Die Finsternis vergeht

1945 1960 1980 2000 2020

Zum Fest Epiphanias, der Erscheinung der Liebeswirklichkeit in den ungezählten Realitäten der Welt.

1945 1960 1980 2000 2020

Zum Fest Epiphanias, der Erscheinung der Liebeswirklichkeit in den ungezählten Realitäten der Welt.

"Was ich unterwegs küsse“, sagt der im Vorjahr verstorbene Lyriker SAID, „wird schön.“ Die Augen der Weisen aus dem Morgenland folgen dem Stern. Sie finden, von Lichtahnung gezogen, das Angesicht Gottes im Kind in der Krippe und wissen die Wahrheit jetzt hier, in diesem Versprechen von Glück. Und die Augen der Lichtkönige küssen den Blick der Weltfreude in den Augen des Jesus. Epiphanias, die Erscheinung der Liebeswirklichkeit in den ungezählten Realitäten der Welt. Was für ein Fest. Es veröffentlicht den Anspruch auf Würde.

Auf eine von jeder Beschmutzung beschützte würdige Verhandlung eines jeden Lebens! Du kommst zur Sprache – ganz. Kein Wort musst Du verschlucken. Keine Klage wird verschwiegen, Freund Wal und Du getötete Freundin durch die Hand deines Mannes. „… die einzelheiten / gibt es, die erinnerung, das licht der erinnerung; und das nachleuchten gibt es“, meint Inger Christensen über den Zerrissenheiten und den Unbegreiflichkeiten aller Einzelschicksale, die sich ereignen. Das Nachleuchten gibt es und das Vorleuchten, meine ich, welterfreut. Denn der Stern nimmt alle Suchenden und an dieser Welt Verzweifelnden mit, die sprachlos wie ein tier der sprache täglich ein wort abringen (SAID), doch als Lichtgezogene dem Abgrund entsteigen, der nur die halbe Wahrheit ist.

Die Finsternis vergeht, und das wahre Licht scheint schon. Denn die Liebe ist geboren aus der Sehnsucht nach dem Wort, das allem Leben seine Bedeutung zurückgibt und für immer bestätigt, dass wahr ist, was für wahr empfunden wird und dass Leben sich lebbar anfühlen will und Menschensein und die Welt als wieder bei sich und im Einklang. „Religion haben“, sagt Friedrich Schleiermacher, „heißt, das Universum anschauen und dem Endlichen ein Unendliches an die Seite“ geben. Danke, Du liebes Lichtleben. Unterwegs werde ich Dich immer küssen!

Die Autorin ist evangelische Pfarrerin i. R.

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