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Glaube, Familie, Bereitschaft zum Opfer

Der Apostel Paulus stellt fest: „Gott aber hat den Leib so zusammengefügt … damit kein Zwiespalt entstehe, sondern alle Glieder einträchtig für einander sorgen… in dem einen Geist wurden wir durch die Taufe alle zu einem einzigen Leib, Juden und Griechen, Sklaven und Freie. Und wir wurden alle mit dem einen Geist getränkt“ (1 Kor 12, 12 ff.). Das heißt, in der Gemeinschaft der Getauften mit Christus als dem Haupte sind alle rassischen und gesellschaftlichen Gegensätze aufgehoben. Daraus leitet auch heute die Kirche das Recht ab, zu den großen gesellschaftlichen und zeitlichen Problemen der Welt Stellung zu nehmen.

Das wird vom Konzil selber begründet: „Die Sendung, die Christus der Kirche übertragen hat, bezieht sich zwar nicht auf den politisch-wirtschaftlichen Bereich, denn das Ziel, das Christus der Kirche gesetzt hat, gehört der religiösen Ordnung an. Dennoch fließen aus dieser religiösen Sendung der Kirche Licht und Kraft. So kann die Kirche beim Aufbau und bei der Festigung der menschlichen Gemeinschaft behilflich sein.“

Eine Schicksalsgemeinschaft

Gesamteuropa weiß heute um seine Schicksalsgemeinschaft. Deswegen geht Europa heute daran, sich zusammenzuschließen. Der Rahmen für das kommende Europa ist im wesentlichen gezimmert. Jetzt wird es darauf ankommen, mit welchem Inhalt er erfüllt wird, welchen Dienst die Kirche hier leisten kann und leisten soll.

Die Bischöfe und Ortskirchen in Europa wollen in dieser Schicksalsstunde den Völkern dieses Erdteils Zurufen: Vergeßt euren Ursprung nicht. Als Europa entstand, war es vom Geist des Christentums geprägt und zusammengehalten. Karl der Große, der das erste gesamteuropäische Reich schuf, hat dieses Reich nur durch den

Geist des Christentums Zusammenhalten können, nicht nur durch die Macht des Schwertes und nicht nur durch den Buchstaben des Gesetzes.

Europa ist von seiner Geburtsstunde an christlich geprägt. Die Berufung zum Glauben reicht in die ersten Stunden des Christentums selber zurück. Sie geschah damals, als Paulus in einer nächtlichen Vision einen Mazedonier dastehen sah, der ihn bat: „Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns“ (Apg 16, 9). Seither ist das Christentum die wesentliche Hilfe und Grundlage Europas geworden.

Dieses Europa ist durchtränkt vom Geiste des Christentums. Eine Einigung Europas wird ohne diesen Geist kaum möglich sein. Die europäischen Völker haben sehr verschiedene Berufungen, Talente und Schwächen. Wir können nur dann zur größeren Völkerfamilie zusammenwachsen, wenn wir im Geiste Christi dazu bereit sind, die Talente des anderen anzuerkennen, seine Fehler in Güte zu ertragen und mit den anderen die Last redlich zu teüen.

Denn in dieser europäischen Völkergemeinschaft gibt es Stärkere und Schwächere, Bessere und Geringere. Aber deswegen darf der Stärkere nicht zum Schwächeren sagen: „Ich brauche dich nicht“, sonst wird er eines Tages erkennen: „Gerade die scheinbar schwächeren Glieder des Leibes sind besonders notwendig“ (1 Kor 12,22).

Europa und seine Bewohner durchleben eine Krise. Die tiefste Wurzel dieser Krise der westlichen Welt ist die geistige Entwurzelung des Menschen.

Der westliche Mensch ist im Laufe der letzten Jahrhunderte der Versuchung des Materialismus erlegen. Das Geistige hat er mehr oder weniger verraten und vergessen.

Europa ist politisch eingeklemmt zwischen den beiden Supermächten, wirtschaftlich von Krisen heimgesucht und innerlich geschwächt durch eine moralisch-religiöse Krise. Dieses Europa kann nur bestehen, wenn es klar um seine geistigen Fundamente weiß. Ein Europa ohne geistige Ordnung wird zum Spielball der Mächte. Die entscheidenden geistigen Grundlagen Europas sind Glaube, Familie und Bereitschaft zum Opfer.

Der Glaube zeigt dem Menschen Sinn und Ziel, den letzten Grund und letzten Wert seines Lebens. Ohne Glaube findet das Gewissen keinen Grund, keine Kraft, keine Klarheit. Der Glaube ist die Verankerung des Menschen im Ewigen, die Bindung an das sittliche Gesetz und die Geborgenheit über den Tod hinaus.

Wenn dieser Glaube fehlt oder faul wird, dann verändert sich das gesamte Gefüge der Gesellschaft. Denn eine Gesellschaft ohne Gewissen, Sinn und Geborgenheit sieht anders aus als eine Gesellschaft, die vom Glauben als Fundament im wesentlichen getragen wird. ‘

Die Familie ist heute ebenso bedroht wie der Glaube. Aber wenn Europa ein geistiges Fundament haben will, dann braucht es die Familie und muß bereit sein, für das Gedeihen der Familie hohe Opfer zu bringen. Denn in der Familie erlebt der Mensch die tiefste und ursprünglichste Gemeinschaft. Woher soll der Mensch Brüderlichkeit lernen, wenn er keine rechten Brüder mehr hat? Wo soll er Rücksicht lernen, wenn er sie nicht in der Famüie erfahren hat? Wo soll er Barmherzigkeit lernen, wenn er sie daheim nicht erlebt? Was soll dem Menschen noch heilig sein, wenn ihm seine eigene Familie nicht mehr heilig ist? Wo soll er Treue und innere Bindung lernen, wenn er sich nicht einmal mehr an Vater und Mutter, Bruder und Schwester gebunden weiß? Wo soll er noch glauben lernen an Wert und Würde eines Menschen, wenn man ihn selber nicht geschätzt und gewürdigt hat in seiner Familie? Wo soll er teüen lernen, wenn er daheim nicht geteüt hat? Ein Mensch ohne Famüie kommt nicht über sein Ich hinaus zum Wir. Er wird auch die Völkerfamüie nicht begreifen und in ihr nicht leben können.

Diese Famüie ist heute bedrängt von der Wirtschaft, vom Büdungswesen, von der Steuerpolitik, von totalitären Bestrebungen, vom Geiste der Zuchtlosigkeit und von vielen anderen Geistern, die den Ungeist unserer Zeit darsteüen. Die Famüie muß uns viele Opfer wert sein, sonst geht zugleich mit der Famüie der Mensch unter und wird eine Nummer in einer zerfallenden Gesellschaft.

Der Geist des Christentums hat sein Zentrum im Kreuz Christi und seiner Auferstehung. Ohne diese Bereitschaft zum Kreuz und zum Opfer hat Europa kein geistiges Fundament. Die Bereitschaft zum Opfer muß sich zeigen als Mut zum Einsatz und für geistige Werte und Ideale. Wenn diese Opferbereitschaft fehlt, dann wird Europa den zerstörenden Kräften überlassen sein. Die geistigen Werte des Christentums sind alle nur zu haben um den Preis des Opfers. Wo diese Bereitschaft, dieser Mut zum Opfer fehlt, dort übernehmen die menschlichen Triebe die Herrschaft. Dort beginnt das Werk der Zerstörung, der Zersetzung, der Ichsucht und der Aggressionen. Wo der Opfermut fehlt, dort beginnt der Verfall, der Zweifel, der Egoismus. Europa braucht für seine Einigung einige wesentliche Grundsätze und Werte, die außer Streit stehen. Denn wo der Primat der geistigen Werte überhaupt fehlt, dort wird das Leben verwüstet durch die Vorherrschaft der wirtschaftlichen Interessen. Dann werden die Bedürfnisse künstlich aufgestachelt, der Weg in den Materialismus ist frei, die Gemeinschaft zerfäüt

Wenn dann die innere Ordnung im Menschen zerfällt, wird man von außen Ordnung schaffen: Dann beginnt die Stunde der Gewalt. Dann schlägt die Freiheit in Diktatur um. Wenn man ein geistiges Vakuum schafft, muß man damit rechnen, daß Stürme kommen, denn jedes Vakuum lockt den Sturm an. Schon heute ist Europa bedrängend in Gefahr, zu einem bloß technokratischen Monstrum zu werden. Wir wollen aber weder ein bloß technokratisches noch ein totalitäres Europa.

Jede totalitäre Macht beansprucht das, was nur Gott zusteht. Sie beansprucht nicht nur die Arbeit des Menschen, sondern auch seine Seele. Sie fordert nicht nur Gehorsam, sondern auch innere Zustimmung. Sie erlaubt keine anderen Auffassungen und sie will den Menschen zu seinem absoluten Glück zwingen. Sie verspricht, den neuen Menschen zu schaffen, der die Erde verändern wird zu neuen Idealen hin: Eine Welt in totaler Gerechtigkeit, frei von jeder Herrschaft. Das Gegen- teü ist der Fall. Heute besteht zum ersten Mal die Möglichkeit zur Weltherrschaft einer totalitären Macht. Der Anspruch auf diese Weltherrschaft wird täglich neu verkündet und angemeldet.

Wir wollen kein totales Europa, weü wir sonst unsere Seele verraten würden. Wir wollen unser Gewissen nicht preisgeben, denn eine totalitäre Macht setzt sich selber an die Stelle des Gewissens. Für sie gibt es kein Gewissen, dem man mehr gehorchen muß als dem Menschen.

Die Kirche hat heute ihre nachkönzi- liare Krise noch nicht zur Gänze überwunden. Deswegen schauen manche auf die Kirche herab, als wäre sie nur eine unter den vielen Vereinigungen eines Landes. Manche woüen ihr heute die geseüschaftliche Position irgend einer politischen Partei zubilligen, aber ihr die grundsätzliche gesellschaftliche Bedeutung absprechen. Die so denken, deuten die Zeichen der Zeit nicht richtig.

Der äußere Schein kirchlicher Schwäche ist trügerisch. Die Machthaber im Osten wissen heute davon ein Lied zu singen. 60 Jahre lang haben sie sich dabei bemüht, die GeseUschaft von den Kräften der Religion zu isolieren und die Bedeutsamkeit der religiösen Kraft der Kirche zu liquidieren. Aber heute spüren auch die Staaten des Ostens jene Kraft, die aus dem Inneren des Menschenherzens aufzubrechen beginnt. Eine spürbare religiöse Bewegung hat sich in den Staaten des Ostens erhoben, sowohl unter den Inteüektuellen wie in Kreisen der Jugend. Die Menschen fragen dort wieder nach dem Sinn des Lebens und nach der Würde der menschlichen Existenz.

Keiner von uns darf sich heute einer stumpfen Resignation oder kleingläubigen Nachgiebigkeit überlassen, denn Gott hat noch viel Volk, das auf seine Stimme hört. Den Menschen im Osten und Westen wird heute immer deutlicher bewußt, daß ein gotüoses Leben ein sinnloses Leben ist und daß ein geistloser Materialismus dem Herzen nichts zu geben vermag.

Die Bewältigung der Krise gelingt durch jene Menschen, die Gott heute scheinbar ohne jede Mitwirkung von draußen selber beruft. Er zeigt ihnen den Absolutheitsanspruch des Evangeliums. Diese Menschen lassen sich von der Stimme Gottes zu einem neuen Radikalismus ihres Lebens rufen. Diese Menschen sind das eigentliche Lebenszentrum der Erneuerung, der Vergeistigung und der Gesundung in der Gesellschaft wie in der Kirche.

Betende Menschen

Es sind betende Menschen, die von Gott selber getauft werden mit Feuer und Geist, so wie die Schrift es vorausgesagt hat. Solche Menschen verstehen es, daß es in unserer Zeit um einen gewaltigen Kampf zwischen Gut und Böse geht und daß sie sich in diesem Kampf bewähren müssen. Aber die

Frontlinie verläuft nicht zwischen Ost, und West, sie verläuft nicht zwischen Marxisten und Christen, sondern sie verläuft mitten durch die Institutionen, Bewegungen und mitten durch unser eigenes Herz hindurch. Nicht die Zugehörigkeit zu dieser oder jener gesellschaftlichen Gruppe entscheidet über Gut und Böse des Menschen, sondern die Bereitschaft für die Wahrheit und für die Liebe aus unge- teütem Herzen.

Solche Menschen wollen keine faulen Kompromisse schließen. Sie haben es aufgegeben, sich von Feigheit, Angst und Kleingläubigkeit leiten zu lassen. Sie sind nicht mehr gewült zu schweigen ünd sich immer noch einmal anzupassen.

Diese starken Menschen lassen sich vom Geist Gottes regieren aber nicht von ihrer eigenen Angst. Sie sind wirklich zu Jüngern der Wahrheit und Liebe geworden, sie leben als Jünger Christi und als Jünger Gottes.

Wo aber die Kirche ihre einheit- und friedenstiftende Macht ungehindert entfalten kann, dort können aus ihrer religiösen Sendung heraus Licht und Kraft einem (vereinten) Europa geschenkt werden. Dort ist es möglich, den Egoismus und die Selbstsucht von Ländern und Machtgruppen deutlich zu machen, die einer gerade heute so notwendigen Zusammenarbeit im Wege stehen.

(Aus der Predigt des Kardinals im Kölner Dom anläßlich der Geburtstagsfeiern zu Ehren derKar- dinäle Frings und Höffner.)

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