7039251-1990_10_04.jpg
Digital In Arbeit

„Habt acht!" auf den Schößling

Feindbilder schwinden, Zusam­menarbeit ist angesagt. Wozu also Armeen? Die Inder haben eine auch für uns nachahmenswerte Antwort darauf.

Zum Beispiel in Kota, einer Be­zirkshauptstadt in Rajasthan (Nordwestindien) am Rande der Wüste Thar, im Süden des Arawal-li-Gebirges. Kota, dereinst präch­tiger Sitz indischer Maharadji, entwickelte sich in den letzten Jahrzehnten zu einem rapid wach­senden Industriezentrum mit Öl, Gummi-, Papier- und Textilfabri-ken und einem nahegelegenen Atomkraftwerk. Die Bevölkerung vervielfachte sich sprunghaft, zugleich erfolgte die zügellose Ab-holzung der umliegenden Wälder, in denen noch vor 30 Jahren Tiger, Bären, Hirsche und andere Wild­tiere herumstreiften. Bis vor kur­zem bot sich dort ein trostloser Anblick: die vertrocknete, ausge­waschene Erde tief aufgerissen, die dünne Humusschicht vom Winde verweht, kein Baum, kein Busch, kein Gras.

Der Divisionskommandant von Kota ist nicht nur ein begeisterter Bergwanderer, sondern auch ein überzeugter Umweltschützer. Auf seine - keineswegs von oben be­fohlene - Anordnung wurde mit einem simplen Bewässerungssy­stem Wasser aus dem Chambalfluß gepumpt, um die ersten 10.000 von den Soldaten in die öde Gegend gepflanzten Schößlinge heimischer Bäume zu ernähren. Off limits für heilige Kühe: zugleich schichteten sie eine Steinmauer um ihre zart­grünen Schützlinge auf. Gemein­sam mit einer lokalen Umwelt­schutzgruppe wurde eine Samen­bank heimischer Bäume eingerich­tet.

Allmählich konnte der Bodenero­sion Einhalt geboten werden, die Bäume wuchsen und mit ihnen kehrten Wildtiere, vor allem die Vö­gel zurück. Durch den wiederbe­lebten Wald und durch nun wieder wasserführende Schluchten wur­den Natur(lehr-)pf ade angelegt, die jeweils von einer Militäreinheit er­halten und gepflegt werden.

Doch die Taten der Soldaten von Kota gehören schon zum Alltag der indischen Armee. Diese zählt zur Zeit 800.000 Mann (bei rund 800 Millionen Einwohnern!). Sie ist in fünf Armeegruppen (Nord, Süd, Ost, West und Mitte) gegliedert und überall im Land verstreut statio­niert, sowohl in fruchtbaren als auch in von Umweltzerstörung betroffenen Gebieten. Wo immer Soldaten hinkommen, entstehen grüne Oasen, gibt es Schatten und Wasser für Mensch" und Tier. Die meisten Soldaten sind bäuerlicher Herkunft und verstehen das Lebensgeflecht in der Natur, das Zusammenwirken von Wasser und Boden, Luft und Wald.

Jede größere militärische Einheit besitzt heute eine „Umwelt-Zelle". Die Brigadekommandos haben die Aufgabe, alle Umweltschulungs­und Umweltschutzaktivitäten zu koordinieren. Sie arbeiten im en­gen Kontakt mit dem Umweltmini­sterium, den staatlichen Forstäm­tern und dem indischen World-Wildlife-Fund, dessen ideenreicher Präsident übrigens ein pensionier­ter Armeegeneral ist.

Strahlender Erfolg eines Infan­teriebataillons im westlichen In­dien: Vor drei Jahren begann ein Kerntrupp von 74 Mann mit dem Setzen von 50.000 Bäumen. Um das kostbare Regenwasser zu sammeln, bauten die Männer kleine Auf­fangdämme. Im zweiten Jahr wa­ren es schon 100.000 und im dritten noch einmal 100.000. Daß 90 Pro­zent, also 225.000-ein ganzer Wald - überlebten, verdanken sie der liebevollen Pflege durch die Solda­ten.

Die beeindruckte nationale Forst­behörde schickte einen Botaniker zum Bataillon, um beim Aufbau ei­ner eigenen Baumschule und einer Schößlingsaufzucht aus Samen zu helfen. Schnellwachsende Kasua­rinas werden als Windbrecher zum Schutz von Vielfachkulturen ein­gesetzt: Obstbäume - Mangos, Zi­tronen, Papayas und Guaven -werden mit heimischen Laubbäu­men und Akazien durchmischt.

Indien ist vermutlich das einzige Land, das drei eigene Öko-Batail­lone aufgestellt hat; zwei weitere sind im Entstehen. Diese Bataillo­ne schützen Wild und Wälder, for­sten auf und sorgen für die Neube­lebung verwüsteter Landstriche. Zwei Bataillone sind in durch Kahlschlag katastrophal geschä­digten Himalaya-Gebieten zur Wiederaufforstung eingesetzt, ein drittes pflanzt Bäume entlang des Ganga-Kanals in der Radjasthan-Wüste, um deren weiteres Vordrin­gen zu verhindern.Auch an. der Rettung des indischen Tigers war das Militär beteiligt. Früher, in den alten, wildreichen Zeiten, war die Jagd das Hobby der Offiziere, schon in Fortsetzung der Tradition aus der Kolonialzeit. Kein britischer Offizier, der auf sich hielt, kehrte ohne Tigerfell und Elefantenzähne nach England zurück. (Ähnliche Bräuche soll's auch bei uns geben; etwa auf dem Truppenübungsplatz Allentsteig, wo mancher Verteidi­gungsminister der Wildschwein-hatz zu frönen pflegte.)

Die Jagdfreude war bei den Obe­ren Indiens gerne gesehen, übte man doch dabei Treffsicherheit und Spu­renlesen, wichtige Künste in alt­modischen Kleinkriegen und in der Niederschlagung von Rebellionen im schwierigen Gelände. Doch seit den Tagen Indira Gandhis ist die Jagd, vor allem die Großwildjagd, verpönt.Man begnügt sich nicht mit Ver- und Geboten. Daneben gibt es Auabildung und Motivierung zum Umweltschutz an allen Militär­hochschulen, an den Ingenieurs­schulen und vor allem an der tradi­tionsreichen Nationalen Verteidi­gungsakademie. Auf deren Gelän­de hält der World-Wildlife-Fund jeden November einen Workshop ab und die Kadetten absolvieren richtige Umweltschutzprogramme. In allen fünf Armeegruppen gibt es jedes Jahr Umweltlehrgänge für Of­fiziere und deren Familien.

Heute in Indien die Abschaffung der Armee zu fordern, würde kein Echo wecken, ist sie doch eine der wenigen landesweit funktionieren­den Institutionen. Dazu sind die Grenzkriege mit Pakistan und Chi­na in zu lebhafter Erinnerung und neue Konflikte könnten jederzeit aufflammen. Doch seit Jahren ist auch der Gedanke, daß Indiens dauernde Sicherheit in erster Linie von der Rettung und Bewahrung der natürlichen Lebensgrundlagen abhängt, fest in der Armee veran­kert. Im Krieg gegen die erbar­mungslose Naturzerstörung hat sie erste Siege errungen.

Zurück ins „Drakenreich": Die Abschaffung des Österreichischen Bundesheeres - trotz aller Befrie­digung und Beseitigung Eiserner Vorhänge an unseren Grenzen- ist sicher nicht von heute auf morgen durchsetzbar.

Seine tatkräftige Hilfe für die Erdbebenopfer in Armenien und der Dienst bei den „Blau-Helmen" der UNO in den Krisengebieten sind humanitär, nützlich und anerken­nenswert. Sie allein rechtfertigen jedoch nicht die Existenz einer Armee, denn solche Leistungen wären auf andere Weise viel billi­ger zu vollbringen: man braucht dazu so gut wie keine schwere Bewaffnung. Österreichs Sicherheit wird weder durch Waffenkäufe im Ausland noch durch Milli­ardenaufträge an die heimische Waffenproduktiön - die den Vor­wand für den Waffenexport in Kri­sengebiete abgibt - samt deren Plei­ten und Scherbenhaufen politischen Porzellans garantiert.

Aber solange wir das Bundesheer haben, fände es als aktive Umwelt­schutztruppe sicher den Beifall der österreichischen Bevölkerung. Zu tun gäbe es genug und militärische Hindernisse stehen dem nicht im Wege - wie es das indische Beispiel zeigt - höchstens die Phanta-sielosigkeit.

Die Autorin war Klubobfrau der Grünen im Parlament.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau