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Hirtenwort zur Umweltkrise

1945 1960 1980 2000 2020

Die Bischofskonferenz der USA ist berühmt für ihre gesellschaftspolitischen Dokumente. Nun hat sie das Umweltproblem als moralische Herausforderung aufgegriffen.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Bischofskonferenz der USA ist berühmt für ihre gesellschaftspolitischen Dokumente. Nun hat sie das Umweltproblem als moralische Herausforderung aufgegriffen.

Am Höhepunkt der Aufrüstung und der scharfen Parolen gegen das „Reich des Bösen" während der Reagan-Ära schärften die Bischöfe das Bewußtsein der Amerikaner für Versöhnung und Weltfrieden. Als Sozialdarwinismus, die Sehnsucht nach dem schnellen Reichtum und das Recht des Reicheren zur ökonomischen Grundtugend der USA zu werden drohten, protestierten die Bischöfe mit einem für die Weltkirche vorbildlichen „Sozialhirtenbrief'. Jetzt versuchen sie, mit dem Dokument „Das Angesicht der Erde erneuern" die Grundlagen für eine „katholische Umweltethik" zu legen, die zur wesentlichen Weiterführung der katholischen Soziallehre werden soll.

„In ihrem Kem ist die Umweltkrise", legen sich die Bischöfe gleich zu Beginn fest, „eine moralische Herausforderung." Und als solche ist sie eine Angelegenheit der Ethik. Darin liegt bereits einer der Ausgangspunkte der rund dreihundert US-Bischöfe: Die Umweltkrise ist in ihrem größeren Zusammenhang als Problem der Wirtschaft, des Energieverbrauchs, der Sozialordnung in das Licht der Ethik zu rücken. Diese „katholische" Umweltethik der amerikanischen Bischöfe ist durch drei Merkmale charakterisiert: Sie ist erstens eine Ethik auf der Grundlage der biblischen Überlieferung, die somit beim Wort Gottes ihren Ausgang nimmt. Zweitens will sie den menschlichen Geist, den rationalen, technischen, wissenschaftlichen „Erfindergeist", nicht gegen den Erhalt der Umwelt ausgespielt wissen: Die Krise sei zu ernst, um auf ein „vorrationales" Bewußtsein des Menschen gegenüber derNaturzurückzufallen. Drittens will eine katholische Umweltethik die Zerstörung der Umwelt im Zusammenhang mit den Problemen der globalen sozialen und politischen Gerechtigkeit verhandelt wissen, also integriert in ihre „Option für die Armen".

Die christliche Verantwortung für die Um weit nimmt ihren Ausgang von der biblischen Wertschätzung, daß Gottes Schöpfung „gut" ist. Im Sinne der Genesis, die lehrt: „Gott betrachtete alles, was er gemacht hatte: Es war sehr gut." Dieser spirituelle Zugang zur Schöpfung begründet die ethische Haltung des Menschen ge-; genüber der Natur.

Umweltschützer werfen hingegen der christlichen Zivilisation gerne vor, dem Menschen mit dem biblischem Imperativ „Macht euch die Erde Untertan" eine Rechtfertigung für seinen Raubbau und die Zerstörung natürlicher Ressourcen zu liefern. Dem will die neue katholische Ethik ganz aus der biblischen Tradition heraus widersprechen und sagen, daß „wir keine Götter", sondern vielmehr die „Hüter" und „Bewahrer" dieser Schöpfung sind. Der Mensch teilt sich diese „gute" Schöpfung mit den übrigen „guten" Geschöpfen. Auch wenn der Mensch das Ebenbild Gottes trägt, so hat ihn Gott dazu berufen, die Erde „zu bebauen und zu hüten" (Gen 2, 17). Dieser Imperativ sei für die Menschen ausschlaggebend, deswegen „tragen sie die einmalige Verantwortung vor Gott, seine Schöpfung zu schützen und sie gleichzeitig durch ihre kreative Arbeit zu vermehren".

Freilich hat der Mensch in großen Zügen sich nicht als Hüter sondern als Zerstörer dieser Welt benommen. Viele Kritiker meinen, weil er sich durch seinen „rationalen und daher kalten Verstand" von der Natur entfremdet hätte. Demgegenüber meinen die amerikanischen Bischöfe, daß „in der katholischen Weltsicht kein Widerspruch zwischen einer verantwortungsvollen umweltbewußten Moral und dem aktiven Gebrauch der menschlichen Vernunft und seiner Wissenschaften bestehen muß". Im Gegenteil: „Die Zukunft der Erde liegt in den Händen des von Gottes Geist geführten Menschen." Um Landschaften unversehrt zu halten, gefährdete Tier- und Pflanzenarten zu schützen, die letzten Wildnisse zu bewahren, die Hungernden der Welt zu versorgen, Luft und Wasser wieder zu reinigen bedarf es in den nächsten Jahrzehnten der konzentrierten menschlichen Arbeit, eines intensiven gesellschaftlichen Zusammenwirkens und somit sorgfältiger Experimente und Erfindungen. „Die Ehrfurcht vor der Natur muß sich mit wissenschaftlichem Denken verbinden."

Die Bischöfe versuchen, eine Brük-ke zwischen der ökologischen Krise und den Problemen der Gerechtigkeit und der Armut zu schlagen. „Die biblische Option für die Armen hat die Kirche begreifen lassen, daß die Armen am unmittelbarsten an den Umweltzerstörungen leiden und sie am wenigsten eine Erleichterung ihrer Leiden erwarten dürfen." Die christliche Umweltethik verlangt von den Menschen daher ein grundsätzliches Bewußtsein, daß Gott die Früchte dieser Schöpfung für die gesamte Menschheitsfamilie und alle Kreaturen bestimmt habe. Die Menschen sind aber weit davon entfernt, eine gerechte Verteilung der Güter vorzunehmen. Es besteht vielmehr ein Mißverhältnis zwischen einerseits dem Verbrauch und der Nutzbarmachung der natürlichen Ressourcen und andererseits der Armut und dem Bevölkerungswachstum auf der Erde. Zusätzlich ist der kleinere Teil der Menschen in den Industrieländern der größte Verursacher für die Umweltzerstörung sowohl außer- als auch innerhalb seiner eigenen Lebenssphäre.

Die Bischöfe fordern eine Änderung im menschlichen Verhalten. Die alten Tugenden der Mäßigung und Bescheidenheit sind wiedergefordert. Vordringlich sind die Einsicht und derpolitische Wille, mit den begrenzten natürlichen Ressourcen sparsam umzugehen, neue, die Umwelt schonende Technologien zu entwickeln. Eine christliche Umweltethik will dem Menschen aber auch helfen, über die Realität der menschlichen Unzulänglichkeit und Fehlerhaftigkeit hinwegzukommen, ihm den Weg zur Vergebung und Versöhnung mit sich selbst und seiner Umwelt weisen. Das bedeutet schließlich, daß sich der Mensch seiner eigenen Grenzen bewußt wird, und diese in sein politisches und ökonomisches Handeln einbaut.

Die Umweltbewegung habe in den entwickelten und industrialisierten Ländern, und dort besonders in den Städten, einen unersetzlichen Beitrag zu einer neuen Wertschätzung der Schöpfung geleistet, stellen die Bischöfe anerkennend fest. Viele Menschen sind von der „uneingeschränkten Notwendigkeit" überzeugt, daß ein Ausgleich zwischen den Bedürfnissen des Menschen und der Natur gefunden werden muß. „Eine gerechte und lebenswerte Gesellschaft in einer gesunden Umwelt ist nicht irgendeine unter anderen Möglichkeiten, sondern eine moralische und praktische Notwendigkeit. Ohne ökologische Verantwortung kann diese gerechte und lebenswerte Gesellschaft und gesunde Umwelt aber nicht erreicht werden."

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