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Hoffnung auf Jerusalem ?

1945 1960 1980 2000 2020

Um das Katholikentags- Thema „Hoffnung“ für die christlich-jüdische Zusammenarbeit fruchtbar zu machen, müssen auch manche Textstellen des AT und NT kritisch gelesen werden.

1945 1960 1980 2000 2020

Um das Katholikentags- Thema „Hoffnung“ für die christlich-jüdische Zusammenarbeit fruchtbar zu machen, müssen auch manche Textstellen des AT und NT kritisch gelesen werden.

Die berauschendste Zukunftserwartung Israels ist die sogenannte Völkerwallfahrt nach Jerusalem, III Jesaja 60, 1-22. Jerusalem werde dereinst in hellem, von Gott gemachtem Glanz erstrahlen, so daß alle Völker von diesem Licht angezdgen werden, ihre Dunkelheit verlassen und Jerusalem mit ihren Gaben überschütten. Jerusalem werde eine offene Stadt werden. Die Völker werden sich demnach Israel freudig unterwerfen. Jerusalem wird im Lichte des alles bewirkenden Gottes die prächtige Weltzentrale werden. Wer sich diesem freundliehen und vorteilhaften Diktat nicht unterwirft, gerät in die Vernichtung.

Aus zwei Gründen ist das Hineinströmen der Völker nach Jerusalem und ihre Selbstunterwerfung problemlos: Gott ist der unumschränkte Herr, und Israel besteht aus lauter Gerechten.

. Diese enthusiastische Botschaft an eine kleine jüdische Gruppe, die es schwer genug hat', soll Hoffnung wecken. Die Gruppe kann ein solches Werk nicht vollbringen, aber sie steht im Dienste Gottes, der dieses Werk tun wird. Sie soll Kraft für den Dienst Gottes gewinnen: durch die Verheißung Gottes.

Die Problematik der Sakrali- sierung, Fundamentalisierung und Quasi-Dogmatisierung dieses Textes ist historisch erwiesen. An die Stelle von Jerusalem könnten Rom (katholisch-mittelalterliche Version), Konstantinopel (ostkirchliche Version), Berlin (Hegel), New York (gewisse jüdische antizionistische Kreise), wiederum Jerusalem (Moses, Hess), Amsterdam, vielleicht auch Wien, Prag, Moskau und andere Welthauptstädte treten. Immer war mit diesen Versatzstücken eine mehr oder weniger totale Reichsideologie bzw. ein Totalitarismus verbunden. Das heißt: Es ist gefährlich, diesen Text politisch und konfessionell zu aktualisieren. Ein humaner ökumenismus kann so nicht entstehen. Der Wortlaut ist zu einseitig auf eine Gruppe bezogen.

Der Text Daniel 11, 1-39 be schreibt und deutet die Welt- und Judentums-Geschichte vom Ende des Perserreiches bis zum Se- leukiden Antiochos IV. Epipha- nes (ca. 400 bis 164 v. Chr.). Diese Geschichte wird vor allem ab dem Regierungsantritt des Antiochos IV als auf den baldigen Umschwung der Zeiten (mit Endherrschaft Gottes, Gericht und Auferstehung) hin steuernde Geschichte gedeutet. Dabei spielen Gott, die alles niederwalzende hellenistische Weltmacht und das Volk Gottes je eine eigene, jedoch zusammenklingende und zusammenzerstörende Rolle.

Gott ordnet und beschließt alles auf das Ende der Geschichte hin; er pfropft dann das Reich Gottes mit Gericht und Auferstehung in dieses Geschichtsende hinein. Diesem Plan Gottes steht das machtpolitische-antireligiöse Wirken des Großherrschers und auch das selbstzersetzende Wirken im Volke Gottes gegenüber.

Dieses in die Weltreiche und in Israel hineingreifende Wirken ist der Modellfall für das unmittelbare Eingreifen Gottes. Der Großmachtmensch Antiochos IV wütet gegen seine eigenen und gegen fremde Weltvölker, indem er alles, was religiös legitim gewachsen ist, zerstört und verlacht. Er stülpt den Zeuskult über den im Orient traditionellen und damit legitimen AÖonis/Tammuz-Kult und verfremdet auch den für Syrien ebenfalls legitimen syrischen Himmelsbaal, indem er ihn mit Zeus/Jupiter, diesem westlichimperialistischen Gott, ersetzt.

Er. greift auch zersetzend in Israel ein: Er unterstützt dort die Pervertierer des Bundes und jene, die den heiligen Bund verlassen. Er läßt das Tamid-Opfer abschaffen und das Allerheiligste durch zeusischen Fremdkult entweihen. Die Juden selbst sind ebenfalls Wirker auf das Ende hin. Die Pervertierer und diejenigen, die den Bund verlassen, werden mitschuldig an der Verfolgung und Ermordung jener, die dem Volk Einsicht vermitteln. Die Verfolgten werden geläutert, auf festen Boden gestellt und von Sünden gereinigt. So werden sie vorbereitet auf das Eingreifen Gottes zu Gericht und Rettung.

Für ein ökumenisches Denken hat der Text Dan 11 große Bedeutung. Alle Agitatoren und alle Er- dulder der Geschichte müssen mit der baldigen Umwälzung der Geschichte rechnen. Der Text besagt, ökumenisch gedeutet: Man muß dem Volk Gottes und den Völkern der Welt, der eigenen Religion und den fremden Religionen Eigenständigkeit und Traditionsechtheit zugestehen. Man kann nicht darauf warten, daß andere Religionen, Völker oder Menschen von Machtpotentaten zugrunde gerichtet werden oder sich bekehren.

Man muß sich vielmehr im Lichte der kommenden Herr schaft Gottes darum kümmern, daß andere ihren eigenen Wurzeln nicht entfremdet werden, und man muß sich im eigenen Volk gegen die Spalter, Verfälscher und Konjunkturritter wehren. Unter Umständen muß man .‘dafür Verfolgung und Tod dulden. Das Volk Gottes ist demnach eine integrative Größe, nicht eine isolierte. Bedingung und Voraussetzung und Kraft für alles ist der Glaube an das Kommen Gottes zu Gericht und Rettung.

Man hat den Missionsbefehl Christi in Mt 28,16-20, in alle Welt zu gehen, alle Menschen zu Jüngern zu machen und sie auf den Namen des dreifältigen Gottes zu taufen, die Umkehrung der Vorstellung von der Völkerwallfahrt nach Jerusalem genannt. Die Völker kommen nicht von selbst nach Jerusalem, sondern die Zeugen des auferstandenen Christus sollen zu ihnen gehen, sich an ihren angestammten Plätzen um sie kümmern. In Wirklichkeit knüpft der Missionsbefehl nicht nur an Jes 60 an, sondern ist auch von den Gedanken in Dan 11 mitgeprägt. Das Volk Christi ist keine Zielgröße, sondern eine Gesinnungs- und Arbeitsgemeinschaft unter den Völkern.

Kein Schritt zueinander Das Reich Gottes, das nicht in Jerusalem, sondern in aller Welt sein Tor hat, ist auch da das Bewegende des Handelns. Die Völker sollen nicht zu Jerusalemern werden und nicht zu Judenchristen, sondern sollen als Völker kraft der Gnade Christi zum Reich Gottes geführt werden. Dabei bleibt bestehen, daß man sich gegen innere und äußere Pervertierer wehren muß und jene in Schutz nehmen muß, die von irdischen Machtusurpatoren verfolgt werden.

Weder das Judentum noch das Christentum der Spätantike und des Mittelalters taten im ganzen gesehen einen merkbaren Schritt aufeinander zu. Beide dachten im Horizont der messianischen Zeit, wobei die eigene Gruppe gerechtfertigt, erhöht werde, während die andere sich vielleicht mitfreue, klein beigebe oder desavouiert werde. Man dachte apologetisch und gruppenbezogen. Eine ökumenische Diskussion auf mittelalterlichen jüdischen oder christlichen Prämissen aufzubauen, ist also kaum lohnend. Man kann höchstens das Judentum aus seinen judentums- und gottesbezogenen Voraussetzungen heraus für Ansätze ökumenischen Denkens in Dienst nehmen und dasselbe auch — getrennt — anhand des Christentums versuchen.

Der Autor ist Leiter des Instituts für Jüdisch- Christliche Forschung an der Theologischen Fakultät Luzern und hat das hier auszugsweise wiedergegebene Referat am 15. Mai bei einer Katholflcentags-Studientagung in Eisenstadt gehalten.

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