Das Ziel aller Advente

1945 1960 1980 2000 2020

Gedanken in der Corona-Vorweihnachtszeit.

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Gedanken in der Corona-Vorweihnachtszeit.

„Wohin denn ich?“, fragt Hölderlin. Und so fragen die Welt und die Menschen und die Tiere und die Pflanzen und die Wetter und die Winde und die Sonne und die Meere – und die Deuter der Zeit. Und die Stolzen und die Einsamen, die Verlorenen und Aufge­gebenen mit dem Negativbescheid und die im verworrenen Leben Agierenden. So viele vergebliche Advente. Kein „dezenter Weihnachtsschmuck“, den die Werbung ­offeriert in der Corona-Vorweihnachtszeit, kann die Adventzelte in Moria erhellen und auch nicht die Adventwohnungen der Verlierer. Ungestillt die Sehnsucht nach dem schönen Morgenlicht, das den Himmel endlich tagen ließe nach durchweiten Nächten.

„Wohin denn ich?“ Mit dieser Frage überschrieb auch Marie Luise Kaschnitz ihre Aufzeichnungen nach dem Tod ihres geliebten Mannes. Das fragen sich jetzt viele: „Was liegt fern, was liegt nah, wenn der eigene Ort nicht mehr bestimmbar ist?“

„Wohin denn ich?“ Die Adventfrage ist – ungerichtet – gerichtet an den, der kommen wird als das menschgewordene Wort. So will er selbst geboren werden als die LichtAntwort. Im Weihnachtsoratorium unterlegt Bach der adventlichen Frage „Wie soll ich dich empfangen?“ die Melodie des Karfreitagsliedes „O Haupt voll Blut und Wunden“ und nimmt musikalisch die Adventbitte der Fragenden auf. Dass da ein Sinn sei in Verzweiflung, Tod und Leere, in alledem, was schmerzlich offen bleibt in jedwedem Leben. Diesen Sinn garantiert Jesus in seinem Leiden: „Das ewig Licht geht da herein, gibt der Welt einen neuen Schein“, sagt Luther.

Dieses LichtLiebesLeben kommt aus Ewig in die Zeit, wird dieser Welt geboren als das Ziel aller Advente. In diesem Sein ist dein Ort, deine tiefste Bestimmung. Von Anbeginn deiner und aller Zeit wirst du immer und je gezogen in dieses Licht mit Deinem adventlich schlagenden Herzen.

Die Autorin ist evangelische Pfarrerin i. R.

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