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Heraus aus den alten Strukturen

Österreich steht seit Abschluß des österreichischen Staatsvertrages und der Wiedergewinnung der Eigenstaatlichkeit in Freiheit vor seiner größten Herausforderung, dem zukünftigen Verhältnis zu den Europäischen Gemeinschaften. Nach eingehender Befassung auf allen politischen und wirtschaftli- chen Ebenen wurde im Juli 1989 der Antrag auf Beitritt zur EG ge- stellt. Ein solcher allein sichert in der für die österreichische Wirt- schaft so essentiellen Frage die gleichberechtigte, umfassende Teil- nahme am kommenden großen europäischen Binnenmarkt. Diese Integrationsphase hat durch den Aufbruch im Osten und dessen Hinwendung zur Marktwirtschaft noch eine weitere zusätzliche Di- mension erhalten, da die Länder Ost- und Südosteuropas in Zukunft in die weitere Entwicklung der europäischen Integration eingebun- den sein werden.

Nach der Phase des Wiederauf- baus nach dem Kriege, der Mangel- wirtschaft und dem Verkäufer- markt, die insbesonders in Europa vorherrschten, wurden die öster- reichische Wirtschaft und ihre Exportunternehmen in der Folge mit der Tatsache konfrontiert, daß aus vielen Verkäufermärkten zu- nehmend Käufermärkte wurden, eine Herausforderung, die so man- che Finnen, vor allem im gelenkten Bereich, nicht immer bewältigen konnten, wenn auch in unseren wichtigsten Absatzmärkten durch EFTA-Zugehörigkeit und Freihan- delsabkommen mit den Europäi- schen Gemeinschaften, gestützt durch eine über weite Zeiträume ausgezeichnete Konjunktur, opti- male Rahmenbedingungen gegeben waren.

Die Schaffung des europäischen Binnenmarktes stellt nunmehr die österreichische Wirtschaft wieder- um vor zum Teil schwerwiegende Probleme. Für manche Wirtschafts- zweige, aber auch für viele Einzel- firmen wird es zu erheblichen Anpassungsschwierigkeiten kom- men, nicht wenige werden von al- ten Gewohnheiten Abschied neh- men müssen. Geschützte Bereiche wird es kaum mehr geben. Markt- wirtschaftliches Denken und Han- deln werden auf allen Sektoren bestimmend sein.

Aus den angeführten Gründen muß es zu einer Ergänzung des traditionellen Außenhandels - des reinen Warenverkehrs - kommen, der nicht mehr den Anforderungen unserer Zeit entspricht. Dieser muß durch „Internationalisierung" komplettiert werden, wobei dazu alle, über grenzüberschreitende Warenlieferungen hinausgehende Aktivitäten gehören, wie Koopera- tionen, mit und ohne Kapitalver- flechtung, Joint-Ventures, Verga- be von Lizenzen und schließlich die Errichtung eigener Produktions- und Vertriebsniederlassungen im Ausland.

Kleine, mit Österreich vergleich- bare Länder mit hohem Wohl- standsniveau, wieetwa die Schweiz, Schweden und Finnland, zeigen dabei einen hohen Grad sogenann- ter „Hinausinternationalisierung", das heißt von Investitionen im Ausland. In Österreich ist der In- ternationalisierungsgrad hingegen bezüglich Investitionen im Ausland in Relation zu obigen Ländern noch immer relativ gering. Die hohe Auslandspräsenz der zitierten Länder hat auch zur Folge, daß in diesen die Dringlichkeit eines EG- Beitritts nicht in dem selben Maße wie in Österreich gesehen wird.

Auch eine größere Einschaltung des Handels in Außenhandelsge- schäfte - eigener Handelshäuser, aber auch ausländischer - gehört im weiteren Sinne zu diesem Be- reich. Der Aufstieg Japans zu einer Welthandelsnation wäre ohne den Beitrag der großen japanischen Handelshäuser undenkbar. Vor einer Einschaltung von Handels- häusern scheuen jedoch viele öster- reichische Firmen immer noch zu- rück, desgleichen ist vielfach die Fertiguhgstiefe zu groß. Wichtig ist die Konzentration auf Forschung und Entwicklung, Finanzen und Marketing. Die Produktion von Komponenten sollte an Zulieferer ausgelagert werden. Der Absatz vieler Produkte ist auch durch re- gionale Servicenetze zu sichern.

Die österreichische Exportwirt- schaft ist sich der wachsenden Ansprüche, die ah sie gestellt wer- den, bewußt. Im Export Erfolg haben, heißt auch Präsenz auf den Expörtmärkten. Die Verbringung der Wäre über die Grenze ist immer erst der Anfang eines Exportge- schäftes und nicht schon dessen Ende. Die Wahrnehmung dieser Aufgaben ist für die vorwiegend klein- und mittelständisch struk- turierte österreichische Wirtschaft nicht immer leicht. Es besteht je- doch kein Zweifel darüber, daß auch diese den Weg der Internationali- sierung beschreiten müssen, um in ihrem spezifischen Bereich eine zumindest relative Größe im Markt zu erreichen. Größe Unternehmen sind naturgemäß in der Lage, Inter- nationalisierungsschritte selbst erfolgreich zu setzen. Für kleine und mittlere allerdings bieten sich die Serviceleistungen der Bundes- wirtschaftskammer zur Hilfestel- lung an.

Solche sind in reichlichem Maße gegeben. So werden Internationa- lisierungs-Workshops veranstaltet, deren jeder einem speziellen Pro- blemkreis gewidmet ist. In Zusam- menarbeit mit einer der größten internationalen Consultingfirmen ist es österreichischen Unterneh- men möglich, deren umfassende Erfahrungen zu nützen. Ein eige- nes Referat „Internationalisierung und internationale Technologiever- mittlung" informiert die österrei- chische Wirtschaft über interna- tionalisierungsbezogene Auslands- veranstaltungen, wie Wirtschafts- missionen, Markterkundungs- und Studienreisen, Kooperations- und Joint-Venture-Vorschläge, führt auch Internationalisierungsbera- tungen und Technologievermitt- lung durch, und bindet die Außen- handelsstellen der Bundeswirt- schaftskammer in diese Bemühun- gen ein.

Die österreichischen Integra- tionsbestrebungen und der Wandel im Osten haben alte Strukturen aufgebrochen und zu einer neuen Bewußtseinsbildung geführt, die viele positive Impulse in allen Be- reichen unseres Außenhandels gebracht hat. Selbst kleine und kleinste Firmen sind sich völlig im klaren, daß sie mit dem traditionel- len Außenhandel in Zukunft nicht mehr das Auslangen finden und neue Wege gehen müssen. Die Debatte um die Entstehung des europäischen Binnenmarktes hat demzufolge zu einer nicht unbe- trächtlichen Schubkraft geführt, wodurch sich, wenn auch von einer bescheidenen Basis ausgehend, das Volumen der Investitionen öster- reichischer Firmen im Ausland in wenigen Jahren vervielfachte und der Umfang von Kooperationsvor- haben beträchtlich zunahm. Es ist allerdings noch ein weiter Weg zurückzulegen, um auch auf die- sem Gebiet Europareife zu erlan- gen.

Die Richtung stimmt jedoch, und die österreichische Wirtschaft ist auf dem besten Weg, sich den Her- ausforderungen des neuen Europas - in West und Ost - erfolgreich zu stellen.

Der Autor ist Leiter der Gruppe „Information und Exportberatung" der Bundeswirtschafts- kammer.

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