimmter Muskel im Mund- und Rachenbereich, kann sie gewalttätig sein?

Ja, sagt die Schweizer Sprachwis-senschafterin SentaTrömel-Plötz: „Es besteht ein Zusammenhang zwischen den psychischen und physischen Gewaltakten: Wenn die Worte zur Erniedrigung der anderen nicht mehr ausreichen, greifen wir zu härteren Mitteln. Deshalb ist es auch umgekehrt konsequent, wenn uns daran liegt, die extreme Gewaltanwendung durch Bomben, Militär und Kriege abzuschaffen, die Gewalt in unserer Sprache und in unseren Beziehungen abzubauen."

Wieviel Gewalt Sprache eigentlich ausüben kann wird deutlich, wenn wir an Worte wie zum Beispiel Rufmord denken.

In den letzten Jahren ist die wissenschaftliche Untersuchung der Sprache zu einem zentralen Anliegen der Frauenforschung geworden. Und das nicht zuletzt deshalb, weil in der

Sprache (indirekt) Tendenzen deutlich werden, die (direkt) niemand zugeben würde.

Ein Beispiel dafür ist die Tatsache, daß Frauen (und damit deren Anliegen) noch immer schön still und damit hintan gehalten werden. Untersuchungen von Sprachwissenschaftern (männlichen und weiblichen) belegen, daß in Diskussionen Männer öfter das Wort ergreifen als Frauen, länger reden und daß Frauen weitaus häufiger von Männern unterbrochen werden als umgekehrt.

„In der selbstverständlichen Beschneidung der Redezeit von Frauen bis hin zum gänzlichen Stumm-Ma-chen von Frauen in Gremien, wo sie dann gar nicht gehört werden, liegt die Gewalt gegen uns Frauen", schreibt Trömel-Plötz.

Umso deutlicher wird diese Aussage, wenn wir bedenken, daß mit dem Zugestehen von Redezeit dem beziehungsweise der Sprechenden auch Rederecht eingeräumt wird. Andersherum: Wem keine Zeit zu sprechen eingeräumt wird, dem wird damit automatisch auch sein Rederecht entzogen (oder vielmehr ihr Rederecht). Daß diese Entrechtung nicht von selbst geschieht sondern in Zusammenhang mit subtiler aber wirksamer Gewalt, ist naheliegend.

Ausdruck Gewalt ist in diesem Zusammenhang keineswegs übertrieben, das unterstreicht auch der Linguist Fritjof Werner.

Das Problem gründet sich für ihn darauf, daß Männer potentiell sexuelle Gewalt über Frauen ausüben können (und nicht umgekehrt). „Wegen dieser Bedrohung, gegen die sich Frauen kaum wehren können, genügen verhältnismäßig harmlose beziehungsweise harmlos erscheinende Verhaltensweisen, um männliche Dominanz und weibliche Unterordnung effektiv aufrechtzuerhalten", erklärt Werner.

Werner prägt hier den Begriff der mittelbaren Vergewaltigung, ein Phänomen, das wir überall dort finden, wo Männer Verhaltensmöglichkeiten von Frauen einschränken (also beispielsweise bei Wortmeldungen, das Sprechen in Diskussionen).

Wir haben es aber auch dort mit mittelbarer Vergewaltigung zu tun, wo Männer von einer sexuellen Verfügbarkeit der Frauen ausgehen. Tatsächlich spielt die Sprache, gerade wenn es um Sexualität geht, den Frauen sehr übel mit. Ein Beispiel ist hier das Wort „Dirne", das wir heute als Synonym für Prostituierte verwenden. Ursprünglich hat es wohl einfach „Mädchen" bedeutet, das läßt sich schon allein daraus schließen, daß in der Mundart genau diese Bedeutung erhalten geblieben ist beziehungsweise daß der Terminus „Dirn" im Dialekt „Magd" meint, also eine häufig junge, auf jeden Fall aber unverheiratete Frau (Dienstboten konnten früher am Land kaum heiraten).

Auch im heutigen Deutsch gibt es weibliche Bezeichungen, die-je nach Kontext-auch „Prostituierte" bedeuten können. „Mädchen" oder „Dame"

im eindeutigen Zusammenhang verwendet wird in diesem Sinn verstanden, ohne daß eine genauere Spezifizierung nötig wäre, um welche Art von Mädchen oder Dame es sich handelt.

Dieses Phänomen ist übrigens nicht auf den deutschen Sprachraum beschränkt. Die französische Linguistin Marina Yaguello beschreibt, daß es im Französischen genau dieselbe Tendenz gibt: „Aller chez les filles" bedeutet „zu den Mädchen gehen" oder „zu den Prostituierten gehen" -je nach Kontext.

Fast sieht es aus, als würden Bezeichnungen, die auf Frauen angewandt werden, automatisch (gegebenenfalls) so verwendet, daß eine sexuelle Verfügbarkeit der betreffenden Frau impliziert wird.

Zwei Beispiele für das Englische nennt die Sprachwissenschafterin Robin Lakoff: Das weibliche Pendant zu „master" ist „mistress", was unter anderem auch „Geliebte" bedeutet. „He ist a professional" heißt „Er ist ein Profi", „She is a professional" heißt „Sie ist eine Professionelle".

Wortklaubereien? Unsere Sprache verrät mehr über unsere Einsichten, als uns normalerweise bewußt ist. Wem schon die Wortwahl andeutet, daß eine Frau sowieso immer sexuell verfügbar ist, gibt das einer Überzeugung Ausdruck. Und gerade diese Uberzeugung von der sexuellen Verfügbarkeit der Frauen führt zur Gewalt gegen Frauen.

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