Weihnachtsgnade

1945 1960 1980 2000 2020

Gedanken zur Weihnachtsamnestie.

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Gedanken zur Weihnachtsamnestie.

Als das Wort im Radio fällt, stellt sich bei mir skeptisches Stirnrunzeln ein. Was hat die Weihnachtsgnade in einer politischen Sendung zu suchen? Aber es ging gar nicht um den idyllischen Blick auf ein Fest, das per se fröhlich sein soll, aber so häufig zum Familienstreit führt. Vielmehr wurde nüchtern berichtet, dass in Österreich und Deutschland auch dieses Jahr wieder Menschen frühzeitig aus der Haft entlassen werden. Ihnen selbst und dem Gefängnispersonal soll die Weihnachtsfeier im Kreis geliebter Menschen ermöglicht werden.

Die Weihnachtsamnestie zeigt, wie besonders dieses Fest für unsere Gesellschaft ist. Es wird nicht nur von Christinnen und Christen gefeiert. Selbstverständlich muss niemand, der von der Amnestie profitieren will, einen Nachweis christlichen Glaubens liefern. Weihnachten erfreut sich auch in säkularen Familien größter Beliebtheit. Viele jüdische oder muslimische Menschen stellen zu Hause einen Weihnachtsbaum auf. Dieses Fest hat zu enge Konfessionsgrenzen längst überschritten. Es ist ein Kulturerbe der Menschheit.

Aber wie wird es jenen Menschen ergehen, die in den kommenden Tagen die Gefängnistore hinter sich lassen? Ins Gefängnis zu kommen, ist für viele ein schmerzlicher Schock – verbunden mit brennender Scham und einschneidenden Beziehungsabbrüchen. Hier landen keinesfalls nur die coolen Verbrecher, bei denen Haft zum kalkulierbaren Berufsrisiko gehört.

Paradoxerweise erhöht sich die Vulnerabilität von Menschen, die mitten aus dem normalen Leben heraus hinter Gitter müssen. Ob die Weihnachtsgnade für sie über das hinausgehen wird, was juristisch gesehen ein Rechtsakt ist? Den Entlassenen ist es besonders zu wünschen, dass das Weihnachtsfest mitten aus der Fragilität menschlicher Beziehungen heraus gelingt. Wie auch immer sie dieses Fest feiern werden.

Die Autorin ist katholische Vulnerabilitätsforscherin an der Universität Würzburg.

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