Wer ist Jüdin, wer ist Jude?

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Anmerkungen zu einer uralten Streitfrage.

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Anmerkungen zu einer uralten Streitfrage.

Die Frage, wer eine Jüdin oder ein Jude ist, löst immer wieder Diskussionen aus. Gerade hat der Schriftsteller Maxim Biller seine Kollegin Eva Menasse attackiert. Er wirft ihr vor, zu Israel-kritisch zu sein, und verbindet dies mit Menasses Ringen, ob sie als Tochter eines jüdischen Vaters nun Jüdin sei. Vor einem Jahr hatte Biller schon dem Publizisten Max Czollek vorgeworfen, er benutze eine jüdische Identität, die er als „Vaterjude“ aber gar nicht habe, da im traditionellen Judentum die Zugehörigkeit zum Judentum durch die Mutter vererbt wird.

Die Sensibilität des Themas steckt in einem Widerspruch: Es geht um höchst persönliche Fragen von Identität heute, aber auch um jahrtausendealte Traditionen. Die Bibel definierte die Zugehörigkeit zum Judentum über die väterliche Linie („Patrilinearität“). Erst später legten rabbinische Rechtsinterpreten die Matrilinearität als verbindlich fest. Die Geltung der mütterlichen Erblinie steht in einem Spannungsverhältnis zu modernen Entwicklungen. Es ist kein Zufall, dass die modernste der jüdischen Strömungen, das Reformjudentum, in dieser Frage am offensten ist. Mit der Zahl religionsverschiedener Ehen wächst auch die Zahl von „Vaterjuden“, von denen sich viele als Juden identifizieren. (Das US-Reformjudentum erkennt sie an, wenn sie sich in einem öffentlichen Schritt dazu bekennen.) Auch die moderne Medizin stellt diese Fragen neu: Ist ein Kind jüdisch, das aus der Eizelle einer Jüdin entsteht, welche einer nichtjüdischen Leihmutter eingesetzt wird?

Vielleicht sollte man zu diesen Fragen keine absoluten Festlegungen erwarten, sondern das Ringen um Komplexität als produktiv akzeptieren. Religionen (und Einzelne), die sich auf die Tradition beziehen, definieren sich auch im Umgang mit Spannungen zwischen Moderne und Tradition.

Der Autor lehrt jüdische Religions- und Geistesgeschichte an der Universität Potsdam.

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