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Herr Müller, diesseits und jenseits der Oder

Das Rätsel, das Herr Müller mir jahrelang war, löste sich erst nach seinem Tode. Der einzige Mitwisser hatte aus Vorsicht so lange geschwiegen. Daß es andernfalls tatsächlich Ärger mit den Behörden gegeben hätte, glaubt aber nachträglich keiner. Die einen bezweifeln, daß Herr Müller sich überhaupt strafbar gemacht hat; die andern nehmen an, daß Unzurechnungsfähigkeit ihn geschützt hätte; ich traue auch Zollbeamten Empfindungen zu, stehe aber mit dieser Meinung allein. Niemand im Dorf ist von Herrn Müllers Geschichte gerührt, mancher aber empört, besonders der Sohn, dessen Frau und auch schon die Enkel.

Rührend war Herr Müller zu seinen Lebzeiten wohl nie, am wenigsten aber in seinen letzten Jahren, in denen ich ihn kennenlernte. Er war schon über siebzig, als ich ins Dorf kam, arbeitete aber noch. Die Bäuerliche Handelsgenossenschaft beschäftigte ihn als Filial-Verkäufer. Jeden Tag radelte er in ein anderes Dorf. Donnerstags war er bei uns. Acht Stunden quälte sich dann der kleine, breitschultrige Mann an einem schäbigen Tisch mit Rechnungsformularen und Preistabellen ab und hinderte die Kunden daran, wieder fortzugehen.

Die Verkaufsstelle war im Speicher des ehemaligen Guthofes untergebracht. Man mußte eine Lagerhalle durchqueren, um den kleinen Verschlag zu erreichen. Während man an einer Schrotmühle und Stapeln von Kleie-Säcken vorbeiging, hörte man schon Herrn Müllers hohe, hastige, wie atemlos wirkende Stimme. Immer sprach er wie einer, der fürchtet, bald nichts mehr sagen zu können, und deshalb die letzte Gelegenheit wahrnimmt, öffnete man die Tür, brach er mitten im Satz ab, um dem Ankommenden nach einem Gruß mitzuteilen, was die drei, vier oder auch acht Wartenden bereits wußten: daß er seine Nächte erkrankter Lämmer wegen schlaflos verbrachte, daß sein Brunnen defekt war oder der Nachtfrost seine Tomatenpflanzung zerstört hatte.

Wovon er auch redete, stets klagte er. Er war, glaubte man ihm, ein vom Unglück Verfolgter. Keine Arbeit (und er arbeitete viel) brachte ihm auch nur den geringsten Ertrag; das Wetter mochte sein wie es wollte, es schadete ihm; jede Krankheit suchte ihn heim; und nur das im Land zirkulierende Geld, von dem doch ein Teil auch für ihn bestimmt war, mied ihn beständig.

Zuerst war ich erstaunt, wie ruhig die Leute die langen Wartezeiten hinnahmen; später begriff ich, daß diese scheinbare Geduld in Wahrheit Resignation war. Man wußte von der Zwecklosigkeit jeder Revolte und fügte sich der wortreichen Gewalt. Weder Bitten noch Flehen konnten ihn dazu bringen, den Verkaufsvorgang zu beschleunigen, und auch Grobheit, die ihm den Redefluß abschnitt, führte zu keipem Erfolg. Zwar sah er den Grobian dann erschrocken an, murmelte: Ja natürlich, sofort! und begann mit tastenden Händen nach seiner Brille zu suchen, doch ehe er diese gefunden hatte, vergaß er den Schreck und begann wieder zu klagen: war Sehschwäche doch Ausgangspunkt für manches Verhängnis, das ihn betraf.

Vernünftiger als unruhig zu werden, war es also, sich den Gummistiefeln, den Werkzeugen, Farben und Düngemitteln in den Regalen zu widmen oder untereinander Gespräche zu führen, solange Herrn Müllers Jammertöne erschallten. Brachen die aber ab, weil Herr Müller zu Brille und Stift griff, um den Verkaufsakt zu tätigen, mußten auch die Gespräche verstummen, da jedes Wort, das er vernahm, ihm neue Wortfluten entlockte.

Es war also ganz still in dem engen Raum, wenn Herr Müller sich endlich über den Rechnungsblock beugte. Nachdem das Blaupapier eingelegt war und er den Stift schon angesetzt hatte, richtete er sich noch einmal auf, um das Publikum zum wiederhol-tenmal nach dem Datum zu fragen. Als habe er es noch nie gesehen, betrachtete er nun das Objekt, das verkauft werden sollte. Etikette las er halblaut vor. An diesem Punkt war die Gefahr groß, daß seine Tätigkeit wieder ins Stocken geriet. Verbanden sich mit der Ware nämlich schlechte Erfahrungen für ihn, erläuterte er die ausführlich.

Bestand der Kunde trotz Warnung auf Kauf, begann der schriftliche Teil des Geschäfts, den Herr Müller sehr ernst nahm. So genau wie möglich mußte die Ware benannt werden. Hatte man nach einstündiger Wartezeit beispielsweise ein Tütchen Mohrrü-

bensamen erstanden, begnügte er sich nicht mit der Kurzform Samen, sondern er schrieb: Samen (Mohrrüben), Sorte: Frühe Riesen, Doppelpackung, 0,40 M. Darüber stand das Datum, darunter seine Unterschrift. Hatte auch der Käufer noch mit seiner Unterschrift den Empfang der Ware bescheinigt, wurden Rechnung und Durchschlag mit einem Stempel versehen. Da Herr Müller nicht nur langsam schrieb, sondern auch groß, waren bei umfangreicheren Käufen mehrere Zettel nötig. Seiner Dauerklagen hätte es also nicht bedurft, um den Einkauf bei ihm langwierig zu machen.

Mit Kontaktbedürfnis hatte Herrn Müllers Schwatzhaftigkeit nichts zu tun. Er war an anderen Leuten so uninteressiert, daß er nicht zuhörte, wenn sie was sagten. Seine Abende und Wochenenden verbrachte er (wenn man sein Kleinvieh nicht rechnet) allein. Auch den Drang, Zuhörer mit seinem Lebenslauf zu belästigen, hatte er nicht, doch floß Wesentliches davon in seine Klagen mit ein, so daß die Kundschaft über seine Biographie informiert war.

In der Neumark, gleich hinter der Oder, hatte er früher einen Bauernhof besessen — so groß und reich natürlich, wie es hier keinen gibt. Nach dem Krieg hatte er als Neubauer wieder begonnen und war bald nach der Kollektivierung Rentner geworden, einer von den ruhigen, die am Tag ihren Garten pflegen, zwei Stunden in der Gastwirtschaft verplaudern und am Abend vor dem Fernseher sitzen. Nach dem Tod seiner Frau erst (aber nicht als Folge von diesem) war er zu dem unausstehlichen Alten geworden, der ständig nicht nur, mit Recht, über die viele Arbeit klagte, die er sich machte, sondern auch über das fehlende Geld—was lächerlich war, weil jedermann wußte, daß er mit seiner Rente, seinem Gehalt und dem Erlös aus Schaf-, Gänse- und Hühnerzucht, aus Spargel- und Tomatenanbau viel verdiente.

Aber das alles reichte ihm nicht. Er bereitete eine Champignonzucht vor, zu der es dann nicht mehr kam. Das Haus, das er dem verheirateten Sohn verekelt hatte, vermietete er und zog In die Waschküche um. Wenn es stimmt.

was die Leute erzählen (ich bin nie bei ihm zu Hause gewesen), lebte er dort mit Lämmern und Küken zusammen.

Den Zettel mit der Aufschrift: Wegen Krankheit geschlossen, den ich nach Rückkehr von einer Reise an die Verkaufsstellentür geheftet fand, hatte er noch geschrieben. Inzwischen war er, mit einundachtzig, gestorben. Mitleidlos, aber treffend hieß es im Dorf: Er hat sich zu Tode gerackert. Der Sohn erwartete eine Riesenerbschaft und wurde enttäuscht. Jedem, der es hören wollte, erzählte er, daß der Kontostand seines Vaters siebenundachtzig Mark siebenundachtzig betragen hatte. Die Symmetrie schien ihn, wenn er die Zahlen aussprach, besonders zu ärgern.

Als das Rätsel gelöst war, wurde klar, daß die Geldscheffelei über die Rentnerzufriedenheit in dem Jahr gesiegt hatte, in dem das visumfreie Reisen nach Polen möglich geworden war.

Der Gedanke, in die alte Heimat zu fahren, war nicht von ihm gekommen. Herr Kühn, ein ehemaliger Nachbar, hatte ihn überreden müssen mitzufahren. Die beiden Dörfer, in denen er die zerrissenen Hälften seines Lebens verbracht hatte, trennte nur eine knappe Auto-Stunde. An einem Sommersonntag nach dem Mittagessen holte man Herrn Müller ab, zum Abendessen war er wieder da. Nach erstem Mißtrauen und Verständigungsschwierigkeiten waren sie freundlich aufgenommen und bewirtet worden. Das junge Paar, das Müllers alten Hof ein Jahr zuvor erst übernommen hatte, sprach etwas Deutsch.

Herr Kühn, der sich ein wenig schuldig fühlt und Müller deshalb besonders scharf verurteilt, versucht die Sache zu erklären, indem er das Wort Schock benutzt. „Ein Schock war's schon“, sagt er, „daß sich so gut wie nichts verändert hatte. Außer der blauen Tünche auf der Straßenseite und einem neuen Zaun war alles noch wie sonst, nichts fehlte, nichts war neu gebaut. Die Bäume, die du gepflanzt hast, stehn noch da, nur schöner, größer; die Scheunenleiter hängt noch am selben Platz: die schwarze Klinke an der Küchentür, die dir als Kind stets Schwierigkeiten machte, bewegt sich immer noch so schwer; zufällig sieht auch die Katze, die auf der Treppe in der Sonne liegt, wie deine aus.“ Das alles muß ihn, meint Herr Kühn, so umgeworfen haben, daß er das eigne Kind darüber ganz vergessen hat.

Ausschlaggebend für Herrn Müllers Entschluß, sich die letzten Jahre seines Lebens für einen Hof abzurackern, der ihm nicht gehörte, ist vielleicht gewesen, daß die neuen Besitzer ihn um Rat gefragt hatten. Der Stall, der auf Sumpfboden stand, hatte schon vor vierzig Jahren Neigung zum Absinken gezeigt. Jetzt waren die Risse in der Wand gefährlich geworden. Viel Geld hatten die jungen Leute nicht. Abriß und Neubau wären billiger als Renovierung geworden.

Ob Herr Müller an diesem Tag schon seinen Baukostenzuschuß versprochen hat, weiß Herr Kühn nicht, wohl aber, wie die vielen Hundertmarkscheine über die Grenze gekommen sind — was aber nicht verraten wird. Immer, sagt Herr Kühn, habe er sich gesträubt, Müller hinüberzufahren, es dann aber doch stets getan, natürlich auf Müllers Kosten. Vorwürfe habe er Müller ständig gemacht, der aber habe darauf nie reagiert, sondern auch während der Fahrt nur über die schwere, wenig einträgliche Arbeit gejammert.

Länger als zwei Stunden seien sie nie jenseits der Oder gewesen, und Freude oder auch nur Zufriedenheit habe sich bei Müller nie gezeigt, wenn er die Baufortschritte gesehen habe. Man habe den Eindruck bekommen müssen, er erfülle nur eine lästige Pflicht.

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