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Hohe Schulen auf dem Abstellgleis

1945 1960 1980 2000 2020

Die Studenten streiken -für Freifahrt und Familienbeihilfe. Wo bleibt aber der Studentenprotest gegen die strukturellen Unzulänglichkeiten im Studienbetrieb? : .

1945 1960 1980 2000 2020

Die Studenten streiken -für Freifahrt und Familienbeihilfe. Wo bleibt aber der Studentenprotest gegen die strukturellen Unzulänglichkeiten im Studienbetrieb? : .

Zwei Ereignisse bringen uns in diesen Tagen die Situation unserer Hohen Schulen drastisch in Erinnerung:

Wie in fast allen Jahren in der Zweiten Republik war Österreich auch dieses Jahr bei den Gewinnern der naturwissenschaftlichen Nobelpreise nicht vertreten. Den Stand der österreichischen High Tech repräsentieren die Preise für die Erforschung der Bienensprache und des Verhaltens der Graugänse, beides überdies Leistungen, die schon vor Jahrzehnten erbracht worden sind.

Daß diese Preise nicht eine Domäne der Großmächte sind, beweist die Schweiz, die eben zum zweiten Mal hintereinander mit Preisen für herausragende Leistungen vertreten war.

Und die österreichische Medizin soll, nach Professor Raimund

Margreiter, den Platz 78, hinter Bangladesch, in einer anerkannten Bewertungsskala einnehmen.

Und die Studenten streiken.

Freilich nicht hauptsächlich für die Wiedererlangung eines international anerkannten Ranges unserer Wissenschaft, sondern für die Nichteinbeziehung der Studenten in die allgemeine Sparwelle: womit sie zwar nur dasselbe fordern, was die Politfunktionäre dieses Landes für sich selbst schon gesichert haben.

Aber es lohnt sich, aus diesem Anlaß über unsere Hohen Schulen nachzudenken. Diese Probleme scheinen mir seit Jahren einer Bewältigung zu harren:

• Die Bewältigung des Massenproblems: immer mehr junge Menschen streben an die Hohen Schulen.

• Die Meisterung des dadurch ausgelösten Kostenproblems.

• Der Verlust der Elitenheranbildungsfunktion.

Das Massenproblem ist sicher nicht dadurch zu lösen, daß wir jungen Menschen den Rat geben, anstatt zu studieren, einen anderen Beruf zu suchen. In den wirtschaftlich erfolgreicheren Regionen dieser Erde ist der Anteil derer, die einen Universitätsabschluß erreichen, erheblich höher als bei uns. Es werden also in Zukunft eher mehr junge Menschen studieren müssen als heute.

In der Wirtschaft spräche man vom Zwang zur Steigerung der Produktivität. Zwei Möglichkeiten bieten sich an:

Die Verkürzung der tatsächlichen Studienzeiten und die Rationalisierung des Studienbetriebes durch Einsatz neuer Medien.

Die Verkürzung der tatsächlichen Studienzeit durch Straffung und bessere Organisation des Studiums sollte schon deshalb möglich sein, weil sie auch in vielen anderen Ländern möglich ist: in der mit Nobelpreisen ungleich reicher gesegneten Schweiz wird man in der Regel im neunten Semester Diplomingenieur.

Diese Studienverlängerung hat uns offensichtlich keine Niveauverbesserung gebracht, ist aber eine ungeheure, um nicht zu sagen, unverantwortliche Vergeudung von Ressourcen; nicht nur auf der Universität selbst werden Lehrende, Labors und Hörsäle gebunden, die größte Verschwendung stellt der verspätete Berufseintritt der nachwachsenden Generation dar.

Berücksichtigt man noch, daß in den theoretischen Naturwissenschaften die Höchstleistungen in der Regel in jungen Jahren erbracht werden, kann man sogar von einer systematischen Erschwerung dieser Höchstleistungen durch Studienverzögerung sprechen.

Ich wundere mich schon lange, daß da die Studenten nicht protestieren; stattdessen fordern sie Familienbeihilfe bis zum 27. Lebensjahr. Eigentlich sollte es so alte Studenten gar nicht geben.

Unser Wohlstandszuwachs wurde möglich, weil man im Bereich der Produktion gelernt hat, dieselbe Leistung mit immer weniger Aufwand zu erbringen. Warum sollte da ausgerechnet das Schulwesen eine Ausnahme machen?

Vergleicht man etwa die Bedienungshandbücher von Computern mit Lehrbüchern desselben Inhaltes, versteht man leicht, was ich meine. Da komplizierteste Sachverhalte leicht verständlich, ja spannend darstellende Handbücher, dort mit einem Fachchinesisch selbst triviale Sachverhalte unverständlich machende Fachbücher — und Vorlesungsskripten.

Warum das so ist: Computerfirmen stehen unter Wettbewerbsdruck: unter anderem verkauft der sein Produkt besser, der dessen Bedienung dem Benutzer leichter erlernbar macht. Solange es keinen transparenten Wettbewerb zwischen Universitäten gibt, wo man mehr schneller lernt, werden sie keinen Zwang sehen, sich zu ändern.

Dafür war die Abschaffung der Studiengebühren gerade der falsche Weg: warum sollte nicht jene Universität, bei der man das Stu-« dienziel in kürzerer Zeit erreicht, höhere Gebühren verlangen können, oder jene Universität, deren Zeugnis die besseren Berufschancen verspricht; die marktwirtschaftliche Methode, Eliteuniversitäten zu bekommen, denn gerade diese teuren, Elite züchtenden Universitäten haben den größten Andrang.

Bei uns ist es oft schon jetzt günstiger, an einer ausländischen Universität in kürzerer Zeit ein anerkanntes Diplom zu erwerben, wenn man das in der eingesparten Zeit zu erzielende Einkommen und die ersparten Lebenshaltungskosten dagegen rechnet.

Ich werde nie verstehen, warum ich für das Studium meiner Kinder nichts bezahlen soll, obwohl ich bereit wäre, dafür zu bezahlen. Jenen Studenten, deren Eltern das nicht leisten können, kann man immer noch Stipendien bezahlen, mit denen sie dann aber auch den Wettbewerb mitentfachen könnten. Das würde sich in Kürze als billiger und effizienter erweisen!

Und warum soll vom Einkommen der Universität nicht auch das Einkommen der Professoren abhängig sein?

Natürlich könnte man auch die Stipendien dynamisieren: etwa so, daß man Studenten jener Fächer, nach deren Absolventen die höchste Nachfrage am Arbeitsmarkt herrscht, die höchsten und jenen, deren Fachwissen am wenigsten gefragt wird, geringere Stipendien bezahlt, und das könnte alle Jahre an Hand der Statistik der Arbeitsmarktverwaltung angepaßt werden.

Warum soll die Gesellschaft gezwungen sein, mit ihrem Geld Fehlallokationen bei der Berufsausbildung finanzieren zu müssen, die dann später nicht nur den Steuerzahler weiter belasten, sondern auch zu Defiziten in jenen Berufen führt, von deren Arbeit unser zukünftiger Wohlstand wirklich abhängt?

Ich glaube fest, unser Ausbildungssystem geht den Weg unseres Gesundheitssystems: weil wir uns den jetzigen, wettbewerbsfreien und von jedem Zwang zur Produktivitätserhöhung befreiten Weg nicht länger leisten können, müssen wir das System radikal ändern.

Hier wie dort werden die Fronten dieselben sein: die Nutznießer des gegenwärtigen Systems gegen die — überwältigende — Mehrheit der Zahler.

Aber irgendwann werden sich die Zahler wehren müssen!

Der Autor ist Generaldirektor der Neusiedler AG.

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