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Gottes Ehre: der lebendige Mensch

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„Mutter Kirche im Originalton“ läßt der neue deutsche Erwachsenenkatechismus vernehmen, der eine „Abkehr vom künstlichen Fragenschema der Schulkatechismen“ will.

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„Mutter Kirche im Originalton“ läßt der neue deutsche Erwachsenenkatechismus vernehmen, der eine „Abkehr vom künstlichen Fragenschema der Schulkatechismen“ will.

Die Deutsche Bischofskonferenz gibt mit römischer Genehmigung „den vorliegenden Katechismus heraus, der den katholischen Glauben ( verläßlich darstellt und von ihrer Autorität getragen ist“ (Vorwort S. 7). Dabei hat der Tübinger Dogmatiker Walter Kasper „bei der Erstellung des Textes die Hauptlast getragen“ (ebd. S. 8).

Der Aufbau des Katechismus schließt sich an das Große Glaubensbekenntnis der Kirche an, an das sogenannte Symbolum Nicae-no-Constantinopolitanum, das auf die Konzilien von Nicäa (325) und Konstantinopel (381) zurückgeht. Kasper gibt dafür eine mehrfache Begründung. Hauptmotiv war, dadurch den Bezug des Katechismus zum gemeinsamen Glauben der Kirche aufzuzeigen. Für die theologische Erarbeitung ergab sich daraus folgerichtig die Leitlinie, nicht eine Kontrovers-, sondern eine Konsenstheologie darzustellen.

Inhaltlich bedeutete dies eine Entscheidung für die trinitarische Auslegung des Glaubens. Entsprechend ist der Katechismus in drei Teile gegliedert: Gott der Vater — Jesus Christus — das Werk des Heiligen Geistes. Das trinitarische Bekenntnis wird verstanden als Auslegung des Geheimnisses Jesu Christi, in dem uns sowohl das Geheimnis Gottes wie das Geheimnis des Menschen endgültig offenbar wird. Als Grundidee des neuen Katechismus bezeichnet Kasper den Satz des hl. Irenaus von Lyon: „Die Ehre Gottes ist der lebendige Mensch.“

Daraus ergeben sich für ihn folgende „Formalprinzipien“: Katholisches Schriftprinzip, Elementarisierung und Konzentration des Glaubens, schließlich die ökumenische Dimension, die durch den Ansatz beim Symbolum bewußt vom Verbindenden und Gemeinsamen der Konfessionen ausgeht.

Methodisch reklamiert der Katechismus für sich eine „Abkehr vom künstlichen Frageschema der Schulkatechismen und ... die Hinkehr zu den wirklichen Fragen des Menschen.“ Allerdings schränkt er sofort ein: „Das sind nicht ohne weiteres die Fragen, welche die Leute — wer ist das schon? — nach Auskunft von Umfragen und nach Meinung der Massenmedien bewegen. Es geht nicht so sehr um die Fragen, die der Mensch hat, als um die Frage, die er letztlich selbst ist und auf die allein Gott in Jesus Christus die volle Antwort ist.“

Zur methodischen Erschließung gehört weiters die bibelnahe Sprache, wobei die Verfasser von der Meinung ausgehen, daß „die Texte der Heiligen Schrift für sich selbst sprechen und für den, der glaubt, auch aus sich selber einleuchtend sind“ (!). Daneben soll der Katechismus die Möglichkeit bieten, „Mutter Kirche im Originalton“ zu hören: in Dogmen, Liturgie, Kirchenliedern, Aussagen von Kirchenvätern und großen Heiligen (das Personenregister zeigt immerhin auch drei Frauen, Teresa von Avila, Teresa von Lisieux und Mutter Teresa von Kalkutta).

Ein genaues Durcharbeiten des Buches ergibt folgendes Bild: Der Erwachsenenkatechismus hat seine erfreulichsten Passagen dort, wo es ihm gelingt, den heutigen Stand der theologischen Diskussion zu schwierigen Fragen sachrichtig und verständlich zugleich wiederzugeben: z. B. Erbsündenlehre und Heilshoffnung,

134-140, Vorherbestimmung zum Heil, 227-231, die Begründung der Säuglingstaufe 338 f, das gesamte Kapitel V: Das Leben der kommenden Welt (398-430).

Wieviel Sachkenntnis, Mühe und Sorgfalt hier steckt, wieviel vorausliegende Grundsatzentscheidungen erarbeitet werden mußten, die in den Text nur indirekt eingegangen sind, wieviel Anstrengung (aber auch Freude) der beständige Dialog zwischen Dogmatik und Exegese erfordert, wie schwierig die sach- und adressatengerechte sprachliche Umsetzung ist, können alle diejenigen ermessen, die in einschlägigen Bereichen arbeiten.

Natürlich bleiben anderseits Wünsche offen (ein deutlicher anthropologischer Ansatz; mehr Berücksichtigung der Orthodoxie; ein tieferes Symbolverständnis; mehr theologische und anthropologische Ansätze bei der Sakramentenlehre), lassen sich eine Reihe von Verbesserungsvorschlägen auflisten (z. B. bei Ma-riologie, Ehe), für die hier im einzelnen kein Raum ist. Mehr bedenklich stimmen folgende Beobachtungen: Beim Umgang des Buches mit den Einwänden „anderer“ hat man öfters den Eindruck, diese würden nur verbal ernst genommen, auf Kern und Begründung ihrer Meinung werde nicht genügend hingehört, die Einwände würden zu rasch weggewischt. Zu rasch erfolgt dann manchmal auch der Rekurs auf den Glauben und auf das Geheimnis.

Beispiele sind die Argumentation hinsichtlich der Kurzformeln des Glaubens (46) und der Rede von Gott, dem allmächtigen Vater (S. 71/72). Bei der Argumentation gegen das Priestertum der Frau (S. 300) ist einiges auch sachlich unrichtig: Die bisher vorgebrachten biblischen Argumente reichen nicht aus; auch ist die Tradition in diesem Fall eine sündige Tradition, nämlich eine Geschichte der Vorurteile gegenüber Frauen. Was die Kirche beim Antisemitismus gutzumachen sucht, steht beim Antifeminismus noch aus. Auch ist das entscheidende Argument dafür nicht die Gleichberechtigung (sosehr die Kirche dadurch in diesem Punkt unglaubwürdig wirkt), sondern das Einbringen der Erfahrungen von Frauen im priesterlichen Dienst.

Auffallend auch, wie bei der Darstellung des Gottes- und Menschenbildes inhaltlich und sprachlich herr-scherliche Züge vordrängen. Nicht einmal die mütterlichen Züge des biblischen Gottesbildes sind erschöpfend aufgezählt, von den weiblichen Symbolen Gottes ganz zu schweigen, und dies trotz Fülle der insgesamt angeführten Bibelstellen. Dem entspricht eine überwiegend männliche Sprachgestalt: der Mensch, der Christ, der Sünder, der Partner Gottes, obwohl sich Kasper dazwischen bemüht, von Brüdern und Schwestern, Söhnen und Töchtern zu sprechen.

Ein weiterer Grundzug des Werkes: eine Vorbetonung des Individuellen vor dem Gemeinschaftlichen, des Betens vor dem Handeln (z. B. 86), des Ertragens vor dem Verändern (z. B. 194). Damit einher geht ein Mißverständnis der Befreiungstheologie, falls diese auf Seite 254 gemeint ist (wie bereits interpretiert wurde). Sie hat von Anfang an die Zusammengehörigkeit von physischer, psychischer und theologischer Befreiung behauptet.

Lob und Tadel

Eine andere durchgehende Beobachtung: Die Argumentation geht immer sehr rasch zugunsten des status quo aus, besonders dort, wo Amt und Kirche involviert sind (Reformen 286, Zölibat 385, freiwillige Ehelosigkeit 391). Dies gilt auch dort, wo das jeweilige Problem durchaus differenziert beschrieben wird. Die Präferenzen, Optionen und Abhängigkeiten der theologischen Positionen dieses Katechismus sind also durchaus wahrzunehmen. Sie sind legitim, solange sie als solche bewußt sind und sie nicht vorschnell mit Autorität von außen abgestützt und auch anderen theologischen Ansätzen zugestanden werden.

Gesamturteil: eine gediegene, sachkundige, auch sprachlich oft gelungene Interpretation des Symbolums aus der Sicht einer europäischen Ortskirche, die mit ihren Fähigkeiten und Grenzen, Stärken und Schwächen die gemeinsame Glaubensüberlieferung bedenkt. Dies allerdings mehr hinhörend auf die Lehre als auf die Menschen von heute, mehr achtend auf das Gewordene als auf das Werden von Glaubenseinsichten. Dies mag jene Menschen trösten, die den Zugang zu diesem Buch schwierig finden.

Dem Hauptautor ist für seinen Mut und seine Mühe zu danken, beides ist auch für die unbedingt nötige Auseinandersetzung mit seinen Kommentaren zu wünschen. Lob und Tadel werden sich überdies in reichem Maß über ihn ergießen — hoffentlich nicht vor einer Lektüre seines Buches! Die Leserinnen und Leser dieses Erwachsenen-Katechismus aber mögen bedenken: Das Leben von Jahrtausenden ist hier auf die Seiten eines Buches zusammengepreßt. Nur Geduld (mit der Kirche, mit dem Autor, mit sich selbst), Geschick und Liebe können damit ein Feuer entzünden, das die Herzen wärmt.

KATHOLISCHER ERWACHSENEN-KATECHISMUS. Das Glaubensbekenntnis der Kirche. Herausgegeben von der Deutschen Bischofskonferenz. Verlagsgruppe Engagement. Bonn 1985,464 Seiten, Leinen, öS 129,-.

Die Autorin ist Universitätsprofessorin für Katechetik und Religionspädagogik an der Universität Innsbruck.

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