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Golf: Das Ende einer Liebe

In der Bundesrepublik Deutschland wird heute von Politikern zugegeben, daß deutsche Firmen dem Irak geholfen haben, die Reichweite der sowjetischen Scud-Raketen, mit denen Israel bombardiert wurde, zu erweitern und Saddam Husseins Giftgasproduktion zu ermöglichen. In den USA gibt es zur Zeit

40 Enqueten zur Untersuchung des illegalen höchsttechnologischen Rüstungstransfers von Amerika in den Irak. Westliche Staaten haben damit ein Monster geschaffen, das sie heute zu beseitigen versuchen.

Bis knapp vor Beginn des Golfkrieges konnte man im Bagdader Hotel Sheraton - trotz des UN-

Handelsembargos - noch immer Geschäftsleute aus aller Welt antreffen. Während des irakisch-iranischen Krieges war Irak ein phantastischer „Abenteuer-Bereich" für Exportmanager.

Für ausländische Manager war der Irak gewissermaßen ein Eldorado. In Bagdad ist die französische Mirage besser bekannt als General de Gaulle. Die Franzosen haben dem Irak bessere Rolandraketen geliefert als die Crotales, die die französischen Einheiten heute im Golf zur Verfügung haben.

Im Irak arbeiten militärische und wissenschaftliche Experten aus aller Welt. Tausende aus der Sowjetunion, davon sind noch 3.000 in Bagdad; und auch Bulgaren, die zu Saddam gekommen sind, wohl nicht, um Joghurt zu verkaufen. 25.000 Vietnamesen - größtenteils technische Arbeiter - sind in den Irak gekommen, im Austausch gegen Öllieferun-gennach Vietnam. In dieser Situation vergessen manche Staaten, in welchem Ausmaß sie geholfen haben, Irak und seinen militärisch-industriellen Komplex aufzubauen.

Argentinien zum Beispiel hat mit Irak die ballistische Rakete Condor-2 entwickelt. Brasilien als ein großer Waffenlieferant steht im Verdacht, bei der Ausarbeitung der Atombombe Saddams mitgeholfen zu haben.In Bagdad beruht alles auf einem Tauschhandel: „Wollen Sie ein Wasserkraftwerk bauen oder eine Bahnlinie? O.k. Aber ge-) ben Sie uns bitte

ein seltenes Material und Ihre besten Köpfe."

Offiziell haben 27 Hochtechnologen der brasilianischen Militärtechnik im Irak in Top-secret-Mili-tärprojekten gearbeitet. Heute sagt man, daß sie schon seit Oktober des vergangenen Jahres nach Hause gegangen sind.

Jugoslawien - mit 8.000 Wohnungen im Irak vor dem Krieg hat heute noch 300 Spezialisten dort. Belgrad hat für den Irak 500 Kilometer Hochspannungsleitungen im Palast der Baath-Partei in Bagdad (mit den Bunkeranlagen) verlegt.

Italiener, Deutsche von der Thyssen-Gesellschaft oder Briten von der Telekommunikation Rocal arbeiteten bis Jahresbeginn 1991 sehr diskret im Irak. Man sagt auch, daß österreichische Firmen mitgemischt haben. Diese großen Händler im militärisch-industriellen Bereich sind heute die größten „Pazifisten" geworden, denn ihre Losung heißt: „Business, no war!"

Man sagt heute, daß Irak zwei Jahre intensiver Arbeit und dazu Auslandshilfe braucht, um Atomwaffen herstellen zu können. Aber Saddam Hussein hat bereits ein militärisches Atom-Programm, das in den Laboratorien schon funktioniert, in denen multinationale Spe-

zialisten arbeiten.

Man verdächtigt Bagdad, ausländisches radioaktives Material angereichert zu haben. Das erklärt den Skandal am Londoner Flughafen, wo man ein irakisches Flugzeug mit Brennstäben gefunden hat. Dieses Material hat eine US-amerikanische Firma geliefert. Heute wollen die Amerikaner eine Militärindustrie zerstören, an deren Aufbau sie sich aktiv beteiligt haben, als sie noch von Saddam Hussein hingerissen waren, weil er als eine Mauer gegen den religiösen Integralismus der Mullahs in Teheran gesehen wurde. Irak hatte damals eine Lobby in den USA. Diese Lobby hat vom Handelsdepartement 486 Exportlizenzen für Hochtechnologie erhalten, mit der Möglichkeit, sie militärisch zu nützen: Raketenführung, Informatik, nukleare und chemische Industrie.

Mit dem Ziel, die irakische militärindustrielle Macht zu zerstören, denunziert der Westen seine Firmen, die am Aufbau teilgenommen haben. Kommt ein „Irak-gate" oder ein zweites „Noricum"?

Heute hat sich die Anti-Mullah-Liebe Saddam-Westen zugunsten der Petro-Dollar-Liebe zwischen dem Westen und den Golfmonarchien gewandelt.

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