7022208-1988_49_05.jpg
Digital In Arbeit

Henker der Roten Armee

Zu den sogenannten weißen Flecken der Sowjetgeschichte, die jetzt im Zeitalter der Gor-batschowschen Umgestaltung vom Geschichtsbild verschwinden sollen, gehören die „Säuberungen“ in der Roten Armee während der Stalin-Ära. Diese „Säuberungen“ begannen im Winter 1936/37 und hörten — mit größeren Intervallen—erst mit dem Tod des Diktators im Frühjahr 1953 auf.

Die Rote Armee war das Liebkind der Sowjetunion. Sie sollte stark und mächtig werden, denn

Moskau fürchtete sich seit 1930 vor einem neuen Krieg, geführt von jenen „westlichen Imperialisten und Kapitalisten“, die nach Meinung des Kremls nur die physische Ausrottung von Kommunisten und damit die Vernichtung der Sowjetunion vor Augen hatten.

Die Rote Armee mußte also zahlenmäßig und in technischer Hinsicht ihrer „heiligen Aufgabe“ — der Abwehr der Offensive kapitalistischer Gegner — gewachsen sein. Ubermenschliche Opfer wurden dieses Zieles wegen der Bevölkerung abverlangt. Und die Sowjetmenschen erbrachten sie mit Fleiß und Hingabe, konnte ihnen — die von der Außenwelt hermetisch abgeschlossen waren — die KP-Propaganda doch weismachen, daß sie - bar jeglicher Ausbeutung — die glücklichsten Menschen der Erde seien.

Umso schwerer wirkte der Schlag, als in der Sowjetpresse erste Artikel über die „Entlarvung von Volksfeinden in Uniform“ publiziert wurden.

Dieses Kapitel begann eigentlich im Frühjahr 1937.

Von einem Tag auf den anderen verschwand ein beträchtlicher Teil der damaligen sowjetischen Militär-Elite von der Bildfläche.

Vorangegangen war der Selbstmord des Armeekommissars 1. Ranges J. G. Gamarnik, des langjährigen obersten Politchefs der Roten Armee. Er wählte Ende Mai 1937 den Freitod, um einer bevorstehenden Verhaftung durch den Staatssicherheitsdienst NKWD zu entgehen.

Marschall M. N. Tuchatschew-ski, bis dahin hinter Woroschilow der zweite Mann in der Roten Armee, ein glänzender Stratege, wurde im Juni 1937 überraschenderweise verhaftet. Mit ihm zusammen nahm man Dutzende verdienter Armeeführer in Gewahrsam, deren Namen der heutigen Öffentlichkeit wenig sagen, die damals aber die ganze Welt erschütterten.

Der Prozeß gegen die ersten zwölf roten Generäle fand hinter verschlossenen Türen in Moskau statt. Nur die Urteile wurden bekannt: Wegen Hochverrats Tod durch Erschießen. Uber den Prozeßverlauf weiß man bis heute nichts.

Noch am 11. Juni 1937 wurden die Hinrichtungen vollzogen, und es gingen Befehle aus, auch Verwandte der „Volksfeinde“ zu liquidieren beziehungsweise sie in einen Gulag einzuweisen.

In den Jahren 1938/39 wurden Abertausende von Kommandeuren und Kommissaren auf denselben Weg der Vernichtung geschickt. Stalin wütete derart, daß die Rote Armee und die Rote Flor-re wirklich rot wurden — rot vom Blut ihrer KommaÜdeure und Kommissare.

1939 wurde nach Tuchatschew-ski und Blücher der dritte Sowjetmarschall als „Volksfeind“ entlarvt und hingerichtet: A. I. Jegorow, ehemaliger Kampfgefährte Stalins im Polenfeldzug 1920 und seit 1931 Chef des Generalstabs der Roten Armee.

In der ersten Phase der „Säuberungen“ kamen etwa die Hälfte aller Regimentskommandeure und etwa ein Drittel der Regimentskommissare um, fast alle Brigade- und Divisionskommandeure und beinahe alle Chefs der Militärbezirke, die Mehrzahl der

Korpskommandeure und der Kommissare der Korps, Divisionen und Brigaden sowie zahlreiche Lehrkräfte der höheren und mittleren militärischen Lehranstalten.

Nach westlichen Schätzungen verlor die Rote Armee durch die Säuberungen mehr als 35.000 Offiziere und Kommandeure. Von den fünf Sowjetmarschällen des Jahres 1935 blieben bis Ende 1939 nur zwei übrig: Woroschilow und Budjonny.

Die Folgen waren verheerend: Lange Jahre der Kaderausbildung und viele praktische Erfahrungen gingen verloren. Und all das am Vorabend eines auch von der Sowjetregierung erwarteten europäischen Krieges.

Hitler hatte klar den Nutzen aus Stalins neronischem Verfolgungswahn erkannt. Am 9. Jänner 1941 ermutigte er seine Generalstabsoffiziere, die mit der Planung des Feldzuges gegen die Sowjetunion beauftragt waren, mit dem Hinweis auf den geringen Wert der Roten Armee: „Sie haben keine guten Kommandeure.“

Nutzen für Hitler

Und als die deutsche Wehrmacht bereits vor Moskau stand, ließ Stalin aus dem Lubjanka-Ge-f ängnis etwa 200 bis 250 Offiziere -in der Mehrzahl seit 1938 eingekerkert — nach Kuijbischew bringen, um sie dort nach einer Farce von Gerichtsverhandlung dem Henker zu übergeben.

Das zweite und dritte Kapitel von Stalins Verbrechen gegen das rote Offizierkorps — nach 1945 und insbesondere in der Zeit zwischen 1947 und 1952 - ist bis jetzt nur bruchstückhaft bekannt. Aber sowjetische Historiker lassen nicht mehr locker. Gemeinsam mit ge-schichtsbewußten Journalisten sind sie dabei, auch diese weißen Flecken der Sowjetgeschichte aufzuklären — spät, aber nicht zu spät für die Rehabilitierung der Opfer und ihrer Angehörigen.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau