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Hof im Seitental

Während der Nacht hatte er wenig geschlafen. Immer wieder war er aufgewacht und dann lange Zeit wach gelegen. Manchmal war er auch aufgestanden und im Zimmer herumgegangen. Das Fenster zum Garten hatte er geöffnet gehabt, der Regen fiel leicht und leise, aber beständig, das sanfte Geräusch machte ihn wohl schläfrig, aber er ging auf und ab, ging zur Tür und wieder zum Fenster, schaute in die Nacht hinaus und blickte doch bloß in absolute Schwärze, in

unüberbietbare Dunkelheit, nur das Hören gab es in ihm und den Holzboden unter seinen nackten Füßen.

Zuletzt hatte er doch noch eine Stunde geschlafen und als er aufwachte, war die Sonne hinter einer hohen, dünnen Wolkendecke anfangs bloß zu ahnen, ein kaum merkbarer, heller Fleck im Grau. Als er später in seine Kleider geschlüpft war und schon am Feldweg stand, der vom einsamen Haus wegführte, merkte er, daß sich der Nebel vom Berghang gegenüber eben ins Tal wälzte, große, hellgraue Haufen, sinkende Schiffe, die erst langsam, dann immer schneller fielen und erst bei den Wiesen zur Ruhe kamen, zuletzt still und leicht wie eine Decke über dem Boden lagen, aber doch hier oder da in sich bewegt, ein wenig zum unsichtbaren Himmel hinauf,

um danach gleich wieder zu sinken.

Langsam ging er den Weg entlang, auf dem innerhalb einer guten halben Stunde bequem die schmale Landstraße zu erreichen war, die zur kleinen, nochmals eine halbe Stunde entfernten Stadt führte. Als er keine fünfhundert Meter vom Haus entfernt zu den ersten Bäumen kam, durch die der Feldweg führte, hielt er an. Noch nie hatte er von der anderen Seite des Waldes her Nebel zwischen den alten und breiten Stämmen der Eichen oder Buchen eindringen gesehen und es war, als ob dunkle Geistgestalten urzeitlicher Riesen, die einst als Seelen zu unruhigem Wandern verdammt worden waren, langsam auf ihn zukämen.

Dann hatte ihn der Nebel erreicht und er sah nur noch den Weg vor sich, vier oder fünf Meter, danach bloß das undurchdringliche Grau, während neben ihm an den Ästen wie winzige, stumpfe Monde von irgendeiner fernen schwachleuchtenden Sonne ein wenig erhellt, Wassertropfen, einer neben dem anderen, Perlenschnüre bildeten.

Als er aber aus dem Wald trat, war die vor kurzem noch dunkelgraue Dunstschicht bereits um vieles heller als zuvor. Noch die Wiese

entlang, und er konnte wieder die Berghänge zur Linken erkennen. Als er zur schmalen Landstraße kam, zog der Nebel bereits hinter ihm ins Tal hoch. Vor sich hatte er den festgewalzten Sand der Straßenfläche, der wie heller Bernstein schimmerte, feucht und makellos glatt. Dann blickte er auf.

Wohl gab es noch Wolkenbänke am Himmel, rasch dahinfliegender, hellgrauer Flaum, nach unten hin noch scharf abgegrenzte Kuppen und Kegel, aber hoch oben begann sich bereits alles in feinen Schleiern aufzulösen und dazwischen schimmerte schon ein zartes und helles Blau.

Wenige Minuten noch, dann hatten die ersten Sonnenstrahlen die wenigen weißen Quarzteilchen im sonst gelben Sand der Straße zum Glitzern gebracht. Ein Gerechter, so ging es ihm durch den Sinn, könne im Himmel wohl nicht anders über die Milchstraße dahinwandern, als er jetzt eben zur kleinen Stadt.

Aber plötzlich hielt er inmitten all der Pracht um und über ihm an. Gerecht? Er überlegte, weshalb er wohl eben an einen Gerechten gedacht hatte und nicht an einen guten oder einen liebenden Menschen. Doch schon im nächsten Augenblick

war ihm klar, daß ihn zuweilen trotz allem immer wieder sein altes Laster, Gerechtigkeit über Güte und Liebe zu stellen, erfaßte und seine Seele offenbar noch immer besetzt hatte wie eine Armee das besiegte Land, daß der Griff vielleicht lockerer war als vor Jahren, aber noch immer gegenwärtig und merkbar als Erbe seines so unendlich gerechten Vaters, der sein gesamtes Leben hindurch immer bloß den Güten geliebt, den Bösen aber gehaßt hatte, während er, der Sohn, bereits weitergegangen war.

Und würde sie da sein? Gestern hatte er sie beim Wegkreuz vor der kleinen Stadt getroffen und lange mit ihr geredet, mit der Tochter des Gerechtesten der Gerechten im Ort, der letztlich einzig und allein Schuld hatte an seinem Verlassen von Stadt und Beruf und seinem Auszug in die Einsamkeit und in das kleine Haus im Seitental.

Allzu unbequem waren seine Ideen vom neuen Leben jenseits des Habens gewesen, während man in der kleinen Stadt bloß weiterraffan wollte, Gott mit uns und jeder gegen alle.Amtsdirektor und Bürgermeister hättest du werden können, sag-

te ihm vor kurzem einer der wenigen Freunde, die er besaß, um danach leise und nachdenklich fortzusetzen: Güte und Liebe den Menschengegenüberist heuzutageschon seltsam genug, aber Liebe und Güte nicht nur diesen gegenüber, sondern auch zu Erde und Boden, zu Wasser und Luft? Wer versteht das schon?

Sie haben dich um dein Amt ge -bracht und du hast dich auf den winzigen Hof im Nebental zurückgezogen, den deine Großeltern und Ureltern bewirtschaftet hatten, und mit zwei Kühen, mit einigen Feldern Getreide und einem Küchengarten wirst du wohl allein leben müssen bis zu deinem Ende, denn wer sollte mit dir kommen in diese Einsamkeit?

Aber da stand schon das Wegkreuz. Einen Moment lang war er erschrocken. Dann sah er sie neben dem Kreuz sitzen. Als er näher kam, stand sie auf, eine schöne, junge Frau. Genau wie er war auch sie kräftig, stattlich und hochgewachsen. Er sah das Strahlen in ihren Augen und lächelte.

Sie umarmte ihn und er küßte sie. Er nahm ihre Hand und sie kehrten um. Nebeneinander gingen sie zum kleinen Hof im Seitental. Die letzten Wolken waren vom Himmel verschwunden' und die Straße war ein leuchtendes, goldgelbes Band, das weiterführte.

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