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Große Vielfalt ringt um Einheit

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Worum geht es den Nachfolgern von Zwingli und Calvin? Aufschluß darüber gibt diese Woche eine Tagung in Wien, bei der 37 Kirchen aus 21 Staaten vertreten sind.

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Worum geht es den Nachfolgern von Zwingli und Calvin? Aufschluß darüber gibt diese Woche eine Tagung in Wien, bei der 37 Kirchen aus 21 Staaten vertreten sind.

Was haben österreichische Reformierte, Presbyterianer aus Irland, Waldenser aus Italien und Böhmische Brüder gemeinsam, außer daß sie alle ihre Lehre auf Jesus Christus zurückführen? Was haben sie Besonderes gemeinsam, was sie etwa von Lutheranern unterscheidet?

Zunächst rein organisatorisch, daß sie sich mit 157 weiteren Kirchen in 82 Ländern und rund 70 Millionen Mitgliedern im Reformierten Weltbund zusammengefunden haben. Dessen europäisches Gebiet hält in dieser Woche seine Gebietsversammlung in Wien ab. 200 Delegierte aus 37 Kirchen und 21 Staaten nehmen daran teil.

Dieser Weltbund ist in gut einem Jahrhundert aus sehr verschiedenen Wurzeln herausgewachsen, denen eines gemeinsam ist: die Berufung auf die Reformation durch die Schweizer Huldrieh Zwingli und Jean Calvin. Oder, wie etwa im Fall der älteren Waldenser oder der aus Hussiten und Waldensern herausgewachsenen Böhmischen Brüder die spätere Annäherung an die reformierten Lehren.

Gemeinsam ist ihnen auch die Vorstellung, daß Kirche sich in der Gemeinde darstellt und aus der Gesellschaft der Umwelt nicht zu lösen ist. Die weitgehende Autonomie der kleinen Einheit, die Ablehnung einer richtungweisenden übergeordneten Gewalt haben zu dieser Vielfalt geführt, der gegenüber die Einheit nur mehr im Geistigen, kaum im Organisatorischen zum Tragen kommt.

Die regelmäßigen Tagungen des Weltbundes und seiner Gebietsorganisationen sollen da gegensteuern, die notwendige Einheit aufrechterhalten.

Peter Karner, Pfarrer der Reformierten in Wien-Mitte, damit Hausherr in der traditionsreichen Dorotheerkirche, seit dem Vorjahr als Landessuperintendent Vorsitzender des Führungsgremiums der „Evangelischen Kirche H B. in Österreich”, sieht diese in doppelter Diaspora-Situation: als Evangelischer gegenüber der katholischen Mehrheit und als Reformierter gegenüber den zahlenmäßig wesentlich stärkeren Lutheranern.

370.000 Angehörige des „Augsburger Bekenntnisses”, also der auf Martin Luther zurückgehenden evangelischen Kirche, stehen 16.000 Reformierten gegenüber. (Das war nicht immer so: Vor 200 Jahren, zur Zeit des Toleranzpatents Josefs IL, gab es im Habsburgerreich mit fast einer Million mehr als doppelt so viele Reformierte wie Lutheraner.)

Aber von den neun Pfarrgemeinden, die sich zur „Kirche H B.” zählen, sind die vier in Vorarlberg gemischt: „A. und H. B.”. Und Karner hebt den „österreichischen Weg” des Protestantismus, die „confessio austriaca” von 1949, ausdrücklich hervor, der in der Leuenberger Konkordie von 1979 die praktischen Ausführungsbestimmungen folgten.

Alle früher bestehenden gegenseitigen Verketzerungen wurden aufgehoben. In beiden Kirchen gibt es hinsichtlich der Bekenntniszugehörigkeit keine Vorschriften für Pfarrer und Laienvertreter. Grundsätzlich könnte auch ein Lutheraner Landessuperintendent der Reformierten werden oder ein Reformierter Bischof der Lutherischen Kirche (obwohl er sich damit von der eigenen Kirche entfernen würde, die keinen Bischof kennt).

Auch die Reformierten bleiben von der Erosion nicht verschont, die den anderen Kirchen zu schaffen macht. Die traditionellen bodenständigen Zentren reformierten Glaubens in der Monarchie lagen in Böhmen und Ungarn. Auch aus der Schweiz und dem deutschen Raum kam Zuzug. Aus dem Osten ist er versiegt. 1956 für Ungarn, 1968 für Böhmen waren die letzten Wellen.

An Theologennachwuchs gibt es zur Zeit zwei Vikare und drei Studenten - aber das müßte auch genügen, denn für die neun Gemeinden ist der Theologenbedarf beschränkt.

Die auf die großen Reformatoren zurückgeführte Verpflichtung zum Engagement in der Welt dokumentiert sich ebenso in den Bemühungen um die ökumenische Bewegung wie in Aktivitäten zu Tagesfragen.

Karner erinnert vor allem an die ökumenischen Vespern, die sein Kollege Alexander Abraha-moviezs in der Dorotheerkirche veranstaltete. Als er selbst Vorsitzender des (österreichischen) ökumenischen Rates der Kirchen war, erreichte er die Annahme einer Anti-Apartheid-Erklärung, an der nach wie vor festgehalten wird.

Damit stehen Südafrika und die Absage an Apartheid und Rassismus hoch oben in der Traktandenliste reformierter Diskussionen. Aus dem Auftrag zum Engagement waren Mitglieder der Reformierten Kirche auch überdurchschnittlich zahlreich bei Aktionen gegen die Fristenregelung, gegen Zwentendorf und Wackersdorf, sind sie an den Diskussionen über Umweltschutz und Entwicklungshilfe beteiligt. Manchmal mehr, als der Sorge um die unmittelbaren Anliegen einer Minderheitskirche im Österreich von heute guttäte, läßt Karner durchblicken.

So wird natürlich auch die Gebietsversammlung des Weltbundes in Wien die Diskussion über Südafrika erleben, umso mehr, als ein farbiger Südafrikaner, Allan Boesak, als Präsident des Weltbundes auch an der Wiener Versammlung teilnehmen wird.

Helga Düsse, Krankenhaus-seelsorgerin aus Hessen, die das Zentralreferat halten soll, fragt: „Wie können wir als Gemeinden und Kirchen Europas Gemeinschaften werden, die in die Welt wirken? Vielleicht, indem wir aus unserer Distanz hinausgehen und Nähe wagen: Nähe zu Außenseitern, zu anderen Konfessionen, zu Menschen, die sich von Gott entfernt haben, Nähe zu Gott?”

Und sie zitiert einen Auspruch Robert Jungks: „Manche sagen, das Christentum sei überholt. Es ist aber noch nicht annähernd verwirklicht worden. Wir haben jetzt schon fast 2000 Jahre vertan. Wir müssen endlich anfangen, die Botschaft ernst zu nehmen...”

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