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Gönnerhaftes Schulterklopfen ist der Kirche zuwenig

1945 1960 1980 2000 2020

Ein Land feiert 800Jahre seiner Geschichte. Es gedenkt seiner Vergangenheit, seiner Siege und Niederlagen, seiner großen und stolzen, aber auch seiner schmerzlichen Stunden. Mit ihnen verwoben in das Schicksal dieses Landes Steiermark ist die katholische Kirche. Wer deshalb die Zeugen der Vergangenheit befragt, wer die Geschichtsbücher aufschlägt und darin liest, wer hineinhorcht in die Überlieferung des Volkes, der wird diese Verflochtenheit, dieses gemeinsame Wachsen niemals leugnen können.

1945 1960 1980 2000 2020

Ein Land feiert 800Jahre seiner Geschichte. Es gedenkt seiner Vergangenheit, seiner Siege und Niederlagen, seiner großen und stolzen, aber auch seiner schmerzlichen Stunden. Mit ihnen verwoben in das Schicksal dieses Landes Steiermark ist die katholische Kirche. Wer deshalb die Zeugen der Vergangenheit befragt, wer die Geschichtsbücher aufschlägt und darin liest, wer hineinhorcht in die Überlieferung des Volkes, der wird diese Verflochtenheit, dieses gemeinsame Wachsen niemals leugnen können.

Dieses Land Steiermark bedeutet der Kirche sehr viel, wie umgekehrt die Kirche dem Land viel gegeben hat und, wie wir hoffen, auch heute zu geben imstande ist. Die Kirche sieht sich dabei nicht in der Rolle einer Institution, die Macht ausüben will.

Was wir wollen und was wir zu geben imstande sind, ist, die befreiende Botschaft der Auferstehung und des Reiches Gottes in der Steiermark zur Entfaltung zu bringen. Das klingt zunächst sehr pathetisch und abstrakt. Das heißt aber nichts anderes, als die Grundfunktionen der Kirche zu wahren: die Feier der Eucharistie und der Sakramente, die Verkündigung des Evangeliums und der brüderliche Dienst.

Die Auferstehung hat nicht nur eine neue persönliche Lebensordnung für den einzelnen Menschen gebracht, sondern auch eine neue Lebensordnung für die Welt und damit für alle Menschen. Der Tod - und in seinem Gefolge die Sinnlosigkeit, Ohnmacht und Resignation - ist nicht mehr der absolute

Fluchtpunkt, auf den alle Linien und Wege hinlaufen. Es ist Auftrag der Kirche, diese Ordnung, die auch eine Gesellschaftsordnung ist, verständlich und wirksam zu machen und den Menschen zu helfen, diese Ordnung anzunehmen.

Zur Erfüllung dieses Auftrages braucht die Kirche einen Freiraum. Es ist deshalb nicht unerheblich, ob staatliche Gesetze uns diesen Freiraum garantieren, einengen oder gar wegstreichen.

Vor diesem Hintergrund ist sicher auch unsere deutliche Wortmeldung zur aktuellen Frage um das Personen-

„Es ist A uftrag der Kirche, diese Ordnung, die auch eine Gesellschaftsordnung ist, verständlich und wirksam zu machen”

Standsgesetz zu sehen. Der steirische Diözesanrat hat mit Recht darauf hingewiesen, daß die Eliminierung des religiösen Bekenntnisses aus den Personenstandsregistern „eine unverständliche Diskriminierung der Kirchen und Religionsgemeinschaften” darstelle, durch die „ein tragendes Grundprinzip des österreichischen Rechtssystems in Frage gestellt” würde.

Die Folgen einer derartigen gesetzlichen Neuregelung wären meines Erachtens noch weitaus verhängnisvoller, sie bedeuten eine unabsehbare Schwächung der kirchlichen Position in der Gesellschaft und einen weiteren „Schritt unseres. Staates auf dem Weg, in die Gesichtslosigkeit abzugleiten”, wie es treffend ein Leser in einer österreichischen Tageszeitung („Salzburger Nachrichten” vom 24. 5. 1980) formuliert hat. Man möge ja nicht meinen, daß hier kirchlicherseits leichtfertig an einer angeblich ohnehin nur bedeutungslosen Nebenfront ein Konflikt geschürt wird.

Noch etwas ist zu sagen: Selbstverständlich ist die Kirche auch aus einem sehr praktischen Grund an der Beibehaltung der bisherigen Regelung durch das Personenstandsgesetz interessiert. So soll gar nicht verschwiegen werden, daß es durch eine etwaige Streichung des Religionsbekenntnisses aus den amtlichen Dokumenten zu erheblichen Schwierigkeiten bei der Einhebung des Kirchenbeitrages kommen könnte. Aber - so frage ich mich - ist es nicht legitim, wenn die Kirche bei der Erfüllung ihrer weit über den religiösen Bereich hinausgehenden Dienste an der Gesellschaft ein Mindestmaß an Handreichung erwartet?

Gönnerhaftes Schulterklopfen und Lob von Seiten öffentlicher Stellen für die von der Kirche erbrachten Leistungen auf kulturellem, erzieherischem oder sozial-karitativem Sektor sind zwar angenehm, allein aber zu wenig. Es sei in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, daß wir in unserem Land etwa 2000 denkmalgeschützte Bauten zu betreuen haben.

Es wird an dieser Stelle, wenn von den Beziehungen zwischen Gesellschaft und Kirche die Rede ist, vor allem gefragt werden müssen, welche Kirche die Menschen denn erwarten. Und da glaube ich, daß sie heute sehr stark eine Kirche der Ermutigung wollen; eine Kirche, die vorangeht, aber auch den Schwächsten nicht zurückläßt; eine Kirche, die Hoffnung vermittelt, aber auch die Kraft, anders zu leben.

Weiters denke ich, daß die Gesellschaft eine Kirche der Barmherzigkeit sucht. Nicht eine Institution, die Macht ausübt, urteilt, verurteilt und „reinen Tisch” macht, sondern die Gemeinschaft in Jesus Christus, die zwar im Bösen und an der Schuld - auch an der eigenen - leidet, die aber nicht den Stab bricht und die den gewiß nicht immer leichten Weg der Versöhnung und des

Verzeihens geht, ohne ihre eigene Identität zu verwaschen.

Und schließlich erwartet sich unser Land eine Kirche der Armen. Das ist nicht eine Kirche, die nichts hat und deshalb auch nichts geben kann. Eine Kirche der Armut ist vielmehr eine Kirche, die am Leben und am Elend dran ist, die dem Notleidenden ins Auge schaut und ihn nicht auf eine Behörde vertröstet. So rede ich einer neuen sozialen Phantasie in unserer Kirche, in den Pfarren und Gemeinden das Wort, die uns Wege zeigt, wie wir besser, wirksamer helfen, wie wir eine größere Empfindsamkeit für die Not des Nachbarn genauso wie für die Not in der Dritten Welt erreichen können.

Wie immer sich die Beziehungen zwischen Gesellschaft und Kirche entwik-keln mögen, nichts wird die Christen aber davon entbinden, Sauerteig dieser Welt zu sein, mitzureden und mitzudenken, Ideen zu haben und Phantasie zu entwickeln, wie dieses Leben im Geiste Jesu menschlicher, friedvoller, schöner gestaltet werde. Und ich möchte sagen, auch unser Land braucht diesen Sauerteig.

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