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Grüne Ideologie hat ihren Preis

Daß der Bau von Kraftwerken, Müllverbrennungsanlagen und Straßen, und seien sie noch so notwendig und sinnvoll, heute wegen des organisierten Widerstandes der davon unmittelbar Betroffenen kaum mehr durchzusetzen ist, daran hat man sich gewöhnt. Werden wir uns auch daran gewöhnen müssen, daß die als Problemloser für Verkehrsund Umweltprobleme gepriesene Bahn vor dem gleichen Problem steht? Daß also jene - nicht nur, vor allem aber bauliche - Maßnahmen, die unsere in den letzten Jahrzehnten etwas stiefmütterlich behandelte Bahn erst in die Lage versetzen, ihrer neuen Bedeutung gerecht zu werden, ebenfalls von diversen Bürgerinitiativen verhindert werden?

Anlaß für diese Frage ist keinesfalls die aktuelle Diskussion um den Semmeringbasistunnel, dessen Notwendigkeit nicht nur von den „Aus-Prinzip-Verhinderern” bezweifelt wird. Es sind die immer häufiger werdenden Meldungen über wütende Bürgerproteste gegen Modemisie-rungsmaßnahmen der Bahn. Der Bogen spannt sich von der Forderung eines Nachtfahrverbotes entlang des Wörthersees über die Verhinderung eines Container-Terminals in Tirol, bis zum Kampf gegen leistungsfähige Frachtenbahnhöfe in Wien. Warum sollten Methoden, die dank entscheidungsschwacher Politiker zur Verhinderung von Kraftwerks- und Straßenbauten so erfolgreich eingesetzt wurden, nicht auch bei Bahnbauten funktionieren?

Daß die Bahn laufend Marktanteile verliert - und ohne Modernisierung wohl weiter verlieren wird - , mag ein Problem für den neuen ÖBB-Generaldirektor, nicht aber für die von der Modernisierung betroffenen Anrainer sein. Die haben mittlerweile realisiert, daß nicht nur der Straßenverkehr, sondern auch eine leistungsfähige Bahn Platz braucht und Lärm erzeugt.

In ihrem missionarischen Kampf gegen jedes neue Stück Straße gehen Wiens Grüne so weit, daß sie zwar den Bau von neuen, leistungsfähigen Frachtenbahnhöfen befürworten, den Bau von leistungsfähigen Zufahrtsstraßen - ohne die diese Bahnhöfe von den Frachtern nicht angenommen werden! - aber vehement bekämpfen.

Wozu auch die Bahn attraktiver machen, solange man noch den Straßenverkehr unattraktiver machen kann? Diesem Zweck dient wohl auch der Kampf gegen die sogenannte „Welser Westspange”, eines Autobahnstückes bei Wels, daß die Verbindung zwischen Innkreis- und Pyhrnau-tobahn um 25 Kilometer abkürzen würde. Durch den Nicht-Bau würde zwar kein LKW-Zug weniger Österreich traversieren -was sind schon 25 Kilometer bei einer Gesamtfläche von vielleicht 1.000 Kilometern? -, pro Jahr aber unnötig Millionen Liter Diesel und Benzin in die nicht kurortverdächtige Luft des Ballungsraumes Linz-Wels geblasen.

Konsequente grüne Ideologie (sollte man sagen: konsequenter Egoismus?) hat halt ihren Preis...

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