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„Glücklich ist, wer vergißt... “

Das 20. Jahrhundert ist eine Zeit der Umbrüche und Widersprüche. Manche von uns sahen vor allem Österreich und sich selber als Opfer der Weltgeschichte. Andere Opfer und die Opfer anderer wurden dabei oft vergessen. Auch die Tatsache, daß viele Opfer und Täter waren. Viele wollen das Böse und Schlechte vergessen; das, was sie erduldeten, und das, was sie duldeten; das, was sie taten und das, was sie unterließen.

Manche haben gelernt, mit dieser Tradition von Widersprüchen und Gegensätzen zu leben. Heute erleben wir in Nachbarstaaten Aufbrüche und Widersprüche, die für uns zur spannenden Hoffnung geworden sind.

Gegenwart bildet sich aus Erinnerung. Die Zeitgeschichtsschrei-

bung kann zur Gegenwart beitragen. Die meisten wissen zu wenig. Zeitgeschichte muß daher ständig Erinnerungsarbeit leisten. Auch in unseren Nachbarstaaten und in Beziehung auf sie.

UnsereErste Republik wurde eine Bürgerkriegsgesellschaft und ein Staat der Gewalt. Dabei ist Bürgerkrieg mehrfach zu verstehen. Es war nicht nur ein Kampf „Rot gegen Schwarz“. Es gab mehrere Fronten. Die Fronten gingen nicht selten durch eine Familie, sogar durch einen Menschen.

George Saiko diagnostizierte 1957 nach der „Befreiung der Befreiten“: „Österreich umfaßt in seiner jüngsten Vergangenheit sehr verschiedene politische Ebenen -Monarchie, Erste Republik, austro-faschistische und nationalsozialistische Ära und die heutige Zweite Republik -, Zustände, die nur wenig miteinander zu tun haben und im Österreicher vielfach durcheinander geraten. Am Homme de culture läge es - statt die klischeemäßigen Allerwelts-Vor-stellungen vom Österreicher zu akzeptieren und fortzusetzen -, die Probleme klarzustellen, die Verfälschungen zu entlarven, die Lösungen auf die gegebene politische Realität zu beziehen. Freilich würden die Parteien aus Rücksicht auf die ehemaligen Nazis unter ihren Mitgliedern zunächst versuchen, das Maß der Bewußtmachung möglichst niedrig zu halten. Aber der Homme de culture wäre weder durch seine wirtschaftliche Ohnmacht noch durch die Parteizensur völlig zum Schweigen verurteilt. So wird er mitschuldig an jenem freundlich-heiteren, naiv-harmlosen Gesicht mit dem Ausdruck des ,Von-Nichts-Wissens', und des ,Ich bin es nicht gewesen!', das sich zuletzt vor den Besatzungs-Alliierten angeblich zu glänzend bewährt hat.

Doch Verdrängungsprozesse haben nicht nur im Leben des einzelnen manchmal unvorhergesehene Folgen.

Gewiß - man kann sein Schicksal auch aus der Hand des anderen empfangen. Aber nur wer die Ursachen und den Weg des eigenen Schicksals erkannt hat, wird fähig sein, ihm künftig Richtung und Ziel zu geben.“

Jede Generation schreibt sich ihre Geschichte neu. Im 20. Jahrhundert ist unsere Geschichte so wichtig geworden, weil sie ist es, bei der wir auf viele Fragen der Gegenwart Antworten suchen.

Die Frage: „Wie konnte es so weit kommen?“ stellt sich im 20. Jahrhundert besonders uns Mitteleuropäern. Man kann unsere Geschichte in weiten Teilen wie Christian Graf von Krockow als eine „bizarre Geschichte der Dummheit“ beschreiben, die in die Selbstzerstörung mündete. Er ergänzt: „Aber diese Selbstzerstörung ist so energisch wie einfallsreich betrieben worden, und durchwegs von Leuten, die im platten Sinne keineswegs dumm waren.“ Kann im ausgehenden 20. Jahrhundert Geschichte europäischer Aufbau

werden? Schon Zeitgeschichte als Aufklärung wäre schön.

Wir Österreicher sollten gelernt haben, unvoreingenommen und unbefangen über unsere Geschichte zu diskutieren. Wir wollten sie offen und in Polyperspektivität interpretieren. Aber es gibt noch immer Immunisierungsstrategien gegen geschichtliche Erfahrungen und Ereignisse. Geschichte kann aber nicht ä la Pawlow betrieben werden, wenn sie Aufklärung sein soll. Wenn wir frei diskutieren können, können wir auch eine Geschichte der Brüche und Widersprüche als Gemeinsames akzeptieren.

Können wir schon jetzt eine „polyperspektive“ und „polychrome“ österreichische Geschichtsschreibung aushalten? Haben wir schon Maßstäbe für eine die Geschichte in die bunte Farbigkeit einmaliger Erscheinungen und Vorgänge zerlegende Ge- Schichtswissenschaft?

Die Erste Republik hat eine demokratischere Verfassung als die Monarchie gehabt. Sie hat die liberalen Grundrechte des Jahres 1867 übernommen. Sie war aber weniger liberal. Diese Feststellungen Peter Pulzers werden von ihm mit der Hoffnung verknüpft, „daß nach dem antiintellektuellen Klima des Ständestaats, des Dritten Reichs und der Anfangsjahre der Zweiten Republik die Ideen der Generation der Jahrhundertwende etwas mehr dazu beitragen, daß das heutige Österreich weltoffener, experimentierfreudiger, mit einem Wort: liberaler wird.“

Die Zweite Republik ist demo-

kratischer als die Erste. Sie ist in den letzten Jahrzehnten liberaler geworden als je ein Staat in diesem Raum war. Wir sind vor allem mehr Republik geworden.

Trotz mancher Absurdität, diewir erlebten, kann man sagen, daß eine Liberalisierung der Republik stattgefunden hat. Vor allem ist die öffentliche Meinung liberaler geworden. Die Massenmedien haben einen wichtigen Beitrag zur „Normalisierung“ Österreichs geleistet.

Es gibt Anzeichen und gute Argumente dafür, daß der liberale Nachlaß langsam von uns als Erbe angenommen wird und sich in Österreich verbreitet. Hoffen wir, daß wir endlich eine liberale Tradition entwickeln können.

Eine Zeit lang sah es so aus, als ob die „Last der Vergangenheit“ für uns zu schwer geworden sei. Sie wird umso schwerer zu tragen sein, je leichter das Vergessen wird. Es gibt nicht nur eine „vergangene Gegenwart“, sondern auch eine „gegenwärtige Vergangenheit“. Das müssen Politik und Zeitgeschichte bewußt machen.

Der Stachel der Erinnerung tut weh. Aber er ist eine Chance, wenn nicht aus der Geschichte zu lernen, so doch freier und offener zu werden.

Der eigentümliche und merkwürdige Begriff „Bewältigung der Vergangenheit“ sollte durch Erinnerung ersetzt werden. Man darf nicht mit der Vergangenheit „fertig“ werden. Wir müssen die Mühsal der Erinnerung immer wieder auf uns nehmen. Gerhard Fritsch sagt im „Lied vom Vergessen“: „Wenn wir vergessen, dann sind

wir auch schon halb erschlagen.“

Milan Kundera weiß es: „Der Kampf des Menschen gegen die Macht ist der Kampf der Erinnerung gegen das Vergessen.“ „Glücklich ist, wer vergißt, was doch nicht zu ändern ist“, heißt's in der „Fledermaus“. Es kommt darauf an. Man muß unterscheiden. Das wurde uns nicht erst in der „Politik der Gefühle“ Mitte der achtziger Jahre bewußtAls Wesen, die Geschichte und Zukunft haben, müssen wir die vergangene Zeit in unsere Lebensführung und Lebensordnung bewußt einbeziehen. Es ist dies eine unumgängliche Voraussetzung, um die Zukunft mit Bewußtsein gestalten zu können.

„Demokratie ist eine Sache des guten Gedächtnisses“, lautet ein Wort Kurt Schumachers. Sie sollte ebenso die Sache des Wissens und guten Gewissens sein. Auch in Hinblick auf unsere Nachbarstaaten.

Der Autor, Professor für Rechtslehre, ist Dritter Präsident des Wiener Landtages.

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