„Wir haben eine Kirche, haben Sie eine Idee?“ Mit dieser Frage bietet „St. Maria als“ in Stuttgart engagierten Gruppen und Initiativen seinen Kirchenraum an. Dies geschieht in der Hoffnung, dass die Leere sich mit stets neuen kreativen Ideen und inspirierenden Aktionen füllt. Seit dem Katholikentag Ende Mai wird hier die Ausstellung „vulnerable“ gezeigt, die unter Leitung des Diözesanmuseums Rottenburg entstand. Mehr als 600 junge Künstler(innen) bewarben sich 2021 in einem Wettbewerb zu diesem Thema, das mit der Pandemie und dem Ukraine-Krieg neue Bedeutung gewann. Das Kunstwerk „get your shit together and stay balanced“ hat es mir angetan. Vlad Lucian Brăteanu musste am 22. März 2020 ein heftiges Erdbeben in Zagreb erleben, das vor allem in der Altstadt großen Schaden anrichtete.

Von den etwa 26.000 beschädigten Gebäuden wurden 1900 unbenutzbar. Brăteanu sammelte daraufhin 34 kleine Trümmerteile aus Fliesen, Stuck, Ornamenten, Glas, Metall. Zur Eröffnung der Ausstellung präsentierte er sein fragiles Kunstwerk: vier Säulen, 35 cm hoch, die jeweils aus fünf dieser Fundstücke bestehen. Der entscheidende Punkt ist, dass diese Stücke nicht fixiert werden, sondern mit ihren rauen Abbruchkanten, wie sie der Einsturz der Gebäude erzeugte, so aufeinandergesetzt werden, dass sie sich gegenseitig in Balance halten.

Fragiler kann Kunst nicht sein. Der Künstler weicht den erlittenen Wunden – der Gebäude, der Menschen, der Stadt – nicht aus, sondern bringt durch sie die Hoffnung zum Ausdruck, dass aus den Trümmern Neues erschaff en wird. Verkörpert sich hier christliche Hoff nung in säkularer Kunst? Die zweiteilige Ausstellung „vulnerable“ wird bis 24. Juli 2022 in St. Maria Stuttgart sowie vom 19. Juni bis 28. August im Diözesanmuseum Rottenburg gezeigt.

Die Autorin ist katholische Vulnerabilitätsforscherin an der Universität Würzburg.

FURCHE-Navigator Vorschau