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Die Gefahr aus dem Nichts

Glaubensfrage

Nach dem Terror: Das große WIR, endlich

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Nach den Anschlägen von Frankreich und Wien

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Nach den Anschlägen von Frankreich und Wien

Die Terroranschläge in Frankreich und Wien haben uns alle erschüttert. Gleichzeitig erleben wir in diesen Tagen in Österreich eine noch nie dagewesene Solidarität in der Bevölkerung, im Sinne: Wir alle gegen den Terror. Viele Politiker haben in ihren Statements zu den Ereignissen immer wieder betont: „Das ist kein Kampf gegen den Islam, sondern ein gemeinsamer gegen den Extremismus.“ Als Muslim hat mich vor allem die Aussage mehrerer Politiker berührt: „Es geht um den Schutz der Muslime selbst vor Ideologien, die ihre Religion missbrauchen.“

Ich sehe in diesem Auftreten vieler Politiker einen Paradigmenwechsel: Es geht nicht mehr um Schuldzuweisungen, wo Muslime sich in eine Rechtfertigungsecke gedrängt fühlen, sondern es geht um die Betonung dieses großen WIR Österreicher bzw. Europäer, zu dem Muslime selbstverständlich gehören. Nicht der Islam sei das Problem, sondern Extremismus und Terror bedrohen uns alle.

Dass einer der Opfer des Anschlags in Wien selbst ein Muslim war, der wie der Attentäter albanisch-mazedonische Wurzeln hatte, verdeutlicht einmal mehr, wo die eigentliche Grenze verläuft: eben nicht zwischen Muslimen und Nichtmuslimen, sondern in den Worten des Bundeskanzlers: „Das ist ein Kampf zwischen den vielen Menschen, die an den Frieden glauben, und jenen wenigen, die sich den Krieg wünschen.“

Diese Demonstration von Solidarität ist gerade denen ein Dorn im Auge, die ständig hetzen, Ängste schüren und die Gesellschaft zu spalten versuchen. Sie ist zugleich die beste Strategie gegen Ideologien, die den Westen als Feindbild des Islams stigmatisieren und Opferdiskurse unter den Muslimen stärken wollen. Sie ist aber auch ein idealer Zugang, um eine emotionale Verbundenheit und somit Identifikation mit diesem großen WIR Österreicher zu etablieren. Eine verbindende Rhetorik scheint das zu erreichen, was viele Integrationsprogramme nicht geschafft haben.

Der Autor leitet das Zentrum für Islamische Theologie an der Uni Münster.