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Hitler hoffte auf den Blitzkrieg

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Entgegen den Behauptungen einiger deutscher Historiker gibt es keinerlei Hinweise darauf, daß Hitler mit dem Überfall auf die Sowjetunion einem sowjetischen Angriff zuvorgekommen sein könnte.

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Entgegen den Behauptungen einiger deutscher Historiker gibt es keinerlei Hinweise darauf, daß Hitler mit dem Überfall auf die Sowjetunion einem sowjetischen Angriff zuvorgekommen sein könnte.

Am 22. Juni 1941, vor 50 Jahren, überfiel die deutsche Wehrmacht die Sowjetunion: „Unternehmen Barbarossa” rollte an. „Wenn .Barbarossa' steigt, hält die Welt den Atem an”, hatte Adolf Hitler am 18. Dezember 1940 gesagt, als er die „Weisung Nr. 21” (Fall Barbarossa) unterzeichnete, deren Kernsatz lautete: „Die deutsche Wehrmacht muß darauf vorbereitet sein, auch vor Beendigung des Krieges gegen England die UdSSR in einem schnellen Feldzug niederzuwerfen.”

Im Kreml wuchs der Argwohn, Hitler und seine pseudo-revolutionä-re Bewegung seien vom internationalen Kapital mit dem einzigen Ziel aufgebaut worden, werktätige Massen mit sozialen Parolen irrezuführen und Deutschland gegen die Sowjetunion zu verwenden. Hitler hatte schon in den zwanziger Jahren in „Mein Kampf das bolschewistische Rußland als Erbfeind bezeichnet, den man mit Gewalt zerschlagen müsse.

Um so größer war die Überraschung, als Hitlers Außenminister Joachim von Ribbentrop am 23. August 1939 in Moskau eintraf und noch in derselben Nacht in Gegenwart Stalins einen deutsch-sowjetischen Nichtangriffsund Konsultationspakt abschloß. Daß hierbei auch ein Geheimvertrag ausgehandelt wurde, der die territoriale Neuregelung der ost- und mitteleuropäischen Landesgrenzen beinhaltete und diese Gebiete - zum Nachteil der betroffenen Völker - zwischen Hitler und Stalin aufteilte, wurde in der UdSSR erst 1990 zugegeben.

Der Pakt brachte Hitler wie Stalin Vorteile. Die Rote Armee setzte sich am 17. September 1939 in Bewegung und okkupierte den Osten Polens. In Brest-Litowsk paradierten sowjetische und deutsche Truppen. In Moskau wurde der Pakt erweitert. Am 28. September unterzeichneten Ribbentrop und Molotow den deutsch-sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrag, er wurde 1940 durch verschiedene, für Deutschland kriegswirtschaftlich wichtige Wirtschaftsverträge ergänzt.

Nun wurden nicht nur polnische Gebiete in die UdSSR eingegliedert, Stalin holte sich auch Estland, Lettland und Litauen. Rumänien erhielt am 27. Juni 1940 ein Ultimatum aus

Moskau: Bessarabien und die Nordbukowina, die östlichsten Provinzen des Königreiches, waren innerhalb von 48 Stunden an die Sowjetunion abzutreten. Bukarests westliche Verbündete konnten den Rumänen nicht helfen. Hitler gab den Rumänen den Rat, keinen Widerstand zu leisten. Schiffbruch erlitt die Sowjetregierung einzig in Finnland. Es war nicht gewillt, Stalin nachzugeben und leistete im „Winterkrieg” 1939/40 der Roten Armee drei Monate militärischen Widerstand. Wenn David den Goliath auch nicht besiegen konnte, erreichten die Finnen doch, daß im Kompromiß-Frieden vom 12. März 1940 die Unabhängigkeit der Republik mit territorialen Zugeständnissen bewahrt werden konnte.

Finnlands Widerstand offenbarte die Schwäche der Roten Armee. Die Sowjets erlitten bei ihrem Feldzug, der als „Spaziergang nach Helsinki” geplant war, eine empfindliche Schlap-

pe. War die Rote Armee seit 1931 mit Elan und großen ökonomischen Anstrengungen zu einermächtigen Militärmaschine ausgebaut worden, so erlitt-sie zwischen 1937 und 1939 enorme Schäden. Nach westlichen Schätzungen verlor sie durch Stalins Säuberungen mehr als 50.000geschulte Offiziere, sie fehlten der Truppe und den Stäben in den finnischen Wäldern.

Im Sommer 1940 wurde Stalin unruhig. Der Zusammenbruch Frankreichs am 25. Juni schreckte ihn auf. Man hatte auch in Moskau nicht mit einem so raschen Kollaps der französischen Armee gerechnet. Am 27. September wurde zwischen Deutschland, Italien und Japan der Dreimächtepakt („Achse”) unterzeichnet. Er sollte unter anderem als Warnung an die USA gelten. Die Beziehung der Signatarstaaten zur UdSSR sollte nicht angetastet werden.

In Moskau sah man es anders. Was, wenn hkr ein Gefahrenherd für die UdSSR entstünde? Die Beziehungen zu Deutschland wurden intensiviert. Molotow reiste am 10. November mit großem Gefolge nach Berlin, er wurde mit Pomp empfangen, die Besprechungen dauerten zwei Tage. Auch Hitler nahm zeitweise teil. Heraus kam nicht viel. Stalin wäre gerne bei der Neuaufteilung der Welt unter (oder mit) Hitler als Junior-Partner dabei gewesen. Sein Angebot, die Sowjetunion in die „Achse” aufzunehmen, blieb von deutscher Seite unbeantwortet. Hitler und die Wehrmacht bereiteten den Ostfeldzug vor. Indessen hielt die sowjetische Politik an Freundschaft und Zusammenarbeit fest. Laut Abkommen vom 10. Jänner 1941 sollte Deutschland umfangreiche Lieferungen von Rohstoff erhalten, an denen kriegsbedingt großer Mangel herrschte - etwa 2,5 Millionen Tonnen Getreide, eine Million Tonnen Mineralölprodukte, 100.000 Tonnen Baumwolle, Bunt- und Edelmetalle, Manganerze und so fort.

Gleichwohl mußte Stalin spätestens im Dezember 1940 erkannt haben, daß sich - trotz Hitlers Krieg mit Großbritannien - ein offener Bruch nicht mehr lange hinausschieben ließ. Die militärischen Vorkehrungen der ersten sechs Monate 1941 zeugen davon, daß die Führung gegenüber der Bedrohung keineswegs blind war. Mit wirtschaftlichen Zugeständnissen konnte man Hitler nicht bändigen. Zwischen 23. und 29. Dezember 1940 versammelte Stalin die Führungsspitze der Roten Armee im Kreml. Der Gegenstand war bis in jüngste Zeit unbekannt. Im Zeichen des Wandels in der UdSSR wurden die Protokolle der Besprechungen bekannt. Die Beratungen galten operativ-strategischen Kriegsspielen auf Truppen- und Führungsebene. In allen wurde ein deutscher Überfall angenommen und eine Gegenoffensive erwogen.

Im Februar 1941 begannen die deutschen Truppenverlegungen nach Polen. Hitler wollte an der Ostfront wenige Bundesgenossen. Die Beute, der „russische Kuchen”, Deutschlands künftiger „Lebensraum”, sollte zur Gänze ihm gehören. Die Militärs rechneten mit einem kurzen Feldzug von sechs bis höchstens acht Wochen. Schließlich wurden lediglich Rumänien und Finnland zum Ostfeldzug „eingeladen”.

Der „europäische Kreuzzug gegen den Bolschewismus” war Tarnbezeichnung für eindeutige deutsche Kolonialziele. Die intellektuelle und organisatorische Elite war (ungeachtet etwaiger antikommunistischer Einstellung) bestimmt, physisch vernichtet zu werden. „In diesem Kampf sind Schonung und völkerrechtliche Rücksichtsmaßnahmen diesen Elementen gegenüber falsch. Sie sind eine Gefahr für die eigene Sicherheit und die schnelle Befriedung der eroberten Gebiete!” So lautete eine Richtlinie des Chefs des Oberkommandos der Wehrmacht zur Hinrichtung der pol i tischen Funktionäre (auch in Militäruniform). Fünf Reichskommissariate als riesige Verwaltungsblöcke wurden vorgesehen, ein riesiges „Ostministerium” in Berlin mit Außenstelle in Königsberg etabliert. Rußland und die anderen eroberten Gebiete sollten als Kornkammer des Großdeutschen Reiches dienen. Die Städte müßten nach Möglichkeiten entleert (Kambodschas Pot Pol hat die Lektion gelernt!), Universitäten, Hochschulen und überhaupt das Kulturleben eingestellt werden. „Der Russe muß keine höhere Schule absolvieren. Uns genügt, wenn er seinen Namen schreiben kann und einfache Rechnungsaufgaben zu lösen bereit ist”. Solches schwebte Hitler vor.

Mit einer unvorhergesehenen Verspätung (der Balkanfeldzug mußte im April noch schnell bewerkstelligt werden) stand das Heer Mitte Juni 1941 von der Ostsee bis zu den Karpaten angriffsbereit: 153 Divisionen, über drei Millionen Soldaten, ergänzt durch 28 Divisionen der verbündeten Finnen und Rumänen. In drei Heeresgruppen gegliedert, warteten sie auf den Tag X, an dem „Barbarossa” steigen sollte.

Was wußte man davon in Moskau? Noch Mitte März wandte sich der Volkskommissar für Verteidigung, Marschall Timoschenko, mit dem jungen Georgij K. Schukow (seit Februar 1941 Generalstabschef) mi, der Bitte an Stalin, Reservisten einzuberufen, also eine Teilmobilmachung durchzuführen. Stalin gab zögernd nach. In den folgenden Monaten wurden eine halbe Million Mann

mobilisiert und 28 Divisionen in die Ukraine und nach Bjelorußland verlegt. Die Kriegsindustrie arbeitete seit Dezember auf Hochtouren. Der Generalstab trieb die Befestigung der neuen Grenzen und den Bau von Flugplätzen voran. Mitte Mai betrug die Stärke der Roten Armee über fünf Millionen Mann. Das war beinahe das Dreifache von 1939.

Schukow und Timoschenko unterbreiteten am 15. Mai Stalin ihren Plan, mit einem Präventiv-Angriff überraschend die deutschen Kräfte in Polen zu vernichten. Stalin lehnte ab. Sein

Vertrauen in Hitler schien uniiber-windbar, er konnte sich nicht vorstellen, daß die Deutschen ihren Fehler aus dem Ersten Weltkrieg wiederholen und erneut einen Zweifrontenkrieg riskieren würden. Er drängte, die Lieferungen an Deutschland pünktlich abzuwickeln und die Deutschen ja nicht zu provozieren. Daher konnte die deutsche Luftwaffe ungehindert Aufklärungsflüge durchführen. Es kam vor, daß Deutsche auf sowjetischen Flugplätzen notlandeten. Die Piloten wurden bewirtet, die Maschine für den „Kameraden aus dem Westen” in Ordnung gebracht.

Als Stalin vom deutschen Angriff erfuhr, war er so geschockt, daß er längere Zeit unansprechbar und entscheidungsunfähig war.

Doch überschätzen wir Stalins Naivität nicht! An einen dauerhaften Frieden mit Nazi-Deutschland glaubte auch er nicht. In seiner Rede am 5. Mai an die Militärakademie-Absolventen gab er eindeutig zu verstehen, daß ein militärischer Zusammenstoß mit Deutschland unausweichlich sei. Der Konflikt müsse bis Herbst hinausgezögert werden, dann sei es -witterungsbedingt - für einen deutschen Angriff 1941 zu spät. Aber der Krieg werde 1942 „fast unvermeidlich” sein. Die heute in Deutschland auch von einzelnen Historikern verbreitete These, Hitler sei einem sowjetischen Überfall zuvorgekommen, konnte nie bewiesen werden. In den ersten Wochen und Monaten des deutschen Vormarsches, wo Dutzende sowjetischer Generäle und Stabsoffiziere gefangengenommen wurden, konnte man nicht einen der Weltpresse vorstellen, der gesagt hätte: Ja, wir wollten Deutschland 1941 überfallen. Die Deutschen erbeuteten keine Karten, geschweige denn Handbücher, die deutsch.besetztes polnisches Gebiet oder das Reichsgebiet darstellten. Wie hätte ohne diese Hilfsmittel die Rote Armee westwärts vorgehen sollen?

Der 22. Juni 1941 war für die Sowjetunion ein Schicksalstag. 1.410 Tage Krieg, Leid, Tränen, Opfer folgten. Mit 28 Millionen Toten wurde der Sieg erkauft.

Er half der KPdSU, ihre Macht zu festigen. Dieses Phänomen hat seine Wirkung bis tief in die achtziger Jahre bewahrt. Dann, verknüpft mit dem Namen Gorbatschow, kam der Abstieg - er folgt einem ungeschriebenen Gesetz der Geschichte, die keine ewigen Groß-Reiche kennt. Doch der Krieg hat die Fortdauer der Sowjetunion mit ihren poststalinistischen Strukturen über Jahrzehnte gesichert und eine Demokratisierung dieser Völker und Gesellschaften vereitelt.

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