In wenigen Tagen beginnt die islamische Pilgerfahrt nach Mekka. Die großen Massen werden auch in diesem Jahr coronabedingt ausbleiben. Mekka galt nicht erst durch den Islam als religiöser Pilgerort, es war schon lange vor islamischer Zeit das Ziel vieler Pilger aus unterschiedlichen Regionen auf und außerhalb der Arabischen Halbinsel. Dennoch war Mekka nicht die einzige Wallfahrtsstätte, es gab auch andere Orte auf der Arabischen Halbinsel, die einen ähnlichen Bau wie die Ka’ba (der schwarze Würfel) besaßen, zu denen ebenfalls gepilgert wurde.

Mekka ist daher kein spezifisch islamischer Wallfahrtsort, zu dem alleinig Muslime pilgern können. Dieser Gedanke bringt drei weitere mit sich: Sollten nicht auch Nichtmuslime Mekka als für sie infrage kommend betrachten? Sollten Muslime christliche Wallfahrtswege und -orte nicht ebenfalls in Erwägung ziehen? Was spricht gegen neue Pilgerwege und -orte für Muslime hier in Europa? Damit soll Mekka keineswegs ersetzt werden. Die Wege und Orte sollten sich jedoch erweitern. Die Pilgerfahrt symbolisiert letztendlich die spirituelle Reise zu Gott. Dabei geht es nicht um Mekka oder um einen Punkt auf der Weltkarte. Gott selbst ist im bedürftigen Menschen gegenwärtig.

Dort, wo man eine Hand der Barmherzigkeit und der Güte ausstreckt, manifestiert sich Gott. Jede sinnvolle Handlung, die einen Beitrag zu einem schöneren, friedlicheren, verantwortungsvolleren und erfüllteren Leben voller Liebe leistet, ist ein Schritt zur Gottesnähe. Bedingungslos für seine Mitmenschen da zu sein, setzt jedoch die Überwindung von egoistischen Motiven, also innere Reife, voraus. Jeder Mensch kann seine eigene Pilgerfahrt so gestalten, wie es ihm selbst zusagt. Es gilt nur, sich am Ende der Reise in Barmherzigkeit und Liebe zu begegnen.

Der Autor leitet das Zentrum für Islamische Theologie an der Uni Münster.

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