Human Spirits

Seelenlose Effizienz

1945 1960 1980 2000 2020
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Eines ist klar: Um besser zu werden, muss man sich bemühen. Umso mehr, wenn man Großes erreichen will, „zu den Sternen“ gelangen will. „Per aspera ad astra“: Das wussten schon die alten Römer. Schon immer gab es zwei Pfade, die zu diesem Zweck beschritten wurden: einen zur Steigerung der Leistungsfähigkeit (Arbeit, Sport, etc.), einen anderen zur Steigerung der Empfindsamkeit (Kunst, Spiritualität, etc.). Im Idealfall ergänzen sich die beiden Wege. Doch heutzutage ist der innerliche Prozess der „Entfaltung“ ins Hintertreffen geraten: Menschliche Entwicklung wird nicht mehr im Sinne von organischem Wachstum begriffen, wo sich „Blüten“ ganz von selbst öffnen, wenn die Bedingungen günstig sind –, sondern nur noch als biotechnische Effizienzsteigerung.

Zu sehr locken die fantastischen Potenziale der Leistungsmaximierung, zu deren Szenarien längst auch die Verschmelzung von Mensch und Computer zählt. Selbstoptimierung ist der derzeit meistdiskutierte Trend in der Gesellschaft, so die Schweizer Philosophin Dagmar Fenner, die kürzlich eine ethische Abhandlung zum Thema veröffentlicht hat („Selbstoptimierung und Enhancement“, 2019): Aus dem Druck, schöner, schlanker oder schlauer zu werden, sei bereits ein „gesellschaftliches Leitbild“ erwachsen, das unsere Lebenswelt immer stärker prägt. Tatsächlich ist Selbstoptimierung zur alles durchdringenden Ideologie geworden.

Eines ist klar: Um besser zu werden, muss man sich bemühen. Umso mehr, wenn man Großes erreichen will, „zu den Sternen“ gelangen will. „Per aspera ad astra“: Das wussten schon die alten Römer. Schon immer gab es zwei Pfade, die zu diesem Zweck beschritten wurden: einen zur Steigerung der Leistungsfähigkeit (Arbeit, Sport, etc.), einen anderen zur Steigerung der Empfindsamkeit (Kunst, Spiritualität, etc.). Im Idealfall ergänzen sich die beiden Wege. Doch heutzutage ist der innerliche Prozess der „Entfaltung“ ins Hintertreffen geraten: Menschliche Entwicklung wird nicht mehr im Sinne von organischem Wachstum begriffen, wo sich „Blüten“ ganz von selbst öffnen, wenn die Bedingungen günstig sind –, sondern nur noch als biotechnische Effizienzsteigerung.

Zu sehr locken die fantastischen Potenziale der Leistungsmaximierung, zu deren Szenarien längst auch die Verschmelzung von Mensch und Computer zählt. Selbstoptimierung ist der derzeit meistdiskutierte Trend in der Gesellschaft, so die Schweizer Philosophin Dagmar Fenner, die kürzlich eine ethische Abhandlung zum Thema veröffentlicht hat („Selbstoptimierung und Enhancement“, 2019): Aus dem Druck, schöner, schlanker oder schlauer zu werden, sei bereits ein „gesellschaftliches Leitbild“ erwachsen, das unsere Lebenswelt immer stärker prägt. Tatsächlich ist Selbstoptimierung zur alles durchdringenden Ideologie geworden.

Sogar die Psychotherapie, die auch ein Weg der menschlichen Entfaltung ist, hat sich mit dem Virus der Optimierung infiziert.

Perfide daran ist, dass diese allein die quantitativ messbaren Dimensionen des Menschseins adressiert. Und dass sie nicht auf einzelne Lebensbereiche beschränkt bleibt, sondern auch das Privatleben kolonisiert. Die ständige Konkurrenz mit anderen und der Kampf mit sich selbst führen bei vielen zur Überforderung oder gar in die Krankheit, wie kürzlich der Spiegel verdeutlichte.

Das Problem wird weiter verschärft, indem Praktiken, die dem Leistungsdruck eigentlich entgegenwirken sollten, selbst davon infiltriert sind: Sogar Wellness-Programme, Yoga- und Achtsamkeitskurse geraten heute oft zur Jagd nach der bestmöglichen Entspannung, der effizientesten Regeneration. Es ist ähnlich wie mit der grassierenden Lichtverschmutzung und dem schleichenden Verlust der Dunkelheit: „Optimierungsfreie Zonen“ werden immer seltener, bemerkt der Psychiater Klaus Lieb.

Sogar die Psychotherapie, die auch ein Weg zur menschlichen Entfaltung ist, hat sich vielfach mit dem Virus der Optimierung infiziert. Dass etwa das Therapeuten-Duo Stefanie Körber und Stefan Pott in ihrem Ratgeber „Liebeserklärung“ allen Ernstes nahelegt, beim „Reality- Check“ für eine „erfolgreiche“ Beziehung darauf zu achten, dass der Partner keine chronische Krankheiten aufweist, ist da nur ein Gipfelpunkt einer menschenverachtenden Ideologie. Höchste Zeit dafür zu sorgen, dass diese auf der Müllhalde der Geschichte entsorgt wird.