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Hoffen auf Umdenken

FURCHE: Den Städter zieht es hinaus auf das Land. So mancher zieht überhaupt hinaus. Städter und Nebenerwerbsbauerstehen nebeneinander am Arbeitsplatz. Bauernmärkte erfreuen sich größter Beliebtheit. Trotzdem mangelt es am Verständnis für die bäuerlichen Probleme. Und trotzdem wird - prognostizieren zumindest Wirtschaftsforscher - die Landflucht weiter anhalten. Wo sitzt da der Wurm?

PRÄSIDENT DERFLER: Sie müssen bedenken, daß die Probleme der Land- und Forstwirtschaft ja wesentliche Einkommensprobleme sind. Nun: Einkommen für die Bauern zu verbessern heißt, die Preise zu verbessern. Und das heißt wieder: der Konsument muß mehr zahlen. Aber bekanntlich ist ja jeder sensibel, wenn er für etwas mehr bezahlen soll.

FURCHE: Vielleicht ist aber auch kaum bewußt, das etwa 1979 die bäuerlichen Einkommen real um fast zehn Prozent geschrumpft sind?

DERFLER: Wenn man von offizieller Seite her eine entsprechende Argumentation der Bauern nicht nur nicht unterstützt, sondern zu widerlegen und zu bekämpfen versucht, darf man es doch dem Menschen in der Stadt, der sich wenig mit Agrarproblemen befaßt, nicht übel nehmen; ich tue es jedenfalls nicht, wenn er für Preiswünsche keine große Gegenliebe hat.

FURCHE: Warum appelliert man aber auch so wenig nachdrücklich an die Solidarität aller Erwerbstätigen? Ein solidarisch denkender Gewerkschafter wird doch auch nicht zuschauen können, wie da Bauern- zu Armenhäusern werden.

DERFLER: Natürlich ist das ein Anliegen. Und wir müssen bei allen, vor allem auch im städtischen Bereich, das Bewußtsein wachrufen, wie notwendig die Leistungen der Bauern sind: einerseits für die Agrarprodukte, in erster Linie bei den Lebensmitteln, andererseits als Sicherheitsfaktor für den Fall einer Krise. Aber natürlich besonders auch als Gestalter und Pfleger des gemeinsamen Erholungsraumes. Dieses Bewußtsein muß einmal da sein. Dann wird man uns zugestehen, daß wir bessere Preise bekommen.

FURCHE: Man trifft doch heute bereits auf die Bereitschaft, mehr zu zahlen. Konkret: Da gibt es den Boom in Sachen Bio-Nahrung. Und da werden ja Höchstpreise gezahlt.

DERFLER: Die Sache ist etwas verunglückt. Einmal gibt es keinen unbiologischen Anbau. Trotzdem: Wenn nun mit Produktionsmethoden, die verschiedene Pflanzenschutz- und Düngemittel ausschließen, landwirtschaftliche Produkte erzeugt werden, müssen die teurer sein. Ich glaube, daß man diese Marktnische aber natürlich nützen soll. Nur eines stört mich noch etwas: daß es - und da bin ich eigentlich Anwalt der Konsumenten - recht wenig Sicherheit gibt, daß diese Produkte auch tatsächlich so produziert wurden, wie sie angeboten werden. Dazu kommt noch, daß da etwas viel Ideologie hineingezwängt wird. Das ist falsch.

FURCHE: Das Hauptgewicht legen Sie demnach als Bauernrepräsentant wei-

terhin auf die konventionelle Landwirtschaft, allerdings mit der Bereitschaft, auch die Bio-Marktnische für die Bauern zu nützen?

DERFLER: Ja. Dazu aber eine Anmerkung: Wir haben ja, damit viele, viele Bauern überhaupt ihre Existenz wahren konnten, rationalisieren müssen, weil sich die Preis-Kosten-Schere immer nachteiliger geöffnet hat. Wenn man aber nun eine Produktionsweise wünscht, die aufwendiger und vor allem arbeitskraftintensiver ist, bei gleichzeitig niedrigeren Erträgen, muß das einfach durch höhere Preise ausgeglichen werden.

FURCHE: Sind Sie zuversichtlich, daß in diesem Jahrzehnt die bäuerlichen Einkommen von der Preisseite her den Rückstand aufholen können? Die Erwartungslage der Bauern dürfte da nicht so optimistisch sein: Laut IMAS-Studie erwarten sich 54 Prozent immerhin eine - verglichen mit heute - noch schlechtere Zukunft.

DERFLER: Daß es in bäuerlichen Kreisen Pessimismus gibt, das ist auf die wohl nicht sehr guten Erfahrungen in den siebziger Jahren zurückzuführen. Aber ich bin dahingehend optirni-stisch, daß es sehr wohl in den achtziger Jahren möglich sein wird, einen Umdenkprozeß in der Bevölkerung auch hinsichtlich der Landwirtschaft vorzufinden, so wie wir das heute ganz eindeutig auf dem Energiesektor feststellen können. Und viele ernstzunehmende Fachleute stellen die Bereiche Energie und Nahrung ja schon heute als die zentralen Probleme der nahen Zukunft dar. Und da kommt sicher ein Umdenken. Das läßt mich hoffen ...

FURCHE: Nur auf höhere Preise?

DERFLER: Ich stehe nicht an, zu sagen, daß man mit den agrarischen Preisen allein das Einkommensproblem aller Bauern nicht lösen kann. Etwa nicht bei Bergbauern. Da sind wie bisher zusätzliche Maßnahmen notwendig.

FURCHE: Zuletzt wurden auch intensiv Produktionsalternativen diskutiert. Liegt nicht dort ein ganz wesentlicher Ansatzpunkt?

DERFLER: Die Möglichkeiten von der agrarischen Produktion her wären ziemlich breit gefächert. Wir könnten, sicherlich mit handelspolitischen Konsequenzen, die aber nicht unlösbar sein sollten, Ölfrüchte produzieren, vielleicht wird sogar einmal die Sojazüchtung erfolgsträchtig werden. Wir könnten besonders stärke- und zuckerreiche Pflanzen zur Alkoholgewinnung anbauen ...

FURCHE: Also für Bio-Sprit.

DERFLER: Ja. Und wir könnten eine Reihe von bisher nicht oder zu wenig genützten forstlichen Produkten, Frühdurchforstungen etwa, Wipfel-und Astholz, der Energieverwertung zuführen. Den Kopf über effektivere Feuerungsanlagen hat man sich ja bereits zu zerbrechen begonnen.

FURCHE: Und durch die Erschließung solcher neuer Einnahmequellen fiele dann die Preisentwicklung bei den Lebensmitteln günstiger aus?

DERFLER: Ja. Und wenn die Einkommenssituation verbessert wird, könnte auch die Abwanderung aus dem Agrarbereich gebremst werden. Die muß gebremst werden, nicht nur im Interesse der Besiedlungsdichte. Sonst wird nämlich die Arbeitsbelastung für die, die bleiben, noch größer.

Das Gespräch mit Alois Derfler, dem neuen Präsidenten des Bauernbundes der ÖVP, rührte Hannes Schopf.

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