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Gott — mehr als ein Gerücht!

Wenn es stimmt, daß Gott für viele unserer Zeitgenossen nur noch ein Gerücht ist, besteht aller Anlaß, sich darüber Gedanken zu machen. Denn das könnte entweder mit Gott selbst oder aber mit uns Menschen zu tun haben.

In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg wurden tatsächlich Stimmen laut, die von einer über uns hereingebrochenen „Gottes- finstemis“ sprachen. Gott habe sich, so argumentierten sie, von dieser Welt des Blutvergießens und der Vernichtungsmaschine-

rien abgewandt; wenn überhaupt, dann könne nur noch von seiner Ferne, seinem Schatten, seiner Abwesenheit gesprochen werden. So entstand ein geistiges Klima, in dem das Wort Gottes zusehends an Überzeugungskraft, an belebender, ermutigender und tröstender Wirksamkeit verlor und schließlich zum bloßen „Gerücht“ herabsank. Dann aber verstummten diese Stimmen, weil das Gefühl für die Veränderungen wuchs, die sich am Menschen dieser Zeit vollzogen und damit die Einsicht, daß die von vielen beklagte Gottesferne mit dieser Veränderung zu tim habe.

Tatsächlich wurde der Mensch in seiner gesamten bisherigen Geschichte noch nie so sehr auf den Prüfstand gestellt wie in dieser Zeit. Noch lange sind die Wunden nicht geheilt, die ihm die diktatorischen Herrschaftssysteme geschlagen haben, die sich während der letzten Jahrzehnte in fast ganz Europa etablierten. Und schon stehen in Gestalt der Medien die neuen „Es-Mächte“ (Guardini) bereit, die den Menschen nach Ansicht des amerikanischen Medientheoretikers Neil Postman einer neuen und womöglich noch gefährlicheren Diktatur unterwerfen, weil diese nicht wie der alte Staatsterrorismus erlitten, sondern lustvoll genossen wird.

Vor allem aber sind die Medien als das bisher perfekteste Instrument zu fürchten, durch das die moderne Leistungs- und Konsumgesellschaft den Menschen ihren Zwecken unterwirft. Was heute noch zählt, ist seine Produktivität und sein Konsumverhalten, nicht aber das, was seinen unvertretbaren Wert ausmacht, seine Person.

Am Ende dieser Veränderung steht der von Herbert Marcuse beschriebene „eindimensionale Mensch“, der sich in seinem Denken und Verhalten ganz der zur allgemeinen Norm erhobenen Schablone unterworfen hat. Er geht in seiner Arbeit, seinem Beruf und seinen Wünschen in den ihm von der Vergnügungsindustrie angebotenen Unterhaltungen auf; was der Persönlichkeitskultur dient, wird für ihn zum Fremdwort und Gott zum — Gerücht.

Wenn es sich aber so verhält, müssen die Wege zu Gott neu erkundet werden. Denn der Mensch, der die uns vertraute Kultur schuf, hat sie einzig und allein im Blick auf das göttliche Hochziel hervorgebracht. Und dabei hat er sich selbst als das Wesen erfahren, das ungeachtet seiner allseitigen Bedingtheit nur im Unbedingten sein Genüge findet. Er braucht Gott, um - Mensch sein zu können. Aber wo sind diese Wege? Die mittelalterliche Theologie hat nicht weniger als fünf derartige Wege aufgezählt, fünf unterschiedliche Beweisgänge, die uns der Existenz Gottes vergewissern. Doch mit ihnen verhält es sich so, wie der große Mathematiker und Religionsphilosoph Blaise Pascal urteilte: sie überzeugen nur so lange, wie man sie vor Augen hat; eine Stunde später fürchtet man, sich getäuscht zu haben.

Unwillkürlich fragt man sich angesichts dieser Sachlage: gibt es denn keinen andern, uns näherliegenden Weg? Es gibt ihn; und er wird von vielen auch immer wieder beschritten, nur daß sie ihn in seiner Beweisfähigkeit nicht erkennen. Dieser Weg besteht im Gebet. Denn beim Gebet geht es nur vordergründig um die Erfüllung unserer von den Nöten und Rückschlägen des Menschenlebens diktierten Anliegen. Letztlich liegt dagegen jedem Gebet, wie der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber versichert, die Bitte um die Selbstkundgabe Gottes zugrunde.

Das Gebet ist, mit dem neute- stamentlichen Bild ausgedrückt, die ausgestreckte Hand, mit der wir in unserer Angst und Lebensnot nach dem unverbrüchlichen Halt der Gotteswirklichkeit aus greifen. Und dieses Verlangen geht nie leer aus. Selbst der enttäuschte Beter bekommt diese Gewährung zu spüren. In der Bitterkeit, vergeblich gebetet zu haben, überkommt ihn eine sanfte Tröstung, die sich schließlich in die Gewißheit verdichtet, daß Gott für ihn da ist. In diesem Sinne bleibt kein Gebet unerfüllt.

Wenn Gott für viele zum bloßen „Gerücht“ geworden ist, kommt es aber nicht nur darauf an, Wege zu ihm zu finden, sondern fast mehr noch, uns zu ihm „überreden“ zu lassen. Darin besteht die Hilfe, die das Evangelium bietet. In seinem Zentrum steht die Gestalt Jesu, den der Christenglaube als die leibhaftige Selbstkundgabe Gottes begreift. Und wirklich: keiner hat jemals so wortgewaltig von Gott gesprochen, keiner aber auch so erschütternd von Gott geschwiegen; keiner hat je so tatkräftig Gott bezeugt, aber keiner auch so furchtbar das Gottesgeheimnis erlitten wie er. Darauf bezieht sich das Wort des Johannesevangeliums: „Keiner hat Gott je gesehen; doch der Eingeborene, der am Herzen des Vaters ruht, er hat uns Kunde gebracht“ (Joh 1,14).

Doch Jesus „überredet“ noch auf eine ganz andere Weise zu Gott. Wenn er die Lilien des Fel des betrachtet, wenn er ein Kind umarmt, wenn er die Ausgestoßenen um seinen Tisch versammelt, wenn er den Kranken die heilende Hand auflegt, und wenn er sich noch in der Stunde seiner Gottverlassenheit sterbend dem Vater übergibt, lebt er ein Menschsein vor, das seine Identität nicht in Akten der Abgrenzung, sondern der Liebe und Hingabe gewinnt.

Am Profil dieser Lebensgestalt ist Gott zu „ersehen“; in der stillschweigenden „Botschaft“, die von diesem Dasein ausgeht, ist er zu vernehmen; und in beidem werden wir von Jesus zu Gott „überredet“. Damit nimmt er uns die schwerere Hälfte unserer Aufgabe ab. Denn es fällt uns schwerer, aus uns’ herauszugehen, als uns zu verschließen. Das gilt auch für unser Verhältnis zu Gott. Wer sich aber von dem wortlosen Anruf, der von Jesus an ihn ergeht, bewegen und zu Gott überreden läßt, wird in eine Lebensbewegung hineingenommen, die ihm die Entscheidung für Gott abnimmt. Der Himmel des vollen Menschseins tut sich über ihm auf. Und er begreift, daß er nie freier war als in der Hingabe an den, der dem Menschenleben seinen tiefsten Sinn und seine höchste Würde verleiht.

Der Autor war bis zu seiner Emeritierung Inhaber des Romano-Guardini-Lehrstuhls an der Theologischen Fakultät der Universität München.

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