Weihnachten - auch ein Fest für Muslime

Wie jedes Jahr zu dieser Zeit wird in einigen islamischen Kreisen die Frage kontrovers diskutiert, ob Muslime Weihnachten feiern bzw. ob Christen ihnen zu Weihnachten gratulieren dürfen. Dabei geht es um den Status Jesu. Ist er lediglich ein Prophet wie jeder andere oder ist er der Sohn und somit die Offenbarung Gottes? Diese Frage hat sich im Laufe der Zeit wie kaum eine andere zu einer Identitätsfrage entwickelt.

Der Koran selbst geht sehr entspannt damit um. Er stellt Jesus nicht nur als Überbringer einer Botschaft dar. Demnach sind Jesus selbst, sein Leben und sein Wirken zugleich Inhalt dieser Botschaft. Der Koran beschreibt Jesus als Zeichen Gottes für die Menschen, um ihnen Barmherzigkeit zu erweisen. Er ist das Wort Gottes und zugleich sein Geist. Die koranische Gleichsetzung Jesu mit dem Geist Gottes verweist auf seine Geisterfülltheit und gibt der islamischen Theologie Anlass, Jesus als Inhalt der göttlichen Botschaft zu sehen – aber ohne ihn zu vergöttlichen, er bleibt Mensch. Wäre der Koran auf Ab- und Ausgrenzung vom Christentum ausgewesen, hätte er strikt vermieden, Jesus mit christlichen Hoheitstiteln zu beschreiben. Erstaunlicherweise äußert sich der Koran nicht zur Trinität, was er zurückweist, ist vielmehr der Tritheismus, also ein Drei-Gott-Glaube (Koran 5:73). Und wenn es um die Sohnschaft Jesu geht, weist er lediglich seine biologische Sohnschaft zurück, denn Gott „zeugt nicht und wird nicht gezeugt“ (Koran 112).

In der Frage der Kreuzigung Jesu widerspricht der Koran dem Anspruch einiger Juden zu Mohammeds Zeiten, Jesus getötet zu haben (4:157). Er äußert sich nicht zu der Frage, ob er gekreuzigt wurde oder nicht. Weder bestätigt er dies noch äußert er sich kritisch dazu. Darin sehe ich eine Einladung des Korans an Muslime, das Christentum zu würdigen, unabhängig von theologischen Spekulationen. In diesem Sinne wünsche ich Muslimen wie Christen frohe und gesegnete Weihnachten.

Der Autor leitet das Zentrum für Islam. Theologie an der Uni Münster.

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