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Hitler wird verharmlost

Es* ist keine Frage, daß wir Österreicher im besonderen Maße am verhängnisvollen Erbe des Nationalsozialismus tragen und alles tun müssen, um eine Wiederkehr des Vergangenen zu verhindern, obwohl diese Vergangenheit ohne Vorbild und Nährboden in Deutschland bei uns ohnehin minimale Chancen hat. Es sind daher alle Bestrebungen zu begrüßen, die die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit gegenüber rechtsradikalen und neonazistischen Umtrieben wachhalten.

Gleichzeitig aber muß man achtgeben, daß aus dem Kampf gegen Restbestände oder Revitalisierungen des Nationalsozialismus nicht ein Unternehmen wird, das sich als Selbstzweck versteht und aus Mücken Elefanten macht.

Als Beispiel möge das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes dienen, das von Herbert Steiner gegründet wurde und das sich ebenso wie Steiner selbst große und unbestreitbare Verdienste um die Wahrung des Andenkens des österreichischen Widerstandes und um die zeitgeschichtliche Forschung erworben hat. Der für eine gute Sache an den Tag gelegte Eifer aber geht entschieden zu weit, wenn der Begriff des ,.Rechtsextremismus“ in Publikationen so weit ausgedehnt wird, daß problematische Vereinnahmungen von Personen, die sich selbst nicht als „rechtsradikal“ verstehen, erfolgen und insgesamt ein den tatsächlichen Gefahren nicht adäquater Gesamteindruck erweckt wird.

Eine solche „Versteinerung“ des Antifaschismus erweist dem wirklichen Kampf gegen totalitäre Gefahren, der auf allen Ebenen und gegen alle Richtungen geführt werden muß, einen Dienst von zweifelhaftem Wert. Auch aus der Übertreibung einer Tugend kann also ein Laster entstehen, vor dem man sich hüten muß, selbst wenn keine Absicht, über die man verstimmt sein muß, dahintersteckt, wenn eine solche erkennbar ist, freilich umso mehr.

Im wohltuenden Gegensatz zu den vielfach von Übereifer diktierten Aktivitäten des Dokumen- tationsarchives konzentriert sich das von Simon Wiesenthal geleitete Jüdische Dokumentationszentrum auf die Verfolgung von

Kriegsverbrechern und die Bekämpfung ausgesprochen neonazistischer Aktivitäten. Die Person des Leiters dieses Zentrums bürgt im übrigen dafür, daß es nicht zu. der Einseitigkeit und Linkslastigkeit kommt, die der Sache der Freiheit abträglich ist. Wiesenthal ist nämlich nicht nur als Ent- larver der nazistischen Diktatur und ihrer Verbrechen, sondern auch als entschiedener Gegner des Linkstotalitarismus bekannt.

Ein weiteres Beispiel für einen Sprachgebrauch, der im Dienste politischer Interessen steht, ist der des „Austrofaschismus“ für den österreichischen Ständestaat 1934 und 1938. Man wird den Ständestaat heute aus den verschiedensten Gründen für ein mißglücktes und auf Fehlspekulationen beruhendes Abenteuer halten dürfen, ja müssen, aber es ist die Frage, ob man ihm nicht Unrecht tut und den Faschismus bagatellisiert, wenn man ihn als „faschistisch“ etikettiert, wo ihn doch selbst der ihm sicherlich nicht gut gesinnte Otto Bauer später nur noch als „Halbfaschismus“ qualifizierte.

Auch in diesem Falle läßt sich das Beharren auf der vollen Schwede der Verurteilung und Anklage nicht allein aus wissenschaftlichen Erfordernissen erklären, sprechen doch im Gegenteil erhebliche wissenschaftliche Bedenken gegen diesen erweiterten Sprachgebrauch. Doch auch in diesem Falle glaubt man sich dadurch Vorteile sichern zu können, daß man den negativ besetzten Begriff „faschistisch“ auf ein System, mit dem man abrechnen will, projiziert, während man sich selbst den Ehrentitel des Kampfes gegen Faschismus reserviert, ohne zu reflektieren, in welchem Maße gerade in Österreich der Verbalradikalismus des Austromarxismus faschistischen Entwicklungen ungewollt Vorschub geleistet hat.

Die Konstruktion eines einheitlichen Zeitraumes von „Widerstand und Verfolgung“, der von 1933 bis 1945 reicht, suggeriert eine Kontinuität, einen fließenden Übergang zwischen dem österreichischen Ständestaat und der deutschen Hitlerdiktatur und verdeckt damit ungewollt den Bruch, der durch die gewaltsame Eroberung Österreichs eintrat.

Durch die Verwischung der zeitlichen und sachlichen Grenzen zwischen den beiden Systemen werden die bestehenden qualitativen und nicht bloß quantitativen Unterschiede ungebührlich relativiert, wird die Hitlerdiktatur verharmlost, der Ständestaat aber ungerechtfertigt mit einer Verantwortung belastet, die er bei aller Kritik an ihm historisch nicht zu verantworten hat. War es doch immerhin sein Bestreben, Hitler so lange als möglich fernzuhalten und die Selbständigkeit Österreichs entsprechend lange zu bewahren.

Daß der Zweifrontenkampf gegen Sozialdemokratie und Nationalsozialismus, den Dollfuß und seine Nachfolger führten, selbstmörderisch und dem Erfolg dieses Abwehrkampfes abträglich war, steht freilich fest, aber auch auf einem anderen Blatt und ändert nichts daran, daß auch ein mißglückter Versuch einer Verteidigung nicht mit einer Angriffshandlung auf eine Stufe gestellt werden darf, daß es also nicht zur Bewältigung der gemeinsamen österreichischen Vergangenheit beiträgt, wenn man ein Gleichheitszeichen zwischen grundverschiedenen Systemen setzt.

Der nächste Schritt, der noch falscher und von der historischen Wahrheit entfernter ist, ist dann der, daß man den .Austrofaschismus“ als das größere Übel gegenüber dem Nationalsozialismus hinstellt, die Nazis zu irregeleiteten Opfern verkümmern läßt, während man den „Austrofaschi- sten“ nicht einmal mildernde Umstände zubilligt.

Diesen Schritt hat Bruno Kreisky mit der Kleinen Koalition getan und damit echt antifaschistischen Bestrebungen den bisher wohl schwersten Rückschlag zugefügt. Die auch vom Dokumentationsarchiv beigesteuerte Argumentationskette hat so psychologisch dazu beigetragen, eine Regierungsform salonfähig zu machen, die der Sache des Widerstandes sicher nicht förderlich war. Einmal mehr wurde damit bewiesen, daß sich Übertreibungen und aus bestimmten Gründen vorgenommene Entstellungen der historischen Wahrheit oft bitter rächen und mitunter auch das Gegenteil des Gemeinten und Erstrebten bewirken.

Der Autor ist Professor für Politikwissenschaft an der Sozial- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien. Der Beitrag zitiert auszugsweise einen Aufsatz aus: ÖSTERREICHISCHES JAHRBUCH -86 FÜR POLITIK. Hrsg. Khol-Ofner- Stirnemann. Verlag für Geschichte und Politik, Wien 1987.910 Seiten. OS 590,— (Subskriptionsabonnement: öS 398,-).

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