Glaubensfrage

Schutz in der Coronakrise: … wie dich selbst

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Wenn Europa die Menschenrechte wahren will, braucht es einen anderen Umgang mit Vulnerabilität.

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Wenn Europa die Menschenrechte wahren will, braucht es einen anderen Umgang mit Vulnerabilität.

„Schütze deinen Nächsten wie dich selbst.“ So hieß im Jahr 2010 eine Aktion der katholischen Kirche in Luzern. Am Bahnhofsplatz verschenkte man Kondome mit diesem Motto, um HIV-­Infektionen zu verhindern. Die Corona-­Pandemie macht die Bedeutung von Schutzstrategien erneut spürbar. Generell gilt: Wer sich nicht schützt, nimmt Schaden, beispielsweise bei der Überquerung einer Straße. Inmitten einer Pandemie steigt der Bedarf an Schutzmaßnahmen nochmals drastisch. Diese antworten auf die erhöhte Vulnerabilität, die das Virus erzeugt.

Aber die Pandemie bringt auch etwas anderes ans Licht: Schutzmaßnahmen bergen ein Gewaltpotenzial. In vielen Fällen treffen sie andere und bringen sogar ihr Leben in Gefahr. Besonders dramatisch zeigt sich dies in den Flüchtlingslagern wie Moria auf Lesbos, wo die Grenzen noch stärker abgeriegelt werden. Die knappen Lebensressourcen werden noch knapper. Die mediale Berichterstattung wird noch fragiler. Die medizinische Versorgung wird noch katastrophaler. Wie sich und die eigenen Kinder schützen? Wenn Covid-19 ausbricht – wohin mit den Leichen, wenn es nicht einmal Kühlwagen, geschweige denn Krankenhäuser gibt? Verstärkte Unterstützung ist kaum zu erwarten, denn die Länder, die sie geben könnten, sind vollauf mit Selbstschutz beschäftigt.

Wenn Europa die Menschenrechte wahren will, braucht es einen anderen Umgang mit Vulnerabilität. Was dies bedeutet, zeigen jene Menschen, die in Medizin und Pflege aktiv sind. Sie begreifen die Notleidenden, egal woher sie kommen und wer sie sind, als ihre Nächsten. Sie engagieren sich hingebungsvoll für andere, ohne den Selbstschutz zu vernachlässigen. Das christliche Gebot der Nächstenliebe zeigt sich in neuer Form, und sei es in Form von Atemschutzmasken. Schütz deine Nächsten wie dich selbst.

Die Autorin ist katholische Vulnerabilitätsforscherin an der Universität Würzburg.