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Hoffen auf die dritte Generation

Der Kampf der ersten afrikanischen Politikergeneration war in drei Etappen gegliedert:

• Kampf um die kulturelle Anerkennung;

• Kampf um die Emanzipation und Unabhängigkeit;

• Kampf um die ökonomische und soziale Entwicklung.

Diese Politikergeneration war in den kolonialen Schulen erzogen worden. Sie konnte keine scharfe Abkoppelung von den ehemaligen Kolonialherren vollziehen.. Wenn sie eine solche versuchte, bedeutete das entweder eine Wirtschaftsblockade - wie das

Beispiel Sekou Toures von Gui-nea-Conakry zeigt—oder im Falle Nkrumahs den von England oder Frankreich bestellten Umsturz.

Da eine echte ökonomische Infrastruktur fehlte, waren diese Länder vollständig von ihren Kolonisatoren abhängig. Von der „Mission“, die Menschen zu zivilisieren, wechselte man zur „Mission“, die Länder zu entwickeln.

Aber auch diese zweite „Missi-

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on“ war nicht sehr erfolgreich. Wirtschaftliche Projekte machte man des politischen Prestiges wegen. Uberall gab es Korruption.

Da eine ernsthafte Analyse über den ökonomischen und finanziellen Ertrag fehlte, haben diese Projekte ihr Ziel nicht erreicht: die Verbesserung des Lebensstandards, den wirtschaftlichen Aufstieg des Landes.

Im Gegenteil: die Ungleichheit wurde vergrößert. In der Mehrheit der unabhängig gewordenen Länder haben sich staatliche und private Unternehmungen zu Wohltätigkeitseinrichtungen, nicht aber zu produktiven und rentablen Unternehmen gewandelt.

Das Patriarchat der ersten Politikergeneration zwang zur Unterordnung des Volkes, zu einer Haltung politischer Unmündigkeit, zu Regionalismus und Tribalis-mus.

Der ökonomische Bumerang kam Anfang der siebziger Jahre. Länder wie die Elfenbeinküste, Gabun, Kamerun, Nigeria, Kenia haben Unterschlagungen von öffentlichen und privaten Geldern, Gefälligkeitskredite für Regierungsmitglieder oder ihnen nahestehende Leute in den heutigen Bankrott geführt. Denn nicht alles kann mit schlechtem Management und Naturkatastrophen erklärt werden.

Selbst ein Präsident wie Leopold S. Senghor, dem man keine Verletzung der Menschenrechte vorwerfen kann, der von hohen humanitären Zielen getragen war, ließ sein Land 1981 in einer sehr schwierigen wirtschaftlichen Lage zurück. Und dies, obwohl der Senegal eine bessere Infrastruk-“ tur hatte als andere frankophone Länder.

Der verstorbene Sekou Toure hielt sein Land bis 1984 in totaler ökonomischer Stagnation. Der Lebensstandard war niedrig. Und dies, obwohl das Land reiche Bodenschätze und beste landwirtschaftliche Voraussetzungen hat.

Auf der Grundlage von Verfassungen oder aber mittels Umstürzen übernahm eine sogenannte „Transitgeneration“ in Afrika die Macht. Diese — jetzt fünfzigjährigen - Politiker beendeten ihre Studien zu Beginn der siebziger Jahre. Ihre politische Bildung erfuhren sie im Schatten der ersten Generation.

Sie werden aber noch immer von bisherigen Polit-Traditionen behindert. Abdou Diouf im Senegal oder Ali Hassan Mwinyi in Tansania wollten das Erbe ihrer Paten keiner harten Kritik unter-

ziehen. Das Recht der Älteren kommt zur Geltung.

Daß ein anderes Verhalten zu Konflikten führen kann, zeigt das Beispiel Kameruns, wo dessen erster Präsident, Ahidjo, Premierminister Paul Biya stürzen wollte. Das heißt also, diese „Transitgeneration“ führte ihr jeweiliges Land unter dem wachsamen Auge der Patriarchen der ersten Generation, die heute in den Parteien „Les Barons“ genannt werden.

Eine ganz neue Generation afrikanischer Politiker sind die Patrioten, die — im positiven Sinn — überzeugten Nationalisten der Gegenwart. Sie sind den ehemaligen Kolonisatoren weit weniger verbunden und haben keinen Komplex kultureller oder intellektueller Unterlegenheit.

Sie haben große Ambitionen. Viele von ihnen haben in Ost-

oder Westeuropa, in China, in den USA oder in Kanada studiert. Auf diesen 30- bis 40jährigen liegt die Hoffnung ihrer Völker, die von der bisher praktizierten Unabhängigkeit enttäuscht sind.

Politisch sind sie Liberale, Pseudo- oder echte Marxisten. Aber ihre Ideologie ist der Realpolitik untergeordnet. Sie sind Pragmatiker. Sie sind keine Kommunisten, wie man sie sich im Westen vorstellt. Sie sind auch keine bedingungslosen Anhänger des Westens, wie es noch die erste Generation war.

Sie fühlen sich weder als Diener des Kremls noch als Agenten des Weißen Hauses. Sie verstehen

sich als „Agenten ihres Volkes“. Ihre Sorge gilt der politischen Unabhängigkeit vom Ausland und der sozialen Gerechtigkeit im Land. Das hört sich utopisch an, aber eine gute wissenschaftliche Ausbildung könnte dieser Politikergeneration helfen.

Sie kennen auch ihre Grenzen, die Armut und schwierige ökonomische Lage ihrer Länder.

Ghana beispielsweise war bankrott, als der junge Pilot Jerry J. Rawlings an die Macht kam. Die Diagnose, die Rawlings über die Lage seines Landes erstellte, stimmte mit der Beurteilung eines Durchschnittsghanaers überein. Fünf Jahre nach seiner Machtergreifung 1983 hat sich dieser Sohn einer Ghanaerin und eines Schotten an der Spitze von PNDC (Pro-visional National Defense Council) die Bewunderung und Achtung seiner Landsleute erworben.

Rund um ihn sind kompetente Kaderleute mit Universitätsausbildung. Ungeachtet einiger Aufregungen gelingt es Rawlings, Ghana ein normales Wirtschaftsleben zu geben. Reis, Seife, Benzin sind keine Defizitwaren mehr. Und obwohl das Land vieles entbehren mußte, weil Internationaler Währungsfonds und Weltbank Reformen forderten, konnte Rawlings den Ghanaern Mut zusprechen.

Wie auch immer ihre politische Orientierung ist, diese dritte Generation ist sehr empfindlich, wenn es um ihre Unabhängigkeit geht. Man fordert vom Westen wie vom Osten Respektierung der Souveränität. Selbst bei marxistischer Orientierung stellt man sich nicht gegen Privateigentum oder Privatinitiativen. Man sucht westliches Kapital. Hierin unter-

scheidet sich die dritte Generation von der ersten — wie Sekou Toure oder Julius Nyerere —, die alles verstaatlichte.

Auf einem Kontinent, auf dem die politische Stabilität noch nicht gegeben ist, kann man nur hoffen, daß diese neue Generation Weltrekorde nicht in Umstürzen, sondern in der Realisierung ökonomischer Projekte aufstellt.

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