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USA im Ausnahmezustand

Glaubensfrage

Amerikas Zivilreligion

1945 1960 1980 2000 2020

Thanksgiving - ein Fest auch für die US-Juden.

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Thanksgiving - ein Fest auch für die US-Juden.

Wenn dies normale Zeiten wären, würden am Donnerstag dieser Woche in Millionen Haushalten in den USA Familien und Freunde den uramerikanischen Feiertag „Thanksgiving“ begehen. Mit dem christlichen Erntedankfest in Europa hat der Tag außer dem Grundmotiv der Dankbarkeit wenig zu tun. Truthahn und Moosbeeren sind in Europa ebenso exotisch wie American Football, ein Hauptspektakel an diesem Tag.
Thanksgiving ist weniger ein religiöser als ein ­zivilreligiöser Feiertag. Durch eine Zivilreligion werden die Ideale und Institutionen eines politischen Gemeinwesens religiös begründet und überhöht, um ihre Akzeptanz zu sichern. In den USA hat die Zivilreligion einen Gründungsmythos (Unabhängigkeit 1776), eine heilige Schrift (Verfassung), Symbole (Flagge), Musik (Nationalhymne), Tempel (Kapitol), Heilige und Propheten (George Washington, Abraham Lincoln, Martin Luther King), einen Hohen Priester (Präsident) und Feiertage (4. Juli, Thanksgiving).

Für die meisten Juden in den USA ist Thanksgiving so wichtig wie für andere Amerikaner. Auch sie verstehen sich als Mitglieder des zivilreligiösen Gemeinwesens USA. Zudem ist über lange Zeit die Idee einer Synthese jüdischer und amerikanischer Werte entstanden: Juden leben in Amerika freier denn je und als anderswo, weil der sehr unbestimmte Gott der Zivilreligion die USA auf Toleranz und Vielfalt verpflichtet habe. – Heute wird diese Idee ebenso infrage gestellt wie die Ursprungslegende von Thanksgiving, wonach die ersten Siedler 1621 von Ureinwohnern mit einem Festmahl begrüßt wurden. Das Judentum soll heute wie das Christentum nicht nur der Bestätigung amerikanischer Ideale dienen, sondern auch der Kritik an der amerikanischen Realität. Dazu gibt es aktuell wohl mindestens so viel Grund wie zur Dankbarkeit.

Der Autor forscht zu Jewish Studies an der University of Pennsylvania, Philadelphia/USA.