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Hexensabbat miterlebt

Der unmöglichste Auftrag im „unmöglichsten Job der Welt“: Kurt Waldheim leitet sein Buch mit einem Paukenschlag ein und signalisiert, daß der „Glaspalast der Weltpoütik“ alles andere als ein Refugium für beschauliches Diplomatenleben ist.

.Alptraum in Teheran“ heißt das erste Kapitel, das hohe Diplomatie im Teufelskreis von Gewalt, Ideologien und f anatisierten Massenbewegungen gefangen zeigt.

Süvesterabend 1979: Seit Anfang November sind 52 US-amerikanische Geiseln in der Botschaft von Teheran gefangen. Der UNO-Generalsekretär Kurt Waldheim will zur Lösung des internationalen KonfliktfaUes vor Ort beitragen und fliegt nach Teheran.

Der Aufenthalt wird zum Spießrutenlauf, die persönliche Sicherheit des höchsten UN-Beamten ist mehr als einmal gefährdet, schnelle Flucht einmal sogar der einzige Ausweg, um der f anatisierten Menge zu entkommen. Der Kommentar Waldheims: „Hexensabbat“.

Gleichzeitig wird deutlich, welche Frage sich wie ein roter Faden durch das ganze Buch zieht: Wo liegt die Existenzberechtigung der UNO als internationale Friedensorganisation, wo ist sie erfolgreich? Kurt Waldheim als Botschafter der UNO, so kann diese Facette der Memoiren des Berufsdiplomaten bezeichnet werden.

Umgemünzt auf die Teheraner

Erlebnisse heißt das: Natürlich war die Mission vordergründig ein Fehlschlag, denn die Geiseln wurden nicht befreit. Aber die Reise hat den Boden für die späteren Verhandlungen und die Beendigung des Geiseldramas aufbereitet.

Lesenswert für allzu leichtfertige Kritiker der UNO ist auch der Abschnitt über die Kriseninsel Zypern, und zwar gerade deshalb, weü Waldheim unumwunden zugibt, daß es ihm in den zehn Jahren seiner UN-Amtstätigkeit nicht gelungen ist, den Konflikt beizulegen. Die detaillierte Beschreibung der zahllosen Unterredungen, des Mißtrauens, der kleinen Fortschritte und Rückschläge zeigt plastisch, wie ohnmächtig Diplomatie sein kann -aber auch wie notwendig.

Daß die großen Konflikte von der UNO nicht verhindert werden können, ihr Einfluß vielfach aber — unspektakulär für eine Welt, in der nur die große Schlagzeüe zählt - Linderung des Leidens bedeutet, verschweigt Waldheim auch bei anderen Gelegenheiten nicht. So etwa im Abschnitt über Äthiopien, wo seine ständigen Interventionen mit dazu beitrugen, daß das Regime seinen „eisernen Griff“ gegenüber den politischen Gefangenen lockerte, die Massenhinrichtungen ohne Prozeß weitgehend einstellte.

Welche Eigenschaften Kurt

Waldheim zum geeigneten weltpolitischen Krisenfeuerwehrmann machten und ihm auch als Beamten des österreichischen Außenamtes und Außenminister der Regierung Klaus zu Anerkennung verhalfen, umschreibt der Weltbürger mit seinem Naturell. Es stand für ihn fest, daß das Amt des UN-Generalsekretärs „keinen weltfernen visionären Intel-lektueUen brauchte, sondern einen handfesten Praktiker, der mit großer Geduld den Kontakt und das Gespräch mit jedermann suchte. Ich war und bin davon überzeugt, daß politische Proble-

Gerechtere Weltordnung me nicht durch politologische Theorien, sondern nur durch Dialog und unermüdliche Suche nach einem Interessenausgleich überwunden werden können“.

Der handfeste Diplomat scheut aber nicht davor zurück, hart zu analysieren — etwa Jimmy Carters oder Ronald Reagans Haltung zur UNO, oder die Nahostpo-ütik westlicher Staaten.

Die Osteuropapolitik der Vereinigten Staaten kommt auch nicht gut weg, ihr hält der Ex-UNO-Generalsekretär und intime Kenner der Ost-West-Geplänkel ein Bekenntnis zur Entspannung und Koexistenz entgegen. Denn der

Pragmatiker Waldheim hat auch Visionen anzubieten. Sein Engagement erklärt er aus dem Wülen zur Suche nach einer gerechteren und friedlicheren Weltordnung.

Vor diesem Hintergrund ist auch sein Plädoyer für eine Neuorientierung der UNO zu sehen, damit sie ihre Aufgabe als Friedensmacht wahrnehmen kann und nicht Schritt für Schritt an Auszehrung zugrunde geht.

Daß dabei die Praxis — wenn überhaupt — nur langsam und nicht ohne zähen persöiüichen Einsatz den Visionen anzunähern ist, das kann Waldheim auch bei Franz Jonas gelernt haben. Von der ÖVP 1971 schon einmal als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten aufgesteüt, besuchte Waldheim seinen Widerpart Jonas in dessen Amtsräumen und versicherte diesem, daß er einen fairen Wahlkampf führen werde. Darauf Jonas: „Ich glaube Ihnen gerne. Ich werde das gleiche tun. Aber wissen Sie, ich bin der ältere Politiker mit mehr Erfahrung. Wir beide werden uns sicher daran halten. Ich bin aber nicht sicher, ob es auch unsere Parteien tun werden.“

Sie tun es heute noch nicht, denn gegen Waldheim wird auch heuer mitunter mit Argumenten aus der untersten Schublade wahlgekämpft.

Daß Kurt Waldheim, dessen Buch als engagiertes Bekenntnis zum Weltdorf Erde zu Recht in den internationalen Bestsellerlisten ganz oben steht, Kritik nicht nur zwischen den Zeüen bereits vorweg abgefangen hat, zeichnet den Diplomaten auch als gelernten Politiker aus.

IM GLASPALAST DER WELTPOLITIK. Von Kurt Waldheim. Econ Verlag, Düsseldorf und Wien 1985. 400 Seiten, Fotos, La, öS 374,40.

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