Human Spirits

Das Licht am Ende

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Alternierend zu den „Animal Spirits“ von Kollege Oliver Tanzer nennt sich diese neue Kolumne „Human Spirits“ – und verweist damit auf die unermesslichen Potenziale und Abgründe des menschlichen Geistes. Dass Entfaltung und Absturz teils nahe beisammen liegen, ist zweifellos der Reiz dieser Auseinandersetzung, die uns gleichsam durch lichte Höhen und dunkle Höhlen führen wird. Der Anfang hier ist todernst, und zunächst vielleicht düster und bedrückend. Rund um Allerseelen erscheint es jedoch legitim, ja sogar geboten, den Blick auf das Ende zu richten. Und siehe da, auch dort findet sich allerhand Luzides! Erstaunlicherweise selbst bei jenen Menschen, die aufgrund fortgeschrittener Demenz bereits als geistig „umnachtet“ gelten. Seit der Antike gibt es Berichte über solche Patienten, die plötzlich wieder geistesklar werden: Aus heiterem Himmel treten sie mit bedeutsamen sprachlichen Mitteilungen oder Handlungen mit ihrem Umfeld in Kontakt. Das Phänomen ist vor allem in unmittelbarer Todesnähe bezeugt – nicht nur bei Demenz, sondern auch im Koma oder bei anderen Erkrankungen des Gehirns.

Alternierend zu den „Animal Spirits“ von Kollege Oliver Tanzer nennt sich diese neue Kolumne „Human Spirits“ – und verweist damit auf die unermesslichen Potenziale und Abgründe des menschlichen Geistes. Dass Entfaltung und Absturz teils nahe beisammen liegen, ist zweifellos der Reiz dieser Auseinandersetzung, die uns gleichsam durch lichte Höhen und dunkle Höhlen führen wird. Der Anfang hier ist todernst, und zunächst vielleicht düster und bedrückend. Rund um Allerseelen erscheint es jedoch legitim, ja sogar geboten, den Blick auf das Ende zu richten. Und siehe da, auch dort findet sich allerhand Luzides! Erstaunlicherweise selbst bei jenen Menschen, die aufgrund fortgeschrittener Demenz bereits als geistig „umnachtet“ gelten. Seit der Antike gibt es Berichte über solche Patienten, die plötzlich wieder geistesklar werden: Aus heiterem Himmel treten sie mit bedeutsamen sprachlichen Mitteilungen oder Handlungen mit ihrem Umfeld in Kontakt. Das Phänomen ist vor allem in unmittelbarer Todesnähe bezeugt – nicht nur bei Demenz, sondern auch im Koma oder bei anderen Erkrankungen des Gehirns.

Die terminale Luzidität ist ein Hoffnungsschimmer für die Demenztherapie. Das komplexeste Organ des Menschen hat offenbar ungeahnte Reserven.

Dieses unerwartete Aufleuchten des Geistes kann einige Sekunden, Minuten, Stunden oder Tage dauern. Für die Verwandten ist das wie ein Wunder, und auch für die Wissenschaft bleibt die „terminale Luzidität“ rätselhaft. Sie wird mitunter als spirituelle Erfahrung gesehen und in Zusammenhang mit anderen „End-of-Life“-Phänomenen wie Totenbett-Visionen und Nahtod-Erfahrungen gebracht. Eine Studie im Fachjournal Alzheimer’s & Dementia hat sich heuer um eine neurobiologische Erklärung bemüht. Denn für Gehirnforscher enthält die unverhoffte Geistesgegenwart eine vielversprechende Botschaft: Bisher ging man davon aus, dass Demenz ein irreversibler Prozess mit ebenso irreversiblen Beeinträchtigungen ist. Wenn es dem Gehirn jedoch selbst in stark abgebautem Zustand gelingen kann, seine Funktionen zumindest vorübergehend wiederzuerlangen, deutet dies auf eine reversible Komponente der Krankheit hin. Das wäre ein Hoffnungsschimmer für die bisher wenig erfolgsverwöhnte Demenztherapie: Das komplexeste Organ des Menschen hat offenbar ungeahnte Reserven.

„Ich habe keine Angst vor dem Tod“, hat Woody Allen gesagt. „Ich möchte nur nicht dabei sein, wenn es passiert.“ Aber nicht nur für Demenzpatienten ist es ein Geschenk, knapp vor dem Tod wach sein zu können – und nicht in geistiger Umnachtung dem Ende entgegenzusiechen. Das berichten Angehörige, die solche Momente als Segen oder als Belohnung für ihre Mühen empfinden. Für alle Beteiligten sind sie zutiefst kostbar: als Unterstützung bei einem Prozess, für den Hermann Hesse, zu Tode zitiert, folgenden Rat gibt: „Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!“