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Digital In Arbeit

Hundert Wörter fiir Hoffnung finden!"

Der unserem Dasein gebotenen Reifung und Läuterung genügen die existentiellen Prü-raquo; fungen — Einsamkeit, Unwissenheit, Müdigkeit, Sterblichkeit. Die sozialen Leiden — Armut, Rücksichtslosigkeit, Feindschaft, Krieg — sind durch den Einsatz geistiger und leiblicher Arbeit zu beheben.

Dieser Organisationsauftrag ist von der Theologie bis zur Ökonomie verbürgt, noch längst nicht erfüllt, und bietet zahlreiche Ansätze für seine Weiterführung. Gefährlicher für diese Arbeit als Mangel an Wissen und Mitteln sind Zielunklarheit, Zweifel an der Sinnhaftigkeit.

Die vielfach mangelnde vertikale Orientierung — mit ihrer wohltuenden Bewertung auch der jeweiligen Stunde und des Tags .— zwingt zu einer horizontalen Projektion auf der Zeitachse, die vergleichsweise weniger Nutzen stiftet. Von „Informationen" verwöhnt, erscheint uns die Zukunft besonders ungesichert. Diese Leere ist überzeichnet! Und durch dieses literarische Loch fallen leider reale Menschen!

Tatsächlich unterliegen wir keinem Zwang zu katastrophalen Abläufen. Die geschichtsbekann-ten Unglücke entstammen vielmehr Zwangsvorstellungen, Denkkatastrophen, Phantasielo-sigkeit, Mangel an Erlösungswissen.

Teilhard de Chardin etwa hat die Kraft, auf die Tatsache des Ansteigens der Weltbevölkerung nicht mit Platzangst und Futterneid zu reagieren, sondern einen moralischen Qualitätssprung aus dieser „planetaren Kompression" zu prognostizieren.

Es gibt eine personale Disposition (ich behaupte nicht Qualität), die nur mit „Religion" überlebbar ist. Und alle relativierbaren Erscheinungsformen der Religiosität können den, der nur mit ihr besteht, nicht beirren.

Welche „Energiequelle" r ist doch die Gewißheit, daß bis in die letzte Falte der Herzkammer hinein die Beweggründe und persönlichen Einsätze geprüft und beurteilt werden ... Nur so ist jeder Tag neu zu beginnen.

Verständnis der Weltkultur als System, Relativ'ierung eigener Positionen und Bildung realitätskonformer Modelle, wären Voraussetzungen jeder Erneuerung.

Die „Internalisierung" der Grundsätze optimalen Verhaltens durch die Individuen und die Subsysteme bei liberalisiertem Gesamtsystem, wäre ein genuin christliches Konzept. Damit könnte jene Spannungsdurchlässigkeit erreicht werden, die Intelligenz- und Loyalitätsvergeudung beendet. Schade um abgewiesene, ungehobene, zurückgestaute Seelenkräfte...

Es gibt keinen Frieden, solange die Mehrheit der Menschen die ihm vorausgesetzten Tugenden für langweilig hält! Der Christ ist immer einer, der zugleich unterwegs und zugleich am Ziel ist und zwischen diesen beiden Zuständen in Schwebe bleiben muß — samt allen Folgen für seine Glaubwürdigkeit und seine Uberlebensfähigkeit. Sich am Ziel zu fühlen, erlauben die Weltzustände nicht, sich ständig unterwegs zu fühlen, erlaubt der eigene Kraftvorrat nicht...

Es scheint mir denkunmöglich, zum Schluß zu kommen, daß die bisher entwickelten Strukturen (Wahnstrukturen) angesichts der einzelmenschlichen Qualität ein Endstadium zivilisatorischer Entwicklung darstellen könnten. Ganz im Gegenteil: Von einer durchaus vernünftig zu antizipierenden zukünftigen Reife her gesehen, sind heutige Mechanismen, die Kompetenz durch Aggression ersetzen, ins Vorgeschichtliche zu verweisen: Sie können Informationen nicht verarbeiten, sie können keine Optimierungskalküls anstellen, sie können systemfremde Erkenntnisse nicht transponieren und sie haben keine Hemmungen, Leben, auch menschliches Leben, ihren Vorstellungsengpässen zu opfern.

Erst wenn die Homunculi-Funk-tionsweise der Welt-„Mächte" durchschaut sein wird, werden die zur Erhaltung eines fiktiven Gleichgewichts errichteten

„Gesichert" sind tatsächlich nur die Gefahren. Ihre (computerunterstützte) Auf summierung ergibt rechnerisch den „Weltuntergang" — ein arrogierter Vorgriff in Finales unter Umgehung offenkundigen gegenwärtigen Leistungseinsatzes!....

Es wird gewiß ein universelles, intersubjektiv akzeptiertes neues Verständnis für die wahre Aufgabe der Menschheit gewonnen werden: die eigene Erkenntnis-, Willens- und Handlungsschwäche zu überwinden! Dies unter Einsatz bisher praktisch vergeudeter Sprach- und Modellbildungsleistungen, Begnadungen, über die eine technisch, organisatorisch und emotional integrierte Menschheit „verfügen" können wird.

Kräfte, schon dorthin unterwegs, finden sich in christlichen Kirchen, selbstkritischer Naturwissenschaft, der neuen Offenheit mancher Evolutionstheorien, sprachphilosophischen Richtungen, in der Zynismus und Destruktion überwindenden Literatur, politischen Bewegungen, die verantwortungsbewußt die Erkenntnis des Scheiterns von Ideologien und Machtsystemen aufzuarbeiten beginnen.

Vor allem aber findet man sie in unzähligen fleißigen, gutwilligen, gerechten, tapferen „kleinen" Leuten, Nachbarn, Arbeitskollegen, Helfern, die tagaus tagein allen unzumutbaren chaotischen, abstrusen Handlungsbedingungen zum Trotz, unter ausgleichendem Einsatz ihrer personalen Kraft diese Erde immer noch und immer wieder zu einem liebenswerten Wohnort machen!___

Meine Hoffnung darf grundsätzlich auch durch die Möglichkeit eines Kriegs nicht geschmälert oder genommen werden: Selbst für den Fall seines verheerenden Ablaufs bedeutet er keine neue, andere Beurteilung der menschlichen Lage, als durch die Befunde der (auch jüngsten) Vergangenheit gewonnen werden kann.

Die Geschichte erweist, daß selbst himmelschreiende Abwegigkeiten menschlicher Unternehmungen nicht fortgeschrieben werden, nicht zwingend zu einem Wahn ohne Ende führen.

Das Persönliche, das Schöpferische, die „Freiheit", das „Erlöstsein" zu Neuem sind nicht kompromittierbar.

Das ist keine unbillige Erleichterung, wohl aber eine Bestärkung zur Arbeit für die sonst so wehrlose Wahrheit.

Was aber ist wahr? Zum Beispiel, wie es der gewiß nicht naive Paulus treffend sagt: „Liebe, Freude, Friede, Geduld, Milde, Güte, Langmut, Sanftmut, Treue, Bescheidenheit, Keuschheit." In unserer Diktion: Relativierung eigener Sicht, Mißtrauen allzu geschlossenen Modellen gegenüber, vorbehaltlose Berücksichtigung des Lebensrechts jedes anderen!

Ein Weltverständnis erarbeiten von höchstrangiger Sicht- und Gestaltungskraft, einer friedensstiftenden lebensträchtigen Fülle und Reife, von der wir zwar heute, durch zwingende Hinweise geleitet, erst eine Vorahnung in Gleichnisse fassen können (siehe die Vermächtnisse der Größten); ein Weltverständnis, das aber so eindeutig, glaubwürdig erkennbar ist, daß es sogar über die unmittelbare unleugbare Bedrohung hinweg kräftespendend, befreiend, zukunftsweisend wirkt.

Nicht einmal Gefahren von der heute vorhersehbaren Entsetzlichkeit dürfen diese Schau trüben. Es ist also keine Frivolität, wenn hoffende Zuwendung sich auch jenen Zielen widmet, die jenseits der jetzt ausnehmbaren Bedrohung liegen. „Jenseits" in jedem Wortsinn.

Eskimos haben hundert Wörter für unser Wort „Schnee", weil sie diese Genauigkeit für ihr Uberleben brauchen. Wir werden hundert Wörter für „Hoffnung" entwickeln!

Diese Gedanken sind stark gekürzt einem umfangreichen Manuskript des bekannten „Kasuar"-Autors entnommen, das auch als literarisches Rumpfgebilde noch voll inspirierender Denkanstöße ist.

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