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Herr und Lebensgeber

1945 1960 1980 2000 2020

Der dritten göttlichen Person gilt die fünfte Enzyklika des gegenwärtigen Papstes. Die folgenden Auszüge verdeutlichen: Es geht nicht „nur“ um Theologie, sondern um die „Zeichen des Todes“ unserer Zeit.

1945 1960 1980 2000 2020

Der dritten göttlichen Person gilt die fünfte Enzyklika des gegenwärtigen Papstes. Die folgenden Auszüge verdeutlichen: Es geht nicht „nur“ um Theologie, sondern um die „Zeichen des Todes“ unserer Zeit.

An den Hl. Geist wenden sich Denken und Herz der Kirche am Ende des 20. Jahrhunderts und im Blick auf das dritte Jahrtausend seit der Ankunft Christi in dieser Welt, während wir auf das große Jubiläum vorausschauen, mit dem die Kirche dieses Ereignis feiern wird. Diese Ankunft wird ja nach menschlicher Zeitrechnung als ein Ereignis festgehalten, daß zur Geschichte des Menschen auf dieser Erde gehört.

Die übliche Zeitrechnung gibt die Jahre, Jahrhunderte und Jahrtausende entsprechend ihrer Folge vor oder nach der Geburt

Christi an. Zugleich aber muß man sich dessen bewußt sein, daß dieses Ereignis für uns Christen nach dem Wort des Apostels die „Fülle der Zeit“ bedeutet, weil in ihm die Geschichte des Menschen völlig vom Zeitmaß Gottes durchdrungen wurde. Von seiner transzendenten Gegenwart im ewigen „Jetzt“... Der „Fülle der Zeit“ entspricht in der Tat eine besondere Fülle der Selbstmitteilung des dreieinigen Gottes im Hl. Geist. Durch das Wirken des Hl. Geistes vollzieht sich das Geheimnis der „Hypostatischen Union“, das heißt der Vereinigung der göttlicheii mit der menschlichen Natur, der Gottheit mit der Menschheit in der einzigen Person des Ewigen Wortes und Sohnes ...

All dies vollzieht sich durch das Wirken des Hl. Geistes und gehört darum auch zum Inhalt des zukünftigen großen Jubiläums...

Leider ergibt sich aus der Heilsgeschichte, daß jenes Nahekommen und Gegenwärtigwerden Gottes gegenüber dem Menschen und der Welt, jenes wunderbare „Sichherablassen“ des Geistes in unserer menschlichen Wirklichkeit, auf Widerstand und Ablehnung stößt...

Der Gegensatz zu Gott, der unsichtbare Geist, ergibt sich in gewissem Maße schon auf der Ebene der grundsätzlichen Verschiedenheit der Welt von ihm, das heißt aus ihrer „Sichtbarkeit“ und „Stofflichkeit“ im Vergleich zu ihm, der „unsichtbar“ und „absoluter“ Geist ist; aus ihrer wesensmäßigen und unvermeidlichen Unvollkommenheit im Vergleich zu ihm, dem vollkommensten Sem.

Der Gegensatz aber wird zum Konflikt, zur Auflehnung im ethischen Bereich, durch jene Sünde, die sich des menschlichen Herzens bemächtigt, indem das „Begehren des Fleisches sich gegen den Geist richtet, das Begehren des Geistes aber gegen das Fleisch“. Dieser Sünde muß der HL Geist „die Welt überführen“ ...

Der Widerstand gegen den Hl. Geist, den der hl. Paulus in der inneren und subjektiven Dimension als Spannung, Kampf und Auflehnung im menschlichen Herzen unterstreicht, findet leider in den verschiedenen Geschichtsepochen und besonders in unserer modernen Zeit auch ihre äußere

Dimension, indem er sich als Inhalt der Kultur und Zivilisation, als philosophisches System, als Ideologie, als Aktions- und Bildungsprogramm für das menschliche Verhalten konkretisiert.

Dieser Widerstand findet seinen höchsten Ausdruck im Materialismus, sei es in seiner theoretischen Form, als Gedankensystem, sei es in seiner praktischen Form, als Methode der Interpretation und Bewertung der Tatsachen sowie als Programm eines entsprechenden Verhaltens. Das System, das diese Denkweise, Ideologie und Praxis am meisten entwickelt und zu den äußersten praktischen Konsequenzen geführt hat, ist der dialektische und historische Materialismus, der noch immer als die Lebenssubstanz des Marxismus gilt...

In der paulinischen Gegenüberstellung von „Geist“ und „Fleisch“ ist auch der Gegensatz. von Leben und Tod enthalten...

Wenn der Mensch in seinem Wesen nur Fleisch ist, bleibt der Tod für ihn unüberwindlich und endgültiges Ende. So kann man verstehen, wie man sagen kann, daß das menschliche Leben ausschließlich ein „Sein zum Sterben“ ist.

Man muß hinzufügen, daß am

Horizont der heutigen Zivilisation - besonders in der technisch am höchsten entwickelten — die Zeichen und Hinweise auf den Tod besonders häufig anzutreffen sind. Es genügt, an den Rüstungswettlauf und die darin enthaltene Gefahr einer nuklearen Selbstzerstörung zu denken. Andererseits ist die schwierige Lage in weiten Gebieten auf unserem Planeten, die von Not und Hungertod gekennzeichnet sind, allen immer bewußter geworden. Es geht dabei nicht nur um wirtschaftliche, sondern auch und vor allem um ethische Probleme.

Aber am Horizont unserer Zeit verdichten sich noch finsterere „Zeichen des Todes“: es hat sich die Sitte verbreitet — die an einigen Orten fast eine Institution zu werden droht -, den menschlichen Wesen, noch bevor sie geboren werden — oder bevor sie zur natürlichen Grenze des Todes gelangt sind -, das Leben zu nehmen. Fer-

ner sind trotz vieler ehrlicher Anstrengungen für den Frieden neue Kriege ausgebrochen und im Gange, die Hunderttausenden von Menschen das Leben und die Gesundheit rauben. Und wie könnte man die Attentate auf das menschliche Leben von Seiten des Terrorismus vergessen, der auch auf internationaler Ebene organisiert ist?

Dies ist leider nur ein partieller und unvollständiger Überblick über das Bild des Todes, das sich in unserer Epoche darbietet...

Steigt nicht aus den dunklen Schatten der materialistischen Zivilisation und vor allem von jenen „Zeichen.des Todes“, die im soziologisch-geschichtlichen Rahmen, in dem diese sich verwirklicht, immer zahlreicher werden, vielleicht ein neuer, mehr oder weniger bewußter Ruf nach dem Geist auf, der lebendig macht?

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