„Saw You At Sinai“: Die Bibel und die Dating-App

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Ehevermittlung ist im Judentum traditionell eine wichtige Profession. In der Ära der Social Media geht auch diese mit der Zeit.

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Ehevermittlung ist im Judentum traditionell eine wichtige Profession. In der Ära der Social Media geht auch diese mit der Zeit.

Die Hebräische Bibel und das Internet sind zwar Jahrtausende voneinander entfernt, sie sind manchmal aber auch theologisch verbunden. So wird am kommenden Samstag ein Abschnitt aus dem Buch Deuteronomium gelesen (Dtn 3,23–7,11), in dem es um die ­Offenbarung am Berg Sinai geht. Bestimmt werden weltweit einige Paare in der Synagoge sein, denen dabei die Ohren klingen sollten. Hier ermahnt Mose seine Zuhörerschaft, nicht zu vergessen, „was du mit eigenen Augen gesehen, und die Worte, die du gehört hast“ (Dtn 4,9). Der Kontext zeigt, dass Mose dabei zur Post-Exodus-Generation spricht, die am Berg Sinai nicht dabei war. Oder doch nicht?

Paare, die durch die Dating-App „Saw You At Sinai“ (Hab dich am ­Sinai gesehen) zusammengefunden haben, stehen für eine theologisch einflussreiche Interpretation dieses Verses, zumindest wenn sie der ­Bibelauslegung und der Werbung der App glauben. Danach waren am Sinai alle Juden zugegen, lebendig, schon tot oder noch nicht geboren. Jede jüdische Seele habe mit dem für sie bestimmten Lebens­partner dort gestanden, der, wenn nötig, mit dem Algorithmus der App gefunden werden muss. Laut Eigenwerbung helfen 300 professionelle Ehevermittler – ein in der jüdischen Tradition verwurzelter Beruf – dabei nach.

Über 30.000 jüdische Singles lassen sich diese Vermittlung zwischen elf und 19 Dollar monatlich kosten, im festen Glauben, mit einem jüdischen Partner glücklicher zu werden als mit jemand anderem. Die wenigsten von ihnen werden sich über die Geschichtstheologie des Buches Deuteronomium Gedanken machen. Man mag den Kopf schütteln darüber, dass eine Bibel­auslegung in einer Dating-App weiterlebt. Oder man erkennt an, dass der Glaube dahinter auch nach Jahrhunderten noch wirkmächtig sein kann. Oder man freut sich gerade im Sommer über jede Romanze.

Der Autor lehrt jüdische Religions- u. Geistesgeschichte an der Uni Potsdam.

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