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Große Oper, aber kein Spektakel

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Zentrum des Holland-Festivals, das heuer vom 15. Juni bis .7. Juli stattfand, ist Amsterdam, die Stadt mit den 500 Brücken und den 4000 denkmalgeschützten Bürgerhäusern aUs dem 17. und 18. Jahrhundert, die Stadt, woRembrandt lebte und wo Spinoza geboren wurde — und wo zwei Dinge groß geschrieben werden: Weitläufigkeit und Toleranz. Amsterdam hat keine großen Plätze, keine imposanten Avenuen (die einzige große Straße, der Dam, hat rein funktionellen Charakter), es gibt nur wenige Denkmäler und kaum Kirchen, deren Kunstwert von überregionaler Bedeutung ist...

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Zentrum des Holland-Festivals, das heuer vom 15. Juni bis .7. Juli stattfand, ist Amsterdam, die Stadt mit den 500 Brücken und den 4000 denkmalgeschützten Bürgerhäusern aUs dem 17. und 18. Jahrhundert, die Stadt, woRembrandt lebte und wo Spinoza geboren wurde — und wo zwei Dinge groß geschrieben werden: Weitläufigkeit und Toleranz. Amsterdam hat keine großen Plätze, keine imposanten Avenuen (die einzige große Straße, der Dam, hat rein funktionellen Charakter), es gibt nur wenige Denkmäler und kaum Kirchen, deren Kunstwert von überregionaler Bedeutung ist...

Was sich in der Architektur dieser Stadt ausdrückt, könnte man vielleicht so umschreiben: Amsterdam ist eine demokratische Stadt der Bürger und Kaufleute, und nichts ist charakteristischer als die unbeschreibliche Vielfalt der Fassaden der die Grachten säumenden Bürgerhäuser. Jedes ist von seinem Nachbarn durch Laune und Geschmack verschieden, und alle fügen sich zu einem noblen und intimen Gesamtbild, der Kunst Vermeers vergleichbar. Jean Cocteau schrieb nach seinem ersten Besuch Amsterdams über diese Häuser: „Elles sont comme des livres dans une biblio-theque mal rangee“. — Nur fehlen in diesen Reihen die häßlichen Taschenbuchrücken und die zerfransten Broschüren.

Eine andere Merkwürdigkeit: diese reiche, kunstliebende Stadt mit einem ungewöhnlich sensibel und kritisch reagierenden Publikum hat kein eigenes Opernhaus. Die „Stads-schouwburg“ muß alles beherbergen, vor allem Schauspiel und Ballett. Daher weicht man während der sommerlichen Festwochen in zwei andere große Häuser aus: in das 1600 Sitzplätze fassende „Circus-theater“ in Scheveningen bei Den Haag und in das „Theater Carre“ (das den Namen nicht nach seiner Form, sondern nach dem Architekten erhielt), mit 2000 Sitzplätzen, die aber infolge der Dimensionen der Aida-Bühne und wegen des Orchesterraumes auf ebenfalls 1600 Plätze reduziert werden mußte. In beiden Häusern waren alle Vorstellunger ausverkauft.

Mit „Rodelinda“, die im Circus-theater gegeben wurde, begann seinerzeit (am 26. Juni 1920) die große Händel-Renaissance. Sie ging von Göttingen aus und wurde in Halle fortgesetzt. Händel hat insgesamt 46 Opern geschrieben. „Rodelinda“ gehört zu jenen 10, denen man ab und zu auf den Spielplänen begegnet — und sie ist bis heute die erfolgreichste geblieben. Sie erfordert große, leistungsfähige Stimmen, ein klangschönes Orchester und ein prunkvolles Dekor. Die musikalische Bearbeitung Und Einstudierung war dem Australier Richard Bonynge anvertraut, Regie führte der offenbar mit dem Zeremonialstil der Barockoper vertraute Argentinier Tito Cabo-bianco, dem sein Landsmann Jose ,Varona noble, vornehmlich in Grautönen gehaltene Dekorationen schuf, zu denen die goldenen Rüstungen der behelmten Baldachinträger sowie das schwarz-silberne Kostüm der Titelheldin wirkungsvoll kontrastierten. Rodelinda war die Australierin Joan Sutherland, die bereits 1959 in der berühmt gewordenen Sadler's-Wells-Produktion zum 200.

Todestag Händeis die Titelpartie gesungen hat. Sie ist im Vollbesitz ihrer großen, schönen und modulationsfähigen Stimme, die auch die halsbrecherischen Koloraturen ohne hörbare Anstrengung meistert. In Huguette Tourangeau (Kanada), C. C. Meijer und Margareta Elkins (Australien) hatte sie hervorragende Partner und Gegenspieler. Der Beifall war gewaltig, setzte aber erst immer nach den 8- bis 16taktigen Orchesternachspielen ein, was der Rezensent bisher kaum irgendwo erlebt hat. (Das Publikum kannte also nicht nur den Text, sondern auch die Musik.)

Für die Neuinszenierung von Verdis „Aida“, die in Holland seit etwa 20 Jahren nicht mehr gespielt wurde, hatte man Götz Friedrich gewonnen, der bei den Wiener Festwochen „Moses und Aron“ inszeniert hatte. Die Dekorationen Reinhart Zimmermanns waren aus Ostberlin entliehen, und auch die Kostüme Jan Skalickis mußten wegen Überlastung der Amsterdamer Werkstätten auswärts angefertigt werden. Die Arena-Bühne des „Theater Carre“ bringt zusätzliche Schwierigkeiten für den Regisseur, dem ja nicht das Riesenrund der Arena von Verona zur Verfügung steht. Götz Friedrich hat auf das große Spektakel verzichtet und trotzdem ein sehr wirkungsvolles Arrangement geschaffen, das sich in einer rückwärtigen Metallfolie spiegelt, wobei mehr das Menschlich-Politische als die optisch-dekorative Komponente betont wurde. Nicht leicht hat es in diesem Thater der Dirigent (Edo de Waart): zwar hat er Sänger und Bühne unmittelbar vor sich, aber das Orchester ist weit zu seiner Rechten und Linken auseinandergezogen. Wieder konnte man ein ausgezeichnetes Sängerensemble bewundern: primo loco die Engländerin Pauline Tinsley als Aida, die Brasilianerin Montserrat Aparici als Amneris, den Brasilianer Giovanni Gibin als Radames (etwas schwächer), Jan Derksen als Amo-nasro und Maurizio Mazzieri als Ramfis (beide ausgezeichnet).

Die meisten Konzerte fanden im Concertgebouw statt, und jeder Besuch dieses geräumigen, akustisch großartigen Saales ist ein durch Reminiszenzen verstärktes Erlebnis: Hier wurde zu Lebzeiten Mahlers, dessen Name an einer Logenwand prangt, mehr seiner Symphonien, zum Teil unter seiner Leitung, aufgeführt, als irgendwo anders. Wir hörten hier unter Jean Fournet, gespielt vom Philharmonischen Radio-Orchester, drei Werke von OMvier Messiaen, der der Aufführung persönlich beiwohnte. Was für ein schönes, apartes und eindrucksvolles

Werk ist, trotz unüberhörbarer Anklänge an Wagner, Debussy und Skrjabin, die vierteilige ,^Ascension“ aus dem Jahr 1933! Aber was darnach kam? „Le reveil des Oiseaux“ aus dem Jahr 1953, zum Glück nur etwa eine Viertelstunde dauernd, mag man als Kuriosität gelten lassen. Was Messiaen aber in der 1959 bis 1960 geschriebenen „Chrono-chromie“ ausprobiert hat (und worüber man eine kleine Broschüre schreiben könnte), nämlich die Wechselbeziehungen von Zeit- und Klangstrukturen, mag für ihn und für andere mit dem gleichen Problem beschäftigte Komponisten von Interesse sein, den Hörer kann dieses fast halbstündige Werk leider nicht fesseln. Hier bekommt man wieder die ornithologischen Studien Mes-siaens zu spüren, und wenn wir an die vor kurzem in Wien erstaufgeführte „Transflguration“ denken dann möchte man von der Zerstörung eines Talentes durch eine „idee fixe“, nämlich die der Vogelstimmen, sprechen.

Von den vielen Konzerten sei wenigstens noch jenes erwähnt, das Josef Krips mit dem Concertgebouw -Orchester gab. Auf dem Programm standen die drei letzten Mozart-Symphonien, und holländische Freunde versichern, daß man von diesem Orchester kaum je eine so vollendete Mozartinterpretätion gehört hat.

Sehr umfangreich war das Angebot an neuen Balletten während des Holland-Festivals, und man müßte wenigstens zwei Wochen lang die Veranstaltungen besucht haben, um in einem eigenen Bericht darüber zu referieren. Neben den landeseigenen Truppen: „Het Nationale Ballet“, dem „Nederlands Danstheater“ und dem „Stichting Eigentijdse Dans“ gastierten die „Louis Falco Dance Company, New York“ mit zwei verschiedenen Programmen und das „Ballet Folklorico de Mexiko“, das wir ja vor kurzem auch in Wien gesehen haben.

Auch der Theaterfreund konnte auf seine Rechnung kommen: bei der „Royal Shakespeare Company, Strat-ford“, die „Landscape“ von Pinter spielte, bei der „Compania Nuria Espert“ mit Lorcas „Yerma“, beim „Open Theater New York“, bei „De Nieuwe Scene Antwerpen“ mit dem „Mistero buffo“, einem sozialkritischen Laienstück, in dem neue Formen ausprobiert werden, dessen Sprache (ein flämischer Dialekt) allerdings ein schweres Handicup für die meisten Besucher war. Schließ-, lieh gab es noch, von inländischen Truppen gespielt, Stücke über „Eva Perön“ und über Vincent van Gogh mit dem Titel „Een zekere Vincent“, das durch die vor kurzem erfolgte Eröffnung des neuen Museums besondere Aktualität erhielt.

Die meisten dieser Ensembles wandern durch das Land: nach den Haag und Scheveningen, nach Eindhoven, Groningen und Nijmwegen, Rotterdam und Utrecht, nach Hilver-sum, Middelburg, Tilburg und Haar-lem. Natürlich bekommt man nicht überall olles zu sehen, aber es fallen auch für die kleinen Orte interessante Veranstaltungen ab.

Für die Realisierung der Eigenproduktionen und Finanzierung der Gastspiele (es sind, zusammen mehr als 300 Veranstaltungen) stehen dem Direktorium, bestehend aus den Herren den Daas, de Witte und Jo Eisendorn 1,3 Millionen Gulden zur Verfügung. Sie werden vom Staat, der Stadt Amsterdam und den Haag aufgebracht. Zieht man aber die administrativen Auslagen ab, so bleiben für die rein künstlerischen Vorhaben insgesamt 800.000 Gulden (1 Gulden = 7 Schilling). Es ist ein Bruchteil jener Summe, die für die Wiener Festwochen bewilligt wurden. — Das könne man nicht vergleichen? Man kann. Vor allem was die Qualität der einzelnen Veranstaltungen betrifft...

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